Wladimir Kaminer, der Geschichtenerzähler

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www.wladimirkaminer.deKatja Hentschel
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Geschichten sind das Einzige, was vom Leben bleibt, sagt Autor Wladimir Kaminer. Komische Momente entdeckt er sogar bei den syrischen Flüchtlingen.

Das Beste, was Menschen produzieren, sind ihre Geschichten, findet Wladimir Kaminer. „Das ist auch das Einzige, was vom Leben bleibt. Alles andere ist unbeständig, geht schnell kaputt, die Menschen selbst sterben. Und wenn niemand da ist, der ihre Geschichten weitererzählt, verschwinden sie im Nichts.“ Die anderen also zu verewigen: Das sieht der russisch-deutsche Schriftsteller, der vor inzwischen anderthalb Jahrzehnten mit „Russendisko“ bekannt geworden ist, irgendwie als seine Aufgabe.

In seinem jüngsten Buch „Das Leben ist (k)eine Kunst“, aus dem er heute Abend in Wien liest, erzählt er denn 35 solche Geschichten – von Jürgen, der Madonnas Party in seiner eigenen Berliner Bar verschläft, über den traurigen Clown Kowalew bis zur deutschen Klofrau, die sich wegen 50 Cent mit dem Rapper „50 Cent“ anlegt.

„Diejenigen, die sich später mit unseren Geschichten befassen, werden feststellen, dass vieles genauso passiert ist, wie es da steht. Einiges andere dagegen nicht“, heißt es in einer Anekdote in dem Buch, in der Kaminer erzählt, wie ihm das Geschichtenerzählen mehrmals das Leben gerettet hat. „Es ist alles wahr“, sagt er, vorbehaltlich künstlerischer Freiheit. Happy Ends im klassischen Sinn gibt es da selten, vielleicht deshalb, weil es sie im Leben auch nicht wirklich gibt. „Wie wir seit Buddha wissen, ist das Glück vorübergehend und instabil“, sagt der 48-Jährige. „Auf ewig existiert nur die Tragödie. Aber wenn man darüber lacht, gibt das die Hoffnung, dass sie überwunden werden kann. Darin sehe ich das Happy End.“

Und Tragödien könnten gleichzeitig sehr lustig sein. Sogar solche wie die der syrischen Flüchtlinge, über die Kaminer – selbst einst aus Russland nach Deutschland geflüchtet – jetzt ein Buch schreiben möchte. „Sicher ist das zurzeit die größte Tragödie, die sich vor unseren Augen ereignet“, sagt er. „Aber sie ist nur dann tragisch, wenn man ihr direkt in die Augen schaut. Wenn man einen Schritt nach links oder rechts oder nach hinten macht, nicht mehr.“

„Wo steht der Zug nach Island?“

Ausgerechnet Deutschland: So würde er sein Buch über die Flüchtlinge nennen. „Denn viele Menschen mit den unterschiedlichsten Vorstellungen von einem Paradies landen ausgerechnet in Deutschland – einem Land, das am wenigsten als Paradies für alle taugt.“ Deutschland funktioniere nach ziemlich strengen Regeln. „Die Menschen aus anderen Kulturen, die diesen Lebensentwurf nicht kennen, kommen tagtäglich in sehr lustige Situationen.“

Tragikomisch sei auch seine erste Begegnung mit syrischen Flüchtlingen gewesen, ausgerechnet in Wien: Alle seien im Hauptbahnhof damals auf der Suche nach dem Zug gewesen, der sie dahin bringe, wo das bessere Europa anfange. Das gelobte Land, das sie sich vorgestellt hätten, das wohl irgendwo jenseits von Wien existiere. „Dann kam einer und fragte: ,Wo steht der Zug nach Island?‘“, erzählt Kaminer. Und auf die Frage, was er dort wolle, ob er denn wisse, wo das liege, und warum überhaupt Island, sagte der Mann, das Wort habe ihm gefallen.

ZUR PERSON

Wladimir Wiktorowitsch Kaminer (48) hat inzwischen mehr als 20 Bücher geschrieben. Mit „Russendisko“ im Jahr 2000 wurde er einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Er ist in Moskau geboren, schreibt aber auf Deutsch. 1990 kam er als Flüchtling nach Berlin, wo er mit seiner Frau Olga und zwei Kindern lebt.

Die Lesung seines jüngsten Buchs „Das Leben ist (k)eine Kunst“ (Manhattan, 2015) heute in der Wiener Albertina ist ausverkauft. Anschließend findet ab 22 Uhr im Court der Albertina die Russendisko statt (Eintritt frei).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.03.2016)

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