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Tiefseetauchen unterm Votivpark

Die Türme der Votivkirche
Die Türme der VotivkircheImago
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Wie junge Künstler die Votivpark-Garage mit Installationen und Performances bespielen. Und warum diese Garage einst fast visionär war.

Was hat eine Tiefseetaucherin mit einer Tiefgarage zu tun? Es ist auch eine Art Abtauchen, eine versteckte Welt, die man – sofern man sie nicht braucht, um dort ein Auto abzustellen – von oben überhaupt nicht wahrnimmt, sagt Künstlerin Joanna Zabielska. Sie trägt einen selbst gefertigten Anzug aus Autoteilen und Lkw-Planen – inklusive einer Art altem Tiefseetaucher-Helm, das Sichtfenster ist ein Scheinwerfer. Und in diesem Anzug wird sie am Mittwoch in der Votivpark-Garage ihre Performance „Skafander“ zeigen – eine visionäre Tiefseereise in die Garage. Skafander, das ist polnisch und heißt so viel wie Tiefseetaucher- oder Raumanzug, erklärt Zabielska, selbst ursprünglich aus Polen. Sie wird am Mittwoch vom Sigmund-Freud-Park in die Garage führen – und will sich kritisch mit dem Thema Auto auseinandersetzen.

„Bei Autokritik geht es immer nur um Ökologie. Ich thematisiere die fehlende Kommunikation. In einem Auto ist man wie durch eine Wand getrennt. Man steht an der Kreuzung, sieht einander, aber kann kaum kommunizieren. In einem autobasierten Lebensstil kommt man mit anderen sozialen Klassen nicht in Berührung“, sagt Zabielska – das soll ihr Anzug verdeutlichen. Die Performance der jungen Künstlerin ist Teil des Projekts KunstRaumGarage. Dieses Projekt wurde 2013 vom Garagenbetreiber Wipark gemeinsam mit der Angewandten initiiert. Basierend auf einem Konzept für drei Jahre, sollte so Kunst im öffentlichen Raum entstehen, die die Garagen als Quasi-Ausstellungsfläche nutzt – und Mobilität thematisiert.

Nach der Garage Freyung im Vorjahr ist nun heuer die Votivpark-Garage dran. Am Mittwoch werden von 16 bis 22 Uhr diverse Performances und Installationen zu sehen sein. Die Aktion startet mit Screenings und Sound-Installationen um 16 Uhr, ab 17 Uhr wird Zabielska ihre Performance zeigen. Nach einer offiziellen Eröffnung findet dann ab 19 Uhr die Lesung „We park we write“ von Sarina Scheidegger mit Hannah Bruckmüller und Grzegorz Kielawski statt, ab 22 Uhr ist im ersten Untergeschoß die Sound Performance „Digesting the material here“ zu sehen. Kuratiert wird das Projekt von Barbara Holub. Und teilweise werden die Werke auch länger in der Garage zu sehen sein. So wie jenes von Oliver Alunovic, der den Vorraum der Tiefgarage, durch den man diese vom Jonas-Reindl aus betritt, behandelt. Er hat diesen Raum, aus Tuschezeichnungen, als „Axonometrische Projektion“, wie er sagt, umgesetzt. Zu sehen sind diese eben dort auf einer Plakatwand. „Es ist eigentlich ein Nichtraum, aber sehr effizient gestaltet, typisch für die Architektur dieser Zeit“, sagt Alunovic, der – wie alle beteiligten Künstler – an der Angewandten studiert.

Architektonisch – und historisch – ist diese Garage übrigens auch abgesehen von dieser Aktion interessant: Errichtet 1962, basiert sie auf der damals innovativen Idee Rainer Rainers, den Individualverkehr vor dem Stadtzentrum abzufangen. So entstand mit der Votivpark-Garage die erste öffentliche Tiefgarage in Wien – und unterirdisches Parken war damals noch eine luxuriöse Angelegenheit: Mitte der 1960er-Jahre wiesen Hostessen auf Rollschuhen in weinroten Uniformen die Autofahrer ein, außerdem gab es dort unten ein Theaterkartenbüro, einen Bankschalter, ein Restaurant und eine Autowaschanlage – der Preis der Autowäsche berechnete sich nach der Wagenlänge, und dank eines eigenen Brunnens konnten auch an Sommertagen Autos gewaschen werden.

Luxus mit Rollschuhen und Stars

Zu den Stammgästen der Garage zählten damals übrigens laut Wipark Peter Alexander, Senta Wengraf, Peter Rapp, Fritz Muliar und Ernst Fuchs. Damals wurde sogar ein eigener Gärtner beschäftigt, der sich um die zahlreichen Pflanzen in der Garage kümmerte. Eine Geschichte, von der viele, auch wenn sie oft die Station Schottentor, den Park oder das Jonas-Reindl passieren, keine Ahnung haben. „Ich war oft hier, aber wusste nichts von einer Tiefgarage“, sagt Joanna Zabielska. Und so entstand ihre Idee des Eintauchens von oben in die tiefe Garage, fast wie in die fremde Tiefseewelt.

AUF EINEN BLICK

KunstRaumGarage, ein gemeinsames Projekt des Garagenbetreibers Wipark, departure und der Universität für angewandte Kunst, wurde 2013 ins Leben gerufen und ist auf drei Jahre ausgelegt. Voriges Jahr wurde im Rahmen dieses Projekts unter anderem die „Kathedrale der Moderne“, ein künstlerisch gestaltetes Leitsystem für die Garage Freyung, gestaltet. Heuer ist die Votivpark-Garage an der Reihe: Am Mittwoch, dem 16. März, sind von 16 bis 22 Uhr diverse Installationen und Performances in der Tiefgarage zu sehen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.03.2016)