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Syrerinnen veröffentlichen verbotene Filmaufnahmen aus Raqqa

IS-Anhänger feiern ihren Sieg über die Provinz Raqqa.
IS-Anhänger feiern ihren Sieg über die Provinz Raqqa.REUTERS
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"Ich will leben, wie ich will" - zwei Frauen filmen heimlich das Leben in der IS-Hochburg. Sie berichten von Unterdrückung, Schrecken und den Ängsten des IS.

"Ich sehne mich, den Niqab und die Dunkelheit, die mich umhüllt, für immer abzunehmen", sagt eine komplett in schwarze Kleider verhüllte Frau, nicht einmal ihre Augen sind zu sehen. "Ich will leben, wie ich will. Ich will allein aus dem Haus gehen können, in Freiheit, ohne einen männlichen Begleiter."

Es sind Aufnahmen von zwei Syrerinnen aus der syrischen Stadt Raqqa, einer Hochburg des Islamischen Staates. Die beiden Frauen wollen Einblicke in das Leben unter der Terrormiliz liefern. Sie bleiben in dem Film anonym - Om Mohammad und Om Omran sind nur Pseudonyme. Denn sollte der IS herausfinden, dass sie heimlich filmen, drohen sie exekutiert zu werden.

Mit unter ihrem Vollschleier versteckten Kameras und Mikrofonen filmten sie den Alltag in Raqqa. Ihre Aufnahmen ließen sie zunächste dem schwedischen Nachrichtensender "Expressen" zukommen. Nun hat "CNN" Aufnahmen mit englischem Untertitel veröffentlicht.

Niqab auf Packungen für Haarfärbemittel

Mehr als 220.000 Einwohner lebten in der Stadt im Osten Syriens, bevor der IS sie 2014 eroberte. Mittlerweile ist ein Großteil der Menschen geflohen, bei den Luftangriffen der internationalen Anti-IS-Allianz und Bodenkämpfen ums Leben gekommen oder von den Islamisten hingerichtet worden. Besonders Frauen leiden unter der Herrschaft des IS. Schritt für Schritt wurden sie in ihren Freiheiten eingeschränkt.

Früher konnten sie noch studieren und arbeiten gehen. Mittlerweile dürfen sie nur mehr mit Doppelverschleierung, schwarzen Handschuhen und in männlicher Begleitung außer Haus gehen. "Frauen mögen es, ihre Gesichter zu zeigen. Wir haben diese Möglichkeit verloren, wir haben unsere Femininität verloren", erzählt Om Mohammad.

Selbst vor Produktpackungen im Supermarkt machen die Islamisten nicht halt. Als die Frauen Haarfärbemittel kaufen wollten, zeigt ihr die Verkäuferin aus der Türkei importierte Packungen. Die Gesichter der Frauen sind mit schwarzem Filzstift übermalt, nur mehr ihre Haare sind zu sehen. "Musstet ihr die Gesichter übermalen", fragt eine der Frauen. "Ja, mussten wir", antwortet die Angestellte. "Sie tragen alle einen Niqab."

Frauen dürfen nicht alleine im Taxi fahren

Ein anderes Mal wollen Om Omran und Om Mohammad mit dem Taxi fahren. Doch der Fahrer darf keine Frauen ohne männlichen Begleiter in seinem Auto mitführen. "Sie würden das Auto stoppen und einen mit 30 Peitschenhieben bestrafen. Die Frau würde auch bestraft", antwortet er. Mit "Sie" ist der IS gemeint. Der Taxifahrer erzählt, die Dschihadisten hätten ihn gezwungen, eine Vollverschleierung für seine Tochter zu kaufen. Dabei sei diese noch ein kleines Kind, empört er sich.

Auch von Exekutionen berichten die Syrerinnen, von den strengen Kontrollen, von der Hishbah, den weiblichen Sicherheitskräften des IS. Ihre Bilder zeigen verlassene Straßen, Trümmerhaufen und gespenstische Eindrücke einer einst pulsierenden Stadt.

Ausländische Kämpfer hätten die meiste Macht, erklären die Frauen. Syrische IS-Mitglieder stünden in der Rangordnung weiter unten. So leben auch vor allem Anhänger aus Saudi Arabien und Europa, wie Franzosen oder Schweden, in den ehemals reichsten Bezirken der Stadt.

Doch das Schreckensregime zeigt Brüche. Ausländische IS-Mitglieder hätten Kontrollpunkte errichtet, syrischen Bürgern ihre ID-Karten abgenommen und sie verwendet, um in die Türkei zu flüchten, sagen die Syrerinnen. Die zurückgebliebenen IS-Kämpfer seien vorsichtiger als früher, versteckten ihre Waffen aus Angst vor Angriffen. Zuletzt hat der IS in Syrien und im Irak zunehmend Gebiete verloren. Es kursieren sogar Gerüchte, dass IS-Mitglieder ihren Abzug aus Raqqa vorbereiten würden.

>>> Zum Bericht auf "Expressen".

>>> Zum Bericht auf CNN.

(maka)