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Springer und Hartmann können die Hände nicht in Unschuld waschen

Georg Springer (l.) und Matthias Hartmann.
Georg Springer (l.) und Matthias Hartmann.(c) APA/HERBERT NEUBAUER

Die üble Burgtheater-Aufführung war kein Einpersonenstück der kaufmännischen Direktorin. Freilich hätten das viele Mitspieler nur allzu gern.

Über zwei Jahre hat es gedauert, bis der Rechnungshof den Rohbericht über die Burgtheater-Prüfung vorgelegt hat. Im März 2014 hatte ihn Kulturminister Josef Ostermayer ersucht, das Haus am Ring unter die Lupe zu nehmen. Denn was die vergangenen Jahre zu verheimlichen gelungen war, ließ sich nicht mehr vertuschen: In dem bekanntesten Theater des deutschen Sprachraums hat jahrelang nicht nur die Kunst, sondern auch Miss- und Freunderlwirtschaft regiert. Und wie es für das Gelingen einer guten Tragödie eben notwendig ist, hat es dafür mehrerer Protagonisten bedurft. Auch wenn das viele nicht so sehen wollen. Vornehmlich jene nicht, die bei dem Schauspiel mitgespielt haben.

Zweifellos, ein Gutteil an dem wirtschaftlichen Desaster des Hauses hat die ehemalige kaufmännische Geschäftsführerin Silvia Stantejsky zu verantworten. Die „Seele des Hauses“, „Herz des Theaters“, wie sie auch von dem damaligen Burgtheater-Direktor Matthias Hartmann und dem früheren Bundestheater-Holding-Chef Georg Springer oft und gern genannt wurde, mag viele menschliche Qualitäten haben. Die Fähigkeit, ein Theater nach den Grundsätzen ordnungsgemäßer Buchführung zu leiten, hatte sie jedoch nie.

Doch um dieser Tatsache ins Auge zu sehen, hätte es nicht erst zu den Vorfällen im Herbst 2013 kommen müssen, die zur Entlassung von Stantejsky geführt haben. Bei einer Gebarungsprüfung hatten die KPMG-Wirtschaftsprüfer festgestellt, dass sie sich größere Summen Geldes vom Burg- auf ihr Privatkonto überwiesen hatte. Ähnliches war – wie man aus dem Rechnungshof-Bericht erfährt – schon früher passiert. Ein Beispiel: Stantejsky überwies sich im August 2008 unter Missachtung des Vieraugenprinzips und ohne jede Rechtsgrundlage 9400 Euro für nicht konsumierte Freizeit auf ihr Konto. Auch dass die kaufmännische Direktorin jahrelang die Steuererklärung für viele Künstler der Burg fabrizierte, war zwar kein Geheimnis, störte aber niemanden in der Holding.

Stantejsky genoss als Liebkind von Springer eben die längste Zeit eine Sonderbehandlung. Für den Rechnungshof ist jedenfalls bis heute nicht verständlich, wie es überhaupt dazu kommen konnte, dass Stantejsky Thomas Drozda 2008 als kaufmännische Geschäftsführerin nachfolgen konnte. Bei dem Auswahlprozess war sie nämlich von dem involvierten Personalberatungsunternehmen nur als Dritte gereiht worden. Zwei externe Bewerber wären nach Auffassung der Experten deutlich besser für den Job geeignet gewesen. Doch die von Springer eingesetzte Kommission, der Drozda und Holding-Prokurist Othmar Stoss angehörten, entschied sich dennoch für Stantejsky.

Bei der Historie wundert es umso mehr, wie gut es Georg Springer gelungen ist, sich aus der Affäre zu ziehen. Schließlich war er all die Jahre Aufsichtsratsvorsitzender der Burg. Doch er bekannte sich – sehr geschickt und anders als Hartmann – zu einer Mitverantwortung an dem Großchaos, ohne jedoch entscheidende Konsequenzen zu ziehen. Und er verstand es, Minister Ostermayer nach Hartmanns Entlassung zur Hand zu gehen. Eine Strategie, die aufging: Alle Rechtsgutachter, die der Minister beauftragt hatte, exkulpierten Springer. Lediglich sein Leben als gut versorgter Pensionist begann auf seinen eigenen Wunsch hin einige Monate früher als vorgesehen.

Und was ist mit Hartmann? Ist er das wahre Opfer, ist ihm überhaupt etwas vorzuwerfen? Nach Aussagen von „News“ bescheinigt ein von der Staatsanwaltschaft in Auftrag gegebenes Gutachten, dass er an der Burg-Bilanzierung nicht mitgewirkt hat. Gut möglich. Es sei Hartmann doch gegönnt, dass es nie zu einer Anklage wegen Untreue oder Bilanzfälschung kommen wird. Aber nur weil einer gerade noch kein Verbrechen begangen hat, ist er noch nicht fein heraus. Für seine Entlassung wird es dennoch wohl allen Grund gegeben haben. Auch der Rechnungshof führt einige Punkte an, die Hartmanns Rolle kritisch beleuchten. So seien etwa Auszahlungen an den ehemaligen Burg-Direktor aus „nicht immer“ nachvollziehbaren Gründen erfolgt, oder es fehlen Belege für Reisekosten.

Am Ende lässt das Stück ein verstörtes Publikum zurück. Denn es hat viel zu lang gedauert, bis der Vorhang zumindest ein kleines Stück gelüftet worden ist.

E-Mails an: judith.hecht@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.03.2016)