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Wiener Bäder als Problemzone?

(c) Clemens Fabry

Fälle sexueller Belästigung in Wiener Bädern häufen sich - wenn auch auf niedrigem Niveau. Von Verbrechen, Hysterie, beschaulichem Planschen und der Angst vor dem Sommer.

Wien. Belästigung, Grapschen, Vergewaltigung – auch zuletzt wieder zwei Sexattacken: Im Hütteldorfer Bad soll ein Afghane vor einem Mädchen anzügliche Gesten gemacht haben, in Klagenfurt hat offenbar ein Mann ein Kind in eine Grotte gelockt und dann dessen Mutter angegriffen. Ausländische Männer, die Frauen und Kinder belästigen – ein Massenphänomen?

Eher nicht. Im Stadthallenbad ziehen die Sportler ihre Bahnen, im Meidlinger Theresienbad dümpeln Seniorinnen im Wasser. Im Hütteldorfer Bad planschen Eltern mit ihren Kindern, am Nachmittag hängen dort Jugendliche – auch arabischer Herkunft – herum. Belästigung oder sonst irgendwie unangebrachtes Verhalten? Zumindest an diesem Tag ist davon keine Spur.

„Natürlich“ seien schon Jugendliche, die kaum Deutsch sprechen – den rechtlichen Status kenne er freilich nicht – negativ aufgefallen, sagt ein Bademeister in Hütteldorf. Wie das bei Jugendlichen seit jeher vorkommt. Beckenrandsprünge, Herumspritzen und Ähnliches. Auch Belästigung sei schon vorgekommen. Sieht man sich die Zahlen an, werden diese Fälle offenbar mehr: 2015 gab es in den Wiener Bädern vier Fälle, in denen wegen Sexualdelikten die Polizei gerufen wurde: Im Juli hat im Simmeringer Bad ein Mann drei Minderjährige belästigt. Im August hat im Hütteldorfer Bad ein Voyeur mit Spiegel in fremde Kabinen geschaut. Ebenfalls im August soll ein Mann im Laaerbergbad im Wasser einen Buben angefasst haben. Im Dezember hat im Theresienbad ein irakischer Asylwerber bekanntlich einen Zehnjährigen vergewaltigt.

2016 waren es bisher zwei Fälle, beide haben sich im Hütteldorfer Bad ereignet. Dieses, so Martin Kotinsky von den Wiener Bädern, habe den Ruf, in diese Richtung „anfällig“ zu sein: Im Jänner, als Burschen auf eine Kabinenwand geklettert sind, um Frauen zu beobachten, wollten diese Frauen dann doch nicht, dass die Polizei gerufen wird. In Medien war von Asylwerbern die Rede, im Bad hört man, die Mädchen und Burschen hätten sich gekannt, die Burschen zwar mit Akzent, aber doch gut Deutsch gesprochen. So gut, dass es zu einem „Die Schlampen sollen den Mund halten“ gereicht habe. Auch im Fall von voriger Woche ist der beschuldigte Afghane offenbar schon länger in Wien. „Er ist seit vier Jahren da, macht eine Lehre. Er sagt, er habe nach einem Schlüssel getaucht. Der Schwimmlehrer bestätigt aber, dass es obszöne Gesten gab“, so Kotinsky. Klar ist, alle, von Bademeister bis Polizei, sind hoch sensibilisiert: So sind etwa vorige Woche neun Polizisten in Hütteldorf angerückt.

 

„Schauen jetzt genauer“

Meist geht es bei den Polizeieinsätzen in Bädern nicht um Belästigung. „Diebstähle, Vandalismus, Unfälle, Raub“, liest Kotinsky eine lange Liste von Polizeieinsätzen vor. „Das Bad“, sagt er, „ist von Haus aus ein gefährlicher Punkt, ein sensibler Ort.“ Eine Vergewaltigung gab es bis zum Dezember noch nie, Fälle von Belästigung aber jedes Jahr „ein paar“. „Natürlich schauen wir jetzt genauer“, sagt ein Bademeister. Dazu ist das Personal angehalten, auch eigene Deeskalationsschulungen gibt es nun. Mehr Personal aber nicht. Auch private Wachleute nicht. Im Hinblick auf den Sommer ist das aber in Diskussion. „Die Frage ist aber, was bringen zwei Security-Leute bei tausenden Gästen? Was kostet das? Bei 40 Leuten bin ich bei einer Million“, so Kotinsky. Vorerst setzen die Bäder auf das eigene Personal und die Polizei – jüngste Berichte, man locke Polizisten nun mit Gratiseintritt, stimmen aber nicht ganz. Gibt ein Polizist an der Kasse Dienstnummer und Namen an, zahlt er seit jeher nicht. Er stelle sich damit aber quasi in Bereitschaft, passiert etwas, wird er ausgerufen. Vor allem im Sommer seien diese Stand-by-Polizisten sehr willkommen, denn was die Saison angeht – da ist die Stimmung merklich angespannt. „Das Schlimmste, auch bei den Mitarbeitern, ist die Unsicherheit, was im Sommer passiert“, so Kotinsky.

Auf Besucherzahlen haben die Übergriffe bisher keinen Effekt: Im Jänner lagen diese leicht unter, im Februar über dem Vorjahr. Haben die Gäste Angst? „Eigentlich nicht. Ich würde meinen Sohn sowieso nicht aus den Augen lassen“, sagt die Mutter eines Vierjährigen. Ein anderer, regelmäßiger Saunagast meint, er würde „denen“ im Fall des Falles schon deutlich machen, wie man sich „sicher nicht aufführt“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.03.2016)