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Praktikanten-Bericht erschüttert Londoner Bankenszene

(c) DiePresse.com (Philipp Splechtna)
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Der aufsehenerregende Bericht eines Londoner Schülers zur Mediennutzung von Jugendlichen stellt einige Einschätzungen professioneller Analysten auf den Kopf.

Wien (mar). Für Unternehmen zahlt es sich aus, Praktikanten zu beschäftigen. Sie bringen in der Regel gehörigen Respekt vor dem Arbeitgeber mit, sammeln Punkte für den Lebenslauf und verrichten Handlangerdienste, für eine Handvoll Euro oder völlig umsonst. Nur noch selten kommt es vor, dass ein Praktikum in eine Beschäftigung übergeht. Noch viel seltener ist es aber, dass die Arbeitsergebnisse eines Praktikanten über den jeweiligen Einsatzbereich hinaus Wellen schlagen – oder sogar internationale Aufmerksamkeit erlangen. Die Rede ist diesmal nicht von der berühmtesten Praktikantin der Welt, nach deren Beschäftigung im Weißen Haus US-Präsident Bill Clinton 1999 am Rande des Rücktritts stand. Sondern von einem englischen Teenager, der gerade Erfahrungen bei der Londoner Niederlassung der US-Bank Morgan Stanley sammelt.

Ein Bericht erschüttert die „City“

Der 15-jährige Matthew Robson sollte probeweise einen kurzen Analystenbericht schreiben. Niemand hat erwartet, was dabei herauskam: Der Report beinhalte „einige der klarsten und aufrüttelndsten Ansichten, die uns bisher begegnet sind“, kommentiert Edward Hill-Wood, Analyst bei Morgan Stanley: „Also haben wir sie veröffentlicht.“

Daraufhin sorgte der Text für eine Resonanz, mit der ebenfalls niemand gerechnet hatte. Die „Financial Times“ (FT) brachte ihn am Montag auf der Titelseite, das Interesse unter Medienmanagern und Investoren ist riesig. „Wir haben viele Dutzend Fondsmanager und Geschäftsführer, die uns nun täglich anrufen“, wird Hill-Wood in der „FT“ zitiert. Dann gibt er zu, dass das Feedback, das der Text des Schülers bekommt, fünf bis sechs Mal größer sei als bei den „üblichen“ Berichten von Morgan Stanley. Der „Guardian“ meldet, dass der Report die „City“, das Londoner Bankenviertel, erschüttert – und ganz nebenbei auch die Arbeit der professionellen Analysten desavouiert.

Im Mittelpunkt des Textes steht die Mediennutzung junger Menschen, was wiederum Rückschlüsse auf die Geschäftsaussichten einzelner Medien erlauben soll. Anders als bei klassischen Marktanalysen üblich, werden die umfangreichen Statistiken der Jugendforschung links liegen gelassen. Matthew Robson bekam schlicht die Aufgabe, die Mediennutzung seiner Freunde zu beschreiben. Zum Teil bestätigen seine Aussagen allgemein bekannte Trends – und zum Teil stehen sie im direkten Widerspruch dazu.

So bestätigt Robson, dass sich junge Zielgruppen von den klassischen Medien – Print, Radio, Fernsehen – abwenden und stattdessen auf elektronische Medien setzen. Kaum noch jemand höre regelmäßig Radio: Musik als wichtigste Nutzungsmotivation gebe es auch per Livestream, im Internet lasse sich die Abfolge der Lieder individuell und werbefrei zusammenstellen. Dasselbe gelte auch für das Fernsehen – zwar seien Fußball, bestimmte Shows und Serien nach wie vor beliebt, aber die individuelle Filmauswahl per DVD oder das zeitunabhängige Herauspicken einzelner Programmbestandteile als Podcasts gewinne ständig an Reichweiten. Auch gedruckte Medien kommen nicht gut weg: Teenager seien nicht bereit, große Zeitungen zu lesen und vor allem zu bezahlen, schreibt Robson.

Aber vor allem im Hinblick auf die elektronischen Medien stehen die Beobachtungen des 15-Jährigen im direkten Widerspruch zu den gängigen Meinungen des Marktes. Am schlechtesten kommt Twitter weg – ein Portal für persönliche Kurzmitteilungen, das lange als der neue große Trendsetter gegolten hat. Das Fazit von Robson ist vernichtend: „Teenager nutzen Twitter nicht.“ Es sei für sie einfach zu teuer und nutzlos, per Handy ihr Profil zu pflegen, da es sowieso niemand betrachte. Dagegen seien sie gerne bereit, Geld für Videokonsolen, Kino und Konzerte auszugeben.

Eine Frage bleibt offen: Wer soll die kostspieligen, aber umsonst vertriebenen Inhalte finanzieren? Der Bericht macht deutlich, dass Jugendliche bezahlte Inhalte vehement ablehnen. Und für Werbung als das zweite Finanzierungsmodell haben sie – in klassischen Medien, und noch mehr im Internet – ebenfalls nur Verachtung übrig. s. auch S. 25

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.07.2009)