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Das emotionale Desaster: Vier Ab-Gründe Europas

Der Suizid Europas aus Angst vor dem Sterben ist in vollem Gange. Ein Vereinigtes Europa gab es nie und wird es nie geben.

Wir sind am Ende. Ein Vereinigtes Europa gab es nie und wird es nie geben. Alles, was jetzt noch an mehr Gemeinsamkeit kommen kann, ist nur eine Panikblüte – ein Aufbäumen vor der endgültigen Verwelkung. Die Pessimisten haben berechtigte Hochkonjunktur, Optimisten sterben endgültig aus.

Wie auch sollte es sie noch geben, angesichts des für alle spürbaren realen Abstiegs. Die Bevölkerungen der Staaten lassen es nicht nur zu, dass künftige Bedeutungslosigkeit in Kauf genommen wird, sie befördern diese durch Ängste, Dummheit, Ermattung und Gleichgültigkeit – kurz und gut durch emotionale Befindlichkeiten, die jede Rationalität überlagern. Der Suizid Europas aus Angst vor dem Sterben ist in vollem Gange.

Ab-Grund 1, die Erschöpfung der Mittelklasse: Die europäischen Mittelklassen sind alt. Das Durchschnittsalter in einzelnen Staaten der EU ist im Vergleich zu den aufstrebenden Gesellschaften Asiens und den hereindrängenden Gesellschaften Afrikas unglaublich hoch.

Zur Überalterung gesellt sich ein zweites Motiv: relativer Wohlstand, in dem man es sich bequem eingerichtet hat. Man mischt sich nicht mehr in den Staat ein, man hat ihm alles abgerungen. Die altersbedingte grundsätzliche Handlungsermattung kommt hinzu. Wozu aufregen? Kostet doch nur Kraft.

Weitere emotionale Narkosemittel wie Vorsicht, Feigheit, Gewohnheit, falsch interpretierte Toleranz und politische Korrektheit führen zu Stagnation und Erstarrung einer Gesellschaft, die von Ängstlichen und Uninformierten geprägt ist. Erhält die angsterstarrte Gesellschaft einen heftigen Stoß von außen, beginnt sie zu taumeln.

Wer auf Veränderungen und Herausforderungen nicht mit gemeinsamen tauglichen Antworten und Kraftanstrengungen reagieren kann, verliert. Die derzeitige Wanderung von Menschen ist ein Vorgeschmack auf die Zukunft. Der Blick auf die demografische Entwicklung Afrikas und Asiens und der Vergleich mit Europa lassen uns Unvermeidliches erkennen.

Ab-Grund 2, das Schweigen der Lämmer: Vom erschöpften Bürgertum geht eine substanzielle Gefahr für den europäischen Gedanken aus. Warum? Die satten und matten Alten schweigen im politisch korrekten Konsens zu den Verwerfungen der Gesellschaft. Sie fürchten, bei einer vermeintlich „unpassenden“ Wortmeldung ins rechte oder linke Eck gedrängt zu werden. Das Schweigen im Wohlstand gehört zum kulturellen Inventar der in jeder Hinsicht Besitzenden.

Wenn die Zivilgesellschaft ihre Restenergie nicht als Zu- und Widerspruch in die Regierungen und Parlamente hineinträgt, erhalten die sogenannten politischen Eliten ihr Feedback nur aus den Lagern der Rechts- und Linkspopulisten. Sie werden zwangsläufig zu Handlangern paranoider und rein emotionaler Befindlichkeiten – ein Auffanglager für die Ängste Unwissender und Nachplappernder.

Die schweigenden gutbürgerlichen Gutmenschen sind durch ihren Egoismus erfolgreich geworden. „Alles Geld: mir! Alle Bildung: mir! Alle Freiheiten: mir! Alle Vorteile in der Gesellschaft: mir. Alle Amnestien und Amnesien: mir – und bitte wenig Kinder.“

Bei so viel Glück und Unverschämtheit regt sich das Gewissen. Man tut etwas! Die Flüchtlinge sind eine erstklassige Projektionsfläche. Die überversorgte Gesellschaft wird zur überbesorgten Gesellschaft mit Charityreflexen. Sie beteiligt sich nicht mehr an der politischen Willensbildung und kompensiert ihre selbstverordnete Ohnmacht im oft eitlen Helfen.

Das Verschwinden Europas, das Scheitern der Politik, der Einzug von Antidemokraten und Populisten in die Parlamente – all das wird gerne übersehen, es passt nicht (mehr) zum Lebenskonzept. Auch die prekäre Zukunft der eigenen Jugend scheint niemanden aufzuregen, man tut ja jetzt Gutes.

Ab-Grund 3, die Sehnsucht nach eisernen Händen: Weil viele spüren, dass die Herrschaftsmodelle der europäischen sozialen Demokratien gegenüber den autoritären Modellen in puncto Übersichtlichkeit, Einfachheit und Eindeutigkeit unterlegen sind, wird die Demokratie insgesamt zur Disposition gestellt. Ruhe und Ordnung im Staate sind oberstes Ziel.

Störenfriede (auch Flüchtlinge) werden ausgegrenzt und aus- oder eingesperrt, weil sie die Erwartungen nach Blitzintegration nicht erfüllen können. Wie auch? Die fatale Sehnsucht nach dem ungestörten Blick auf eine gleichgewalzte Realität ist ein Bedürfnis der eher Schwachen, der Ungebildeten, der Systemverlierer und der Ängstlichen, die sich vom Fremden bedroht fühlen, weil sie es nicht verstehen. Und die sind die Mehrheit.

Die Populisten und die gewissenlosen Politiker nützen die Behütungssehnsüchte für ihre Zwecke. Die Orbáns, die Erdoğans, die Kaczyńskis, aber auch die Ficos und die Straches bedienen dieses Angstsegment mit immer neuen Phrasen und dem „Heilmittel“ Demokratieabbau. Die eisernen Hände haben Konjunktur, die Vereinfacher sind ihr Sprachrohr. Nichts darf sich ändern, wir sperren uns zu und ein und alle anderen aus. Aus! Weil starr alles beim Alten bleiben soll, wird es „dieses Alte“ nicht mehr lang geben.

• Ab-Grund 4, der depressive Pessimismus und die reale Entwicklung: Wir haben es ja immer gewusst: Es kann nicht gut gehen. Alles wieder zurück in eine „gute, alte Zeit“, in der der gleiche Stamm sich eine Grenze gegeben hat, hinter der man sicher war – vor sich und seinesgleichen, aber erst recht vor den anderen. Die Flüchtlinge zeigen uns unsere viel engeren Grenzen auf, als wir – die naiven Rührseligen – es wahrhaben wollten.

Europa war nie eine „Gemeinschaft der gleichen Werte“. Wir, die wir Kriege, Faschismus, Diktaturen, Kommunismus mit einem euphorischen „Nie wieder“ gemeinsam zu überwinden hofften, sind an unserem naiven Wunschdenken gescheitert. Die Briten als bildgebendes Land für das realistisch zu sehende Europa waren zu keiner Zeit für ein sentimental zusammengebundenes gemeinsames Europa zu haben. Das war ihnen emotional fremd, sie waren immer nur für einen gemeinsamen Markt.

Das enttäuschte, alternde, reiche und erschöpfte Bürgertum schweigt und engagiert sich in Einzelaktionen. Watzlawick hatte recht: Emotion dominiert Ratio.

Rational – angesichts der globalen Herausforderungen – wäre ein wirklich gemeinsames Europa wohl die einzig richtige Antwort. Aber emotional gesteuert, sperrt dieses reale uneinige Europa die Grenzen, wiegelt Bevölkerungen auf und tritt die Flucht nach hinten an. Nationalistische Impfaktionen machen immer mehr Menschen immun gegen Weltoffenheit, Kooperationsfähigkeit und Toleranz. So wird ein einiges Europa auch in der Zukunft kein gemeinsames Projekt sein. Es wird vielmehr ein Fleckerlteppich der Bedeutungslosigkeit sein, etwas total Zerrissenes.

Solidarität wird verunglimpft und Trennendes vor Verbindendes gestellt. Möglicherweise ist Europa schon bald wieder etwas nicht Friedliches. Die wirkliche Katastrophe wetterleuchtet am Horizont: ein Krieg der Verlierer im Verteilungskampf um Raum und Geld.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

DER AUTOR




Dr. Hans Bachmann
(*1948, Spittal/Drau) studierte Volkswirtschaft und Politikwissenschaft an der Universität Wien und in Sydney. Er arbeitete als Werbetexter, Coach, Berater und Lehrer. Unterrichtstätigkeit als Dozent an den Fachhochschulen Joanneum und Hagenberg. Themen: Kommunikation, Persönlichkeit, Kreativität. [ Privat ]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.03.2016)