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„Menschen im Hotel“ – alles nur Fassade

Probenbild
(c) Wiener Kammerspielen
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In den Wiener Kammerspielen betont Regisseur Cesare Lievi nicht das Leichte, sondern das Melodram.

Vicki Baum, 1888 in Wien geboren, in der Weimarer Republik als Autorin gefeiert, 1938 in den USA naturalisiert und 1960 in Hollywood gestorben, hatte mit dem 1929 erschienenen Kolportageroman „Menschen im Hotel“ einen Welterfolg. Der locker geschriebene Text über Schicksale, die sich in der Lobby, in Suiten und Zimmern entscheiden, eignet sich auch für die Bühne. Bereits 1930 wurde eine Dramatisierung des Romans, der in Berlin spielt, im Theater am Nollendorfplatz uraufgeführt. 1932 gab es eine Verfilmung in Hollywood, mit Stars wie Greta Garbo, John Barrymore und Joan Crawford.

Hält sich aber der Zauber bis heute? In Wien gab es in den Kammerspielen des Theaters in der Josefstadt am Donnerstag die österreichische Erstaufführung einer Bearbeitung von Anna Bergmann. Sie ist auf wenige Aspekte reduziert und recht gekonnt gemacht. Cesare Lievis Inszenierung setzt nicht auf Talmi-Glanz und falsche Illusionen der Zwanzigerjahre, sondern verarbeitet eher das Trauma des Ersten Weltkriegs. Das Leichte geht verloren, das Melodramatische tritt in den Vordergrund, konsequent, wie im Schwarz-Weiß-Film. Die Bühne mit verschiebbaren Möbeln, mit symbolisch angedeutetem Foyer und spartanischer Liftanzeige ist von Maurizio Balò fast durchgehend in faden Farben gehalten. Der Gesamteindruck: grau in allen Schattierungen.

 

Ein bisschen Sex als Nebengeschäft

Die Schicksale: Raphael von Bargen spielt den anfangs ziemlich schmierigen, am Ende fast sympathischen Baron von Gaigern, der ein Hoteldieb ist. Sein Pech: Er verliebt sich in die berühmte, aber bereits auf dem Abstieg befindliche Tänzerin Grusinskaja (Sona Macdonald), die er eigentlich um wertvollen Schmuck erleichtern will. Nun steht er unter Druck, muss jemand anderen bestehlen, während die verspannte Madame von einer gemeinsamen Zukunft träumt. Von beiden apart gespielt. Druck haben alle, Flämmchen etwa, die nicht nur Sekretärin ist, sondern aus Geldmangel und Hang zum Abenteuer auch Herren sexuell zu Diensten ist. So viele Hoffnungen, so viel Enttäuschung! Silvia Meisterle gibt die junge Dame zurückhaltend, das passt so.

Flämmchen wird von Generaldirektor Preysing gebucht, der horrende Probleme bei seinen Geschäften hat. Heribert Sasse überzeugt vollkommen als lüstern-öliger Manchester-Kapitalist, so wie auch Siegfried Walther eine Paraderolle hinlegt: Der todkranke Angestellte Kringelein fordert seinen Chef Preysing heraus, er will vor dem Sterben sein mühsam Erspartes verprassen. Walther spielt zum Weinen gut und ist fast komisch dabei. Ganz distanziert hingegen und dadurch erst unheimlich wirkt Alexander Waechter als vom Krieg gezeichneter, rauschgiftsüchtiger Arzt – der bereits weiß: Alles Fassade. Dieses ernüchternde Gefühl stellt sich auch an diesem kurzen Abend bald ein.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.03.2016)