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Die müden Kubaner träumen den American Dream

Government Prepares For Visit By U.S. President Barack Obama
(c) Bloomberg (Eliana Aponte)
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Barack Obama reist nach Kuba – als erster US-Präsident seit fast 90 Jahren.

Havanna. „Noch ein Obama, bitte!“ Das hört man in den Bars der kubanischen Hauptstadt Havanna in diesen Tagen oft. Das Importbier, das an den Tresen bestellt wird, heißt eigentlich Presidente. Aber der Volksmund nennt es seit der Wiederannäherung der beiden Länder nur noch Obama.

Obama ist sehr beliebt und deshalb meist ausverkauft, so auch in der Bar Engel der Eintracht an einer Ecke in Centro Habana. Für Kellner Pablo ist es „wie Science-Fiction“, dass der echte US-Präsident, Barack Obama, nach Kuba kommt. Morgen, Sonntag, landet er in seiner Air Force One zu einem dreitägigen Staatsbesuch auf dem Flughafen Havanna. Der letzte US-Präsident, der einen Fuß auf die Insel setzte, hieß Calvin Coolidge, er kam an Bord eines Kriegsschiffes. Das war vor 88 Jahren.

„Mein Leben lang dachte ich, dass uns hier eher einmal ein Marsmensch besucht als ein amerikanischer Präsident“, sagt Pablo. Er ist 53 Jahre alt, ein „Sohn der Revolution“, er kennt nichts anderes als das System Castro. Revolutionsführer Fidel Castro hatte die USA einmal als das „mächtigste und schrecklichste Imperium in der Geschichte der Menschheit“ bezeichnet. Zehn US-Präsidenten wollten ihn in die Knie zwingen, er überlebte zahlreiche Mordanschläge des US-Geheimdienstes CIA. Und dann, als der Máximo Líder schon die Macht an seinen Bruder Raúl übertragen hatte, kündigte Obama Ende 2014 an, die Beziehungen normalisieren zu wollen.

(c) Die Presse

Wie Pablo geht es drei von vier Kubanern. Sie sind nach der Revolution 1959 geboren. Von klein auf hat man ihnen beigebracht: Die USA, ihr Kapitalismus, ihre Politik sind böse. Die USA kennen nur die Sprache der Gewalt, die Präsidenten Reagan und die Bushs waren Nazis und Faschisten – sie haben im Museum der Revolution in Havanna in der sogenannten „Ecke der Irren“ noch heute einen Ehrenplatz.

In der Kinderkrippe, Schule, Universität, im Fernsehen, auf den Straßen und in Fidels Reden – über ein halbes Jahrhundert tobte in Kuba der Krieg in Worten gegen die USA. „Kuba ja, Yankees nein!“, „Fidel, Fidel, mach sie fertig, die Yankees!“, Frieden mit der Weltmacht konnte sich im Kuba der Castros eigentlich niemand vorstellen.

 

Vom Witz zur Realität

Es gibt diesen Witz: 1960er-Jahre, die jungen Rebellen Che Guevara und Fidel unterhalten sich. Che fragt: „Was meinst du, Fidel, werden wir mit den Yankees jemals Frieden haben?“ Fidel antwortet: „Ja, am Sankt Nimmerleinstag, wenn Amerika einen Neger als Präsidenten hat und der Heilige Vater, wie du, ein Argentinier ist.“ Nun ist der Witz zur Realität geworden – und Kuba ist verwirrter denn je.

Havanna schwankt in diesen Tagen zwischen Obamanie, Melancholie und Lethargie. Noch nie hat man in der Stadt so viele Sternenbanner auf T-Shirts und Mützen gesehen. Auf Balkonen hängen neben kubanischen Flaggen auch amerikanische. Was einst als ideologischer Frevel galt und in öffentlichen Einrichtungen gar verboten war, ist heute in Mode. Die Weltmachtpolitik der USA mag des Teufels sein, doch für den American Dream hatte man in Kuba schon immer eine Schwäche. Erst recht jetzt, mit diesem Präsidenten.

Viele Kubaner, und vor allem Kubanerinnen, schwärmen geradezu von Obama. Sein Charme und Charisma – ein Mann, ganz anders als die nicht mehr so frischen Castros. Fidel ist 89, Raúl 84 Jahre alt. Sie stehen für die Vergangenheit. Obama hingegen verkörpert für viele die Zukunft, auf die sie seit Jahrzehnten sehnsüchtig warten. Wenn sie von ihm reden, nennen sie ihn liebevoll „nuestro Presidente“, unseren Präsidenten.

Schon die Wahl von Obama vor acht Jahren war für Kuba verkehrte Welt. Hat Fidel die USA doch immer als zutiefst rassistisches Land gebrandmarkt und Amerika empfohlen, es soll sich ein Beispiel am revolutionären Kuba nehmen. Hier herrsche absolute Gleichberechtigung zwischen Schwarz und Weiß und Frau und Mann. Die Kubaner rieben sich verwundert die Augen: Warum haben die dort einen jungen schwarzen Präsidenten – und wir werden seit einer halben Ewigkeit von denselben alten weißen Männern regiert?

Doch Annäherung hin oder her – Obama bleibt für das offizielle Kuba der Präsident des ideologischen Feindes. Nun kommt dieser mit seiner Familie, in Frieden, bereit zum großen Geschäft, und wird von Raúl Castro höflich empfangen. Ist das nun das klägliche Ende der Brüder Castro und der Revolution? Oder ihr größter Triumph?

 

Und der Sieger heißt: Castro

Das Regime und seine erbittertsten Gegner sind sich einmal einig: Die Castros sind die Sieger der Geschichte. Raúls Regierung tritt im Stil eines Gewinners auf: Unsere Revolution war stärker als das Imperium. Die Gegner kritisieren Obama für seine fast bedingungslose Annäherungspolitik, er sei zu freundlich, legitimiere und stärke damit nur die Diktatur.

Doch nach Jahrzehnten der Propaganda, der Monotonie, des Mangel sind sehr viele Menschen in Kuba einfach nur müde. Sie sehen den neuen Frieden mit den USA nicht als einen Sieg der Revolution, sondern als ein weiteres Kapitel im endlos langen Abschied von den Castros. Pablo, der Barkeeper, fragt: „Wer redet denn hier noch von Siegern?“ Man müsse sich nur sein Land, das Leben und die Leute anschauen, dann sehe man: „Alles ist am Boden, alle wollen weg. Es muss sich sehr viel verändern.“

Eine ältere Frau tritt an die Theke. Sie heißt Teresa, sieht alt aus, ist aber erst 49. Sie hat „dank der Revolution“ Geschichte und Philosophie studiert, dann als Mittelschullehrerin gearbeitet. Weil der Monatslohn aber nicht einmal für eine Woche reichte, verkauft sie jetzt Gemüse.

Teresa bestellt ein Gläschen Rum. Der US-Präsident in Kuba, das sei eine große Sache, aber auch ein schwerer Schlag. „Wenn Obama lächelnd aus dem Flugzeug steigt, werde ich vor dem Fernseher weinen. Nicht vor Freude oder Erleichterung, sondern weil ich zutiefst traurig bin darüber, wie alles gekommen ist.“ Mit Obama kämen wieder all die Fragen hoch, die in Kopf und Herz nur Schmerzen auslösten: Wofür haben wir gekämpft und uns aufgeopfert? Was ist aus unseren Träumen von damals geworden? Und vor allem: Wie geht das alles zu Ende und dann weiter?

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.03.2016)