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Ein Schlaraffenland für Ideen

In der bunten Time Capsule können die Forscher um Giulio Superti-Furga (M.) ihre Ideen verschenken.
In der bunten Time Capsule können die Forscher um Giulio Superti-Furga (M.) ihre Ideen verschenken.Matthias Hombauer

Kann man sich auf unerwartete Herausforderungenvorbereiten? Ja, indem man übt, Probleme wie eine Zwiebel zu sehen und immer eine Schale weiter zu denken. Und man muss stets die Perspektive wechseln.

Früh übt sich, wer ein Meister werden will. Das gilt nicht nur für Musiker oder Fußballer. Auch mentale Fähigkeiten müssen von klein auf trainiert werden. Wie kann man junge Menschen darauf vorbereiten, im Berufsleben unerwartete Hürden ohne Stress zu meistern? „Man muss früh üben, Zusammenhänge herzustellen“, sagt Giulio Superti-Furga, Leiter des Zentrums für Molekulare Medizin, CeMM, der Akademie der Wissenschaften. Hier trainiert man, Probleme stets aus allen Perspektiven zu betrachten. „An den Universitäten könnte man universelle Gedanken fördern und üben, fächerübergreifend Vernetzungen zu erkennen. Doch es wird vernachlässigt, weil sich keiner zuständig fühlt“, sagt Superti-Furga.

„Die rein fachbezogene Ausbildung macht Akademiker zu monokulturellen Arbeitskräften.“ Doch wenn jemand Experte in einem Teilbereich ist, kann er schnell obsolet werden. Sobald eine neue Technologie auftaucht, muss sich der Fachexperte neu orientieren. „Das gilt für die Medizin genauso wie im Hotelfachwesen und anderen Branchen“, sagt der gebürtige Mailänder. Ein Biologe muss sich wegen der rasant entwickelnden Gentechnologie ständig auf neue Arbeitssituationen einstellen. Im Hotelgeschäft wurde alles über den Haufen geworfen, als Plattformen wie AirBnB auftauchten.


Es kommt immer anders. Klar sei: „Ein Hirn allein kann nicht alles abdecken. Man muss sich austauschen und die Pluralität der Möglichkeiten schätzen.“ Universitäten wären ein „Schlaraffenland für Ideen, wenn man zum Beispiel eine Sinologin mit einem Zellbiologen an einen Tisch setzt“. Aber wie bereitet man junge Menschen darauf vor, dass immer alles anders kommen kann? „Wir betrachten jedes Problem wie eine Zwiebel und denken stets um eine Schale weiter“, sagt Superti-Furga. „Wenn ich in einer Zelle ein Protein ändere, was bedeutet das für den Körper, was für den Menschen oder für die Gesellschaft?“

„Auch auf die Wirtschaft können sich kleinste Veränderungen auswirken“, ist sich der Molekularbiologe sicher. Und man muss die Perspektive wechseln: Wie sieht ein Direktor das Problem, wie eine Studentin? Was sagt eine indische Kollegin dazu, was ein kanadischer Kollege? Denken Frauen anders darüber als Männer? Auch die Sicht des Steuerzahlers, der die Grundlagenforschung finanziert, soll bedacht werden. Das Gebäude des CeMM auf dem Campus des Wiener AKH bietet den Forschern dafür räumliche Möglichkeiten. Ein „Tempel für Gedanken“ ist die Brain-Lounge, wo sich Lehrende und Studierende treffen, um auf Augenhöhe ihre Gedanken schweifen zu lassen.

Tisch dreht sich. „Priorität hat immer die Idee“, sagt Superti-Furga, der hier mit verschiedensten Leuten diskutiert. Der runde Tisch dreht sich während der Sitzung, was einen ständig zu neuen Sichtweisen zwingt. Zusätzlich können sich die Diskutierenden bunte Kostüme überziehen, um noch weiter weg vom Alltag zu sein.

Der zweite Raum für freie Gedanken ist die Time Capsule: 15.000 leere Notizbücher umgeben das vom Künstler Martin Walde gestaltete meditative Zentrum. „Hier kann man seine Ideen verschenken und zweckfrei denken“, sagt Superti-Furga. Alles, was einem einfällt, darf man in die Notizbücher schreiben, egal, ob es zielführend oder undurchsichtiges Wirrwarr ist. „Wir stehen ja ständig unter Druck, Daten, Fortschritt oder Ideen zu liefern. Hier kann man als freier Mensch denken, ohne ausführen zu müssen.“


Hinaus aus der Uni. Einen Blick über den Tellerrand will auch das Masterstudium Art & Science an der Universität für angewandte Kunst bieten. Hier treffen sich Kunst, Gesellschaft und Wissenschaft regelmäßig zum Gedankenaustausch. „Wir haben fast mehr internationale Studierende als österreichische, die Studiensprache ist Englisch: Da bleibt man nicht in seiner eigenen Sichtweise hängen“, erklärt Universitätsassistentin Valerie Deifel, die seit 2009 für Arts & Science tätig ist. Die Studierenden sollen hinaus aus der Uni, hinaus aus dem Künstlerstudio, um sich mit komplexen Problemstellungen auseinanderzusetzen.

„Recherche darf nicht nur am Computer mit Google stattfinden“, sagt Deifel. Feldforschung, eigene Beobachtungen und Datensammeln gehören für die künstlerischen Studierenden genauso dazu wie für die wissenschaftlichen. So haben etwa in einem Forschungslabor die neuen Kollegen völlig unterschiedliche Erwartungen an den „Künstler“ – so wird man meist genannt, wenn man von der Angewandten kommt. Manche der Erwartungen – ob erfüllt oder unerfüllt – führen dann zu kreativen Ideen.

Auch humorvolle Ansätze sind erlaubt, wenn es darum geht, das Ungewöhnliche zu erreichen. So nahm der Art-&-Science-Studierende Ruben Gutzat aus Zürich Bezug auf ein EU-Projekt von Chris Walzer der Vet-Med-Uni Wien. In diesem ging es um die Verbindung der Ökosysteme im Alpenraum bzw. Alpine Space. „Space kann aber auch als Weltall übersetzt werden. Er ging der Frage nach, ob Erfahrungen der Agrarkultur in den Alpen für ein Raumfahrtprojekt genutzt werden können“, beschreibt Deifel.

Wären etwa Ziegen als Nutztier für ein Raumschiff geeignet? Für die Zeit der Reise und wenn der Mensch je auf fremden Planeten eine Landwirtschaft aufbauen will? Sie produzieren immerhin Milch, Biogas, Dünger und Fleisch. Die Auswirkungen von kurzer Schwerelosigkeit auf Ziegen, ihren Stoffwechsel und die Milchproduktion wurden ermittelt. Es blieb bei der theoretischen Abhandlung, kein Tier kam zu Schaden. Die Ausstellung über den bis ins Weltall gesponnenen Alpengedanken stieß jedenfalls auf Begeisterung.

Die Studierenden aus den Bereichen bildende Kunst, Medienkunst, Design, Architektur, Technik, Natur-, Geistes-, Kultur- oder Sozialwissenschaften suchen in diesem Studium Themen und Darstellungsformen, die in ihrer ursprünglichen Disziplin ungewöhnlich sind.


Natürlich künstlich. Ein Beispiel, wie eng verwoben Kunst und Wissenschaft schon sind, ist die synthetische Biologie. In kreativen Prozessen wird im Labor lebendiges Material erschaffen – eine Kategorisierung in künstlich oder natürlich ist dabei unmöglich. Dies will etwa Lucie Strecker im Projekt „The Performative Biofact“, gefördert vom Wissenschaftsfonds FWF, klarmachen. Ein „Biofact“ ist demnach ein halb künstliches, halb natürliches Wesen, das man gleichermaßen wie ein Gerät, einen Menschen oder ein nicht menschliches Wesen behandeln kann.

Strecker, künstlerische Leiterin des Programms Arts in Medicine an der Med-Uni Wien, vereint Methoden der Archäologie, Performance, Molekularbiologie und Genetik, um synthetische Gewebe, Klone oder Hybride künstlerisch neu zu definieren.

Lexikon

Das CeMM, das Forschungszentrum für Molekulare Medizin der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, forscht – in Kooperation mit der Med-Uni Wien – nach dem Motto: „Aus der Klinik für die Klinik“.

Im Studium Art & Science an der Uni für angewandte Kunst wird das Verhältnis von künstlerischer und wissenschaftlicher Repräsentationskulturen untersucht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.03.2016)