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Schön scheitern: Nicht in Österreich

Heinrich Promitzer arbeitet rund um die Uhr, um sein Unternehmen am Leben zu halten.
Heinrich Promitzer arbeitet rund um die Uhr, um sein Unternehmen am Leben zu halten.Die Presse
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Wer hierzulande pleitegeht, verliert nicht nur Geld, sondern oft auch sein Ansehen. In Österreich fehle eine Kultur des Scheiterns, heißt es. Wie fühlt sich das an? Betroffene erzählen.

Dass er selbst schuld war, dass seine Firma pleitegegangen ist, gibt Stefan Ossovsky ganz offen zu. „Ich bin zu gierig geworden“, sagt der heute 30-jährige ehemalige Unternehmer. Zu jung und zu unerfahren sei er auch gewesen. Ossovsky ist groß, sportlich, hat eine Glatze. Er formuliert viel als Frage. Zum Beispiel: „Können Sie sich das vorstellen? Dass Sie nach Hause kommen und dem Menschen, mit dem sie seit acht Jahren zusammen sind, sagen müssen, dass es jetzt einmal ein paar Jahre keinen Urlaub gibt?“ Mit 23 Jahren gründete er seine erste Firma. Etwa zweieinhalb Jahre später war sie zahlungsunfähig. Dass er gescheitert ist, stört Ossovsky nicht. Was ihn schon stört, ist, wie sein Scheitern aufgenommen wurde. „Scheitern wird bei uns einfach nicht akzeptiert“, sagt er.

Aber von vorn. Ossovsky wusste früh, dass ein Angestelltendasein eigentlich nicht das Richtige für ihn ist. Er habe eine große Klappe, sei ein richtiger Dickkopf, sagt er über sich selbst. Nach der kaufmännischen Lehre bei der Mannesmann Anlagenbau Austria AG blieb er als Angestellter im Verkauf. Seine Zahlen waren gut, es folgte ein Angebot von einer anderen Firma. Als diese pleiteging, zog es Ossovsky in die Selbstständigkeit. Für „Exklusivhäuser“ (ab 300.000Euro aufwärts, nur das Haus) stellte er Einrichtungen zusammen. Es lief gut. Dann kam die Gier. Ossovsky lernte jemanden kennen, der ihm vorschlug, sich für ein Großprojekt zusammenzutun. Das Projekt wurde zu groß. „Innerhalb von vier Monaten ist alles in die Brüche gegangen.“


„Wollte Mensch bleiben.“ Der nächste Schritt wäre der in den Privatkonkurs gewesen. „Aber ich wollte das nicht. Ich wollte Mensch bleiben, meine Ehre behalten.“ Wer Privatkonkurs anmeldet, hat eine realistische Chance, dass ihm seine Schulden teilweise erlassen werden. Aber im Gegenzug wird sieben Jahre lang alles abgeschöpft, was über dem Existenzminimum liegt. Ossovsky schloss sein Geschäft, ohne Konkurs, dafür mit 103.000 Euro Schulden.

Die nächsten Jahre waren bitter. Nur sehr nahe Freunde wussten, was er durchmachte. Von den 1200 Euro, die er als Angestellter verdiente, blieben ihm monatlich 680 Euro. Auch als er sich vom Bundesheer verpflichten ließ und im Auslandseinsatz gut verdiente, blieb ihm zunächst nur wenig Geld für sich. Der Großteil ging ans Finanzamt, die Lieferanten, die Sozialversicherung. Immer wieder hatte er es mit dem Exekutor zu tun („Können Sie sich vorstellen, wie das ist, wenn man am Samstagvormittag extra leise ist, damit niemand hört, dass man zu Hause ist?“). Die Beziehung war längst in die Brüche gegangen.

Heute ist Ossovsky stolz, dass er es aus eigener Kraft geschafft hat. „Ich habe alle meine Schulden bezahlt. Ohne Geld vom Staat oder andere Hilfe“, sagt er. Seinen letzten Lieferanten hat er vor zwei Jahren bezahlt. Seine einzigen Schulden sind ein Bauspardarlehen in Höhe eines durchschnittlichen Monatsgehalts. „Für mich war es einfach wichtig, mich da durchzubeißen“, sagt Ossovsky. Was er nicht gedacht hätte: dass ihn diese eine Pleite noch so lang verfolgen würde. Und ihn am Ende seinen Traumjob kostet.

Vergangenes Jahr, an einem Punkt, an dem alle Schulden bezahlt waren, bewarb sich Ossovsky bei der Polizei: In einem langen Bewerbungsschreiben schilderte er seine Vorgeschichte. Es folgten ein Gespräch und Prüfungen. Nur noch die sportliche fehlte, die würde er mit links bewältigen, da war er sich sicher. Dann kam der Anruf. „Herr Ossovsky, haben Sie Geldprobleme?“ Fast sei ihm das Herz stehen geblieben. Schweißausbrüche: Was habe ich vergessen? Und dann die Absage. Aus „grundsätzlichen Überlegungen“ könne man ihn leider nicht aufnehmen. „Ich frage mich: Ist das wirklich notwendig, dass man nach sieben Jahren noch immer so gedemütigt wird?“

Verhängnis: Krankenstand. Auch Heinrich Promitzer weiß, wie es ist zu scheitern. Ein Vermögen hat er mit seinem Anglerfachgeschäft Pro Fishing nie verdient – Gewinne schreibe man heutzutage sowieso keine mehr, mit den großen Ketten und dem Internet als Konkurrenz. Aber ein Geschäftsführergehalt sei sich ausgegangen, von dem er ganz gut leben konnte. Es fehlte ihm an nichts. Bis zum November 2014, als eine seiner beiden Vollzeitkräfte mit Burn-out in den Krankenstand ging. Und die zweite zwei Monate später einen Herzinfarkt erlitt.

Das österreichische Arbeitsrecht schreibt vor, dass Arbeitgeber den Lohn im Krankenstand je nach Vordienstzeiten mindestens sechs Wochen voll weiterbezahlen müssen und dann noch eine Zeit lang zur Hälfte. Weihnachts- und Urlaubsgeld laufen ebenfalls weiter. Obwohl er selbst „rund um die Uhr“ arbeitete, wuchs ihm der Zustand über den Kopf. Zumal er keine neuen Mitarbeiter einstellen konnte, solange die anderen beiden noch bei ihm beschäftigt waren. Ein Insolvenzverfahren konnte er sich nicht leisten, dafür hätte er 40.000 Euro bezahlen müssen. Nur dank kulanter Lieferanten und 60.000 Euro aus seiner privaten Pensionsvorsorge gibt es das Geschäft noch.

Dass er im Jahr 1996 sein eigenes Geschäft aufgesperrt hat, weil ihm seine Chefs auf die Nerven gegangen sind, bezeichnet er heute als „jugendlichen Leichtsinn“. Nicht, dass er es bereuen würde. „Aber mir fehlt die finanzielle Absicherung. Wenn ich Pech habe, habe ich 40 Jahre lang gearbeitet, einen Haufen Steuern gezahlt und stehe ohne Geld und ohne Wohnung da.“

Scheitern verbindet Promitzer mit zweierlei: Einmal sei da diese Kultur in Österreich, wie er sie aus Gesprächen und der Zeitung mitbekomme – in denen Scheitern mit Versagen gleichgesetzt werde, man stigmatisiert werde, wenn man pleitegehe. In seinem nahen, privaten Umfeld jedoch sei man ihm in der schwierigen Situation entgegengekommen. Da sei man ihm mit Verständnis und Mitleid begegnet.

Promitzer ist eigentlich gern Unternehmer: „Das Ego wird gefüttert, man ist Chef, kann sich seine Zeit frei einteilen.“ Aber die Gesetzeslage in Österreich sei für Klein- und Mittelunternehmen eine Katastrophe. Auch wenn er Angst habe, aufgeben wolle er auf keinen Fall: „Machen Sie sich keine Sorgen. Ich kriege das hin.“

In Zahlen

5500

Unternehmenwerden laut Prognose heuer pleitegehen.

6883

Firmeninsolvenzenverzeichneten die Kreditschützer auf dem Höhepunkt der Krise im Jahr 2009.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.03.2016)