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Papa muss erst noch die Mensa testen

An manchen Unis testen Eltern, wie es sich im Hörsaal sitzt und wie es sich in der Mensa isst.
An manchen Unis testen Eltern, wie es sich im Hörsaal sitzt und wie es sich in der Mensa isst.Teresa ZÖTL
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Dass überfürsorgliche Eltern an den Hochschulen in Erscheinung treten, ist mittlerweile ein alltägliches Phänomen. Sie machen Termine für ihre Kinder, vertreten deren Interessen, wollen eingebunden sein.

Eltern, die an der Uni die Angelegenheiten ihrer Kinder regeln wollen, sind bei Weitem kein Ausnahmefall mehr. Immer wieder begleiten Mütter die angehenden Studenten zur Studienberatung und stellen dort weit mehr Fragen als ihr Nachwuchs. Immer wieder rufen Väter an und erkundigen sich nach Seminarplätzen oder beschweren sich gar über schlechte Noten. Eltern sind an der Uni zunehmend präsent, sie treten als Mitentscheider auf oder übernehmen die Organisation für ihre Kinder. Die Universitäten reagieren recht unterschiedlich auf diese Entwicklung. Einige passen sich dem Trend an und haben spezielle Angebote für die Eltern geschaffen: Informationsabende etwa oder Schnupperangebote. Ursprünglich kommt der Trend der universitären Elterneinmischung aus dem angloamerikanischen Raum, aber auch in den deutschsprachigen Ländern haben sich schon immer mehr Hochschulen darauf eingestellt.


Eltern dürfen die Mensa testen.
In Deutschland gibt es an mehreren Hochschulen Informationen ganz nach dem Geschmack überfürsorglicher Mütter und Väter. Die Uni Dresden bewarb ihre Eltern-Campus-Touren auch damit, dass Mutti und Vati den „Uni-Alltag ganz nah miterleben und sogar die Mensa testen“ dürften. „Liebe Eltern: Vertrauen ist gut – ein Besuch in Münster ist besser“, schreibt die Uni Münster über ihre Veranstaltung, die Elternalarm heißt. Dem „Original“, wie betont wird – offenbar gibt es viele Nachahmer. „Der Hörsaal, in dem mein Kind sitzt – gibt's da überhaupt genügend Plätze? Und das Kind isst ja jetzt öfter vegetarisch – hat die Mensa da überhaupt etwas im Angebot?“ Fragen wie diesen können Mütter und Väter dann am Schnupper-Wochenende für frischgebackene Studi-Eltern nachgehen. Zu diesem Zweck gibt es sogar einen eigenen Elternausweis. Hier geht es also nicht mehr nur um Fragen der Organisation oder um Finanzielles. Sondern auch darum, im Detail zu wissen, wie das Leben des Kindes aussieht – bis hin zum Speiseplan. Die Gruppe der „helicopter parents“ dürfte sich bestens bedient fühlen. Diese Eltern werden so genannt, weil sie wie Hubschrauber über ihren Kindern kreisen – allzeit bereit, deren Interessen zu verteidigen.

Trend auch in Österreich. „Es ist inzwischen Alltag, dass Eltern für ihre Kinder anrufen“, erzählt Elisabeth Formanek von der Uni Innsbruck. Die Leiterin der Studienberatung hat prinzipiell nichts dagegen, dass Eltern zur Beratung mitkommen. Sie könnten am Ende auch gern nachfragen, etwa bei den finanziellen Belangen. Doch nicht selten würden sie das Wort führen und neben ihren Kindern deren Wünsche erläutern. Eine Mutter kam sogar ohne ihr Kind zur Beratung. Die Tochter sei krank, entschuldigte sie sie, und wollte den Termin wahrnehmen. „Liegt es an den Jugendlichen oder an den Eltern? Ich weiß es nicht“, sagt Formanek. An der Uni Innsbruck hat man sich nach einiger Überlegung schließlich gegen ein eigenes Info-Angebot für Eltern entschieden. Aus gutem Grund: „Wir wollen forcieren, dass unsere Studenten selbstständig sind“, sagt Formanek. Denn Selbstständigkeit sei ein wichtiger Faktor an der Universität.

Während an der Uni Graz Eltern sehr wohl zu einem speziellen Vortrag eingeladen sind, spricht man sich an der größten Uni des Landes, der Uni Wien, dagegen aus. Der Fokus gelte „den Personen, die wirklich studieren wollen“. Ein wenig Kritik an übereifrigen Eltern kann man hier durchaus heraushören. Man sieht die Einmischung nicht als Massenphänomen – will ihr aber auch keinen Vorschub leisten. „Die Anzahl der Eltern, die sich in die Studienwahl ihrer Kinder einbringen, ist in den vergangenen Jahren konstant angestiegen“, heißt es von der Uni Klagenfurt. Doch auch hier scheint sich ein Meinungswandel abzuzeichnen: Es sei eine „weise Voraussicht der Unis, sich auch auf die Eltern zu konzentrieren“, hieß es noch vor wenigen Jahren. Dieser Schritt wurde aber doch nicht gemacht. Zwar wird der Tag der offenen Tür zunehmend von Müttern und Vätern genutzt, spezifische Angebote für diese gibt es aber nicht.

Darauf, dass die Eltern durchaus eine wichtige Zielgruppe seien, weist man auf der Wirtschaftsuni hin. Aber dass sie Organisationsarbeit für ihre Kinder übernehmen, ist der Uni ein Dorn im Auge. „Die Anliegen der Eltern beginnen bei der Studienberatung – sie enden dort aber nicht“, sagt Ute Steffl-Wais, die Leiterin des Studiensupports. Manche Mütter und Väter würden die Prüfungen ihrer Kinder abfragen wollen, hier gebe die Uni freilich aus Datenschutzgründen keine Auskunft. Andere würden auch gegen vermeintliche Ungerechtigkeiten vorgehen: „Mein Sohn hat eine Prüfung gemacht und ist mit der Note nicht zufrieden.“ Drohungen gebe es auch, doch das seien Einzelfälle – insgesamt gehe es eher um Organisatorisches wie Anmeldungen und Stundenplan.

An der WU habe man sich „bewusst noch nicht“ dafür entschieden, ein eigenes Angebot für Mütter und Väter zu schaffen – noch setze man darauf, dass der Trend sich nicht weiter ausbreitet, auch wenn die Einbindung der Eltern in den USA gang und gäbe sei. Man hofft, dass es hierzulande nicht so weit kommt.


Unabhängigkeit ist kein Ziel. Aber was ist mit den Studenten? Ist es ihnen gar nicht peinlich, wenn ihre Eltern für sie in die Bresche springen? „Das fragen wir uns auch“, heißt es gleich von mehreren Unis. Man würde bei den Studenten eine gewisse Autonomie vermissen. Sie hätten nicht gelernt, sich selbst zu organisieren. Der Tenor: „Wahrscheinlich finden sie es einfach praktisch.“ Dass diese Bevormundung den Studenten sogar angenehm ist, vermutet auch der Jugendforscher Philipp Ikrath: „Das stört die Studenten überhaupt nicht. Sie leben von Kindesbeinen an in einem total durchpädagogisierten Schutzraum. Sie werden ständig von Wohlmeinenden gefördert, geleitet und gelenkt, sodass ihnen ein Leben außerhalb dieses Schutzraums gefährlich und bedenklich vorkommt. Die sind eher froh darüber, dass dieser Schutzraum so weit ausgedehnt wird – bis eben in die frühen oder späteren Studientage.“

Und was wurde aus der Sehnsucht nach Selbstständigkeit und aus dem Wunsch, mit der Volljährigkeit endlich eigene Entscheidungen treffen zu können? „Der Wunsch nach Unabhängigkeit ist nicht nur nicht vorhanden. Sondern abgetötet worden“, sagt Ikrath. Erwachsen zu sein sei denn auch bei den Studenten kein positiv besetzter Begriff. Und die Zuschreibung, dass Hochschulen Orte des freien Denkens, des Diskurses, der Auseinandersetzung, vielleicht auch der intellektuellen Auseinandersetzung seien, sei für diese Generation auch schon verloren gegangen. Die Verschulung des Studiums sei daran schuld.

Kinder brauchen Hilfe.
Doch es gibt auch Stimmen, die in der zunehmenden Präsenz der Eltern eine positive Entwicklung sehen – gerade, wenn es um die Studienentscheidung gehe. Denn viele junge Menschen stünden unter großem Druck, angesichts der Masse an Fächern das richtige zu wählen. „Wir vermitteln, dass die Kinder bei dieser Entscheidung Hilfe brauchen“, sagt Ronald Hoffmann von der Uni Hamburg. Auf seine Initiative hin lädt die Uni seit zwei Jahren zu einem Elternabend. Dort würde man grundsätzlich über das Studium informieren. Aber, und das ist zentral: Man will die Eltern auch ermutigen, Rückmeldung zu geben, sich einzubringen. Das begründet Hoffmann mit einem Wandel im gegenseitigen Verständnis der Generationen. In diversen Studien würden Jugendliche seit Jahren angeben, dass ihre Eltern enge Vertraute seien und dass sie deren Rat schätzen. Man sollte das also nützen.

An sich ein schöner Gedanke. Doch die Rolle der Eltern bleibt eben nicht immer auf gute Gespräche beschränkt. Wie Hoffmann selbst sagt: „Es hat ja so einen Beigeschmack: Eltern an der Uni.“

Zwei Seiten

Die Eltern. Viele Mütter und Väter stehen ihren Kindern im Studium helfend zur Seite: Sie machen Termine oder ergreifen Partei für den Nachwuchs, wenn sie glauben, dass er ungerecht behandelt wurde. Manche wollen auch den Studienerfolg ihrer erwachsenen Kinder kontrollieren. Insgesamt orten die Hochschulen eine zunehmende Unsicherheit bei den Studenten, was ihre Zukunft betrifft.

Die Hochschulen. An manchen Hochschulen werden schon seit einigen Jahren Elternabende und Eltern-Info-Wochenenden durchgeführt. Einige Unis, die vor wenigen Jahren noch spezielle Angebote prüften, haben sich mittlerweile aber bewusst dagegenentschieden. Sie sehen die Entwicklung, dass sich Eltern zunehmend in das Studium ihrer Kinder einbringen, kritisch. Und wollen ihr keinen Vorschub leisten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.03.2016)