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Verhaltensökonomie: Auf der Suche nach dem Warum

Ernst Fehr gilt als Vorreiter in der Verhaltensökonomie.
Ernst Fehr gilt als Vorreiter in der Verhaltensökonomie.Teichmann/Laif/picturedesk.com
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Der in Zürich tätige Österreicher Ernst Fehr gilt als Vorreiter in der Verhaltensökonomie. Kann sie Fragen beantworten, bei denen die Makroökonomie nicht mehr weiterweiß?

„Alles okay, Andrew? Die Hälfte der Zeit ist bereits vorüber.“ Christopher, der Doktorand, der das Experiment betreut, spricht in ein Mikrofon. Denn Andrew liegt hinter einem großen Glasfenster in einer rund zwei Meter langen Metallröhre – einem Kernspintomografen. Dieser misst, vereinfacht gesagt, den Sauerstoffverbrauch in den einzelnen Hirnregionen, während der Proband die ihm gestellten Aufgaben erledigt. So wollen die Wissenschaftler die biologischen Hintergründe von ökonomischen Entscheidungen klären.

Dieses Mal ist die Versuchsanordnung relativ simpel. Andrew soll erraten, ob ein Franken unter einem am Computer visualisierten Kübel oder einem Haufen Blätter versteckt ist. Errät er es richtig, erhält er den Franken. Das Geld ist jedoch nicht zufällig, sondern nach bestimmten Mustern versteckt. Sinn des Experiments ist, unter anderem herauszufinden, welche Hirnregionen tätig sind, um diese Muster zu erkennen.

Das 2009 für rund sieben Millionen Euro errichtete Tomografielabor im Keller des Züricher Universitätsspitals ist das Prunkstück der empirischen Verhaltensforschung an der Universität Zürich, das von dem gebürtigen Vorarlberger Ernst Fehr geleitet wird. Fehr gilt als Vorreiter auf dem Gebiet der Verhaltens- und Neuroökonomie: einem noch verhältnismäßig jungen Zweig der Wirtschaftsforschung, dessen Bedeutung in Zukunft jedoch rasant steigen dürfte.

Der breiten Öffentlichkeit dürften Fehr und seine Arbeit zwar nur kaum ein Begriff sein. In der Wissenschaftswelt ist sein Ruf jedoch unumstritten. So reihte ihn die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ in ihrer Liste der einflussreichsten Ökonomen auf Platz zwei hinter IFO-Chef Hans-Werner Sinn. Und vor der Bekanntgabe der Nobelpreise wird Fehr seit Jahren auch konstant als möglicher Kandidat für den Nobelgedächtnispreis der schwedischen Reichsbank genannt.


Alpenidyll. Andrew hat seine 50 Minuten im Kernspintomografen inzwischen hinter sich gebracht. Der Student ist nun um seine Aufwandsentschädigung von 80 Franken und die zusätzlich gefundenen Münzen reicher, die Wissenschaftler um ein paar Erkenntnisse über die Funktionsweise des Gehirns. Mit den Ergebnissen von zumindest 40 Probanden wird eine Studie in der Regel untermauert. Alle zwei bis drei Wochen wird somit eine neue Fragestellung im Labor getestet.

Zürich ist an diesem frühen Märztag noch tief verschneit. Über der Stadt liegt ein regelrechtes Alpenidyll. Das trifft auch auf die Blümlialpstraße zu, in der sich am Rande der Innenstadt schmucke Villen aneinanderreihen. Dazwischen steht ein eher unscheinbarer dreistöckiger Betonbau: das Institut für Volkswirtschaftslehre der Universität Zürich.

Im zweiten Obergeschoß befindet sich Fehrs Büro. Hinter dem Schreibtisch steht – wie es sich für einen Professor gehört – ein wandfüllender Bücherschrank: Ökonomie, Psychologie, Neurologie, Psychiatrie. Die Themen der darin gestapelten Fachbücher zeigen bereits, was seine Arbeit so spannend macht. Es ist die Forschung am Schnittpunkt mehrerer wissenschaftlicher Fachrichtungen.

Die Haupterkenntnis der Verhaltensökonomie ist, dass es den reinen Homo oeconomicus nicht gibt. Menschen entscheiden nicht immer rational und stellen auch nicht den Eigennutz immer in den Vordergrund. Experimente wie das sogenannte Ultimatumspiel (siehe Kasten unten) haben gezeigt, dass etwa Fairness ein sehr wichtiger Faktor ist. Fühlt sich jemand unfair behandelt, trifft er mitunter Entscheidungen, die ihm objektiv gesehen sogar Nachteile bringen.

Diese Erkenntnis erkläre beispielsweise, warum die Wirtschaft in der Realität oft nicht so funktioniere wie im Lehrbuch, sagt Fehr. Denn anders als dort sei im echten Leben nicht jeder Vertrag jederzeit kostenlos durchsetzbar. Es sei daher wichtig, ob man seinem Gegenüber auch vertrauen könne. „Die Vertragstreue, also die Fairness des ehrbaren Kaufmanns, ist das Schmiermittel der Marktwirtschaft“, sagt Fehr. Das mache das System in Wirklichkeit aber auch unflexibler, als es die Theorie sagt. So kann ein Unternehmer etwa einem Lieferanten treu bleiben, obwohl es billigere Alternativen gäbe, weil er einfach weiß, dass er sich auf diesen Lieferanten verlassen kann.

„Fairnessüberlegungen sind allerdings janusköpfig“, meint Fehr. Denn es gebe auch Fälle, in denen die Forderung nach Fairness schädlich wirken könne. Als Beispiel nennt er die sogenannte Eins-zu-zwölf-Initiative, die im Jahr 2013 den Schweizern zur Volksabstimmung vorgelegt wurde. Die Initiative hatte zum Ziel, dass kein Manager oder Unternehmer mehr als zwölfmal so viel wie sein schlechtbezahltester Angestellter verdienen dürfe. „Es wäre enorm schädlich gewesen, wenn diese Initiative angenommen worden wäre. Das hätte sehr viel Wohlstand zerstört. Es hätte eine völlig ineffiziente Aufsplittung der Firmen gegeben. Das ist ein Beispiel, wo Fairnessüberlegungen eine negative Auswirkung haben.“


Weltverbesserer. Grundsätzlich steht der Sohn eines Hörbranzer Transportunternehmers den Gedanken von Fairness und Solidarität aber positiv gegenüber. So war er während des Volkswirtschaftsstudiums in den 1970er-Jahren an der Universität Wien Mitbegründer der immer noch existenten Studentengruppe Roter Börsenkrach. „Ich will eigentlich nach wie vor die Welt verbessern. Man darf das allerdings nicht blind machen“, sagt Fehr. Ein Abschaffen von Märkten oder der Marktwirtschaft an sich führe direkt in die ökonomische Katastrophe. „Ich brauche nämlich auch einen großen Kuchen, den ich verteilen und mit dem ich den Armen helfen kann“, sagt Fehr.

Doch welche Antworten können seine Forschung und die Verhaltensökonomie als Ganzes auf die derzeit drängende Frage liefern, wie die Dauerkrise beendet werden kann?

Zum Teil basiere die aktuelle Politik ja bereits auf verhaltensökonomischen Erkenntnissen, sagt Fehr. Etwa das Inflationsziel der Europäischen Zentralbank. Die konstante Geldentwertung sei nämlich schlicht deshalb notwendig, weil Menschen nicht bereit sind, sinkende Nominallöhne hinzunehmen. „Sie wären es selbst dann nicht, würde die Inflation minus zwei Prozent betragen – würden die Preise also fallen. Diese Rigidität des Arbeitsmarkts hat ganz stark mit verhaltensökonomischen Themen zu tun.“ Und daher sei Inflation die einzige Methode, die notwendige Verbilligung der Lohnkosten in vielen europäischen Ländern zu erreichen.

Mit Verhaltensökonomie ließe sich aber zum Teil auch erklären, warum beispielsweise die Investitionsbereitschaft bei vielen Unternehmen gering sei. So gab Fehr im Rahmen eines Versuchs den Probanden die Möglichkeit, zu drei Zeitpunkten eine Investitionsentscheidung zu treffen. Sie konnten sich entweder für eine riskante, aber potenziell sehr ertragreiche Investition entscheiden. Oder für eine sichere, dafür aber auch nur wenig ertragbringende Anlage.

Bei einem Teil der Probanden kam hinzu, dass es bei der Investitionsentscheidung auch die Möglichkeit gab, einen unangenehmen Stromschlag zu erhalten. Kausal hatte dieser Stromschlag nichts mit dem Ertrag oder Risiko der Investition zu tun. Dennoch führte diese Verunsicherung zu wesentlich weniger riskanten Entscheidungen als bei der Kontrollgruppe. „Das Risiko, einen Stromschlag zu erhalten, hatte überhaupt keinen Einfluss auf die realen Investitionserträge. Dennoch investierten die Probanden viel weniger in das riskante Investment.“ Daraus lasse sich schließen, dass etwa auch die aktuelle Flüchtlingskrise Investitionen negativ beeinflusst, obwohl es keinen direkten Zusammenhang gibt. „Die generell gestiegene Unsicherheit ist Gift für das Investitionsklima“, sagt Fehr. Die Aufgabe der Politik wäre es, dieses Gefühl der Unsicherheit so gut wie möglich zu zerstreuen. „Gute Wirtschaftspolitik ist immer auch gute Psychologie.“


Ökonomenstreit. Ein Patentrezept für seine Kollegen von der Makroökonomie, die in den vergangenen Jahren in einen heftigen Streit über Austerität und Keynesianismus verfallen sind, hat Fehr aber auch nicht. „Die Makroökonomie ist in einem gewissen Sinn die schwierigere Disziplin, da man keine kontrollierten Experimente durchführen kann.“ In der Mikroökonomie, zu der seine Forschung gehört, sei dies hingegen oft möglich. „Wenn jemand in Kalifornien ein Experiment gemacht hat, und ich glaube das nicht, dann mache ich einfach mein eigenes Experiment und überprüfe das. Daher ist in der experimentellen Ökonomie in mehreren Bereichen die herrschende Meinung umgestoßen worden, weil sich einfach bewiesen ließ, dass sie falsch war.“ Die Makroökonomen würden indes immer noch über konkurrierende Theorien streiten.

Seiner Meinung nach lässt sich die immer noch schwelende Eurokrise nur durch eine Änderung der Strukturen hin zu einer stärkeren Integration der Fiskalpolitik mitsamt einem europäischen Finanzminister lösen. Die Verhaltensökonomie könne dabei unterstützend helfen – etwa in Form von Nudging. Darunter versteht man die Methode, Entscheidungen von Menschen aufgrund von in Experimenten gewonnenen Erkenntnissen zu beeinflussen, ohne dabei auf Verbote oder monetäre Anreize zurückzugreifen zu müssen. Dies kann etwa dazu genutzt werden, um die Pünktlichkeit bei der Abgabe der Steuererklärung (die in vielen Ländern von allen Bürgern gemacht werden müssen) zu erhöhen.

In Großbritannien würden etwa an säumige Steuerbürger Briefe versandt werden, sobald 95 Prozent der Menschen in der Nachbarschaft ihre Erklärung abgegeben haben. Dadurch entsteht sozusagen eine Art sozialer Druck. Nachdem diese Maßnahme eingeführt worden ist, habe sich die Pünktlichkeit in Summe deutlich erhöht, so Fehr.

Fehr war auch bei einem entsprechenden Nudging-Projekt des heimischen Wirtschaftsministeriums beratend tätig. Der Kritik an dem gezielten Stupsen, dass hier die Politik ungerechtfertigterweise die Menschen beeinflusse, kann Fehr nichts abgewinnen. „Wenn die Politik den Benzinpreis erhöht, um dadurch eine Senkung der Emissionen herbeizuführen, ist das ein viel stärkerer Eingriff, als wenn ich mit Nudging-Methoden versuche, die Menschen dazuzubringen, weniger mit dem Auto zu fahren oder Strom zu sparen.“ Wenn das Ziel legitim sei, dann sei doch eine dezente Einflussnahme auf das Verhalten besser als die alte und dennoch nicht bewährte Methode. „Die übliche Vorgangsweise war bisher: Ich besteuere, ich verbiete, oder ich verpflichte“, sagt Fehr.

Viele der Erkenntnisse seiner Arbeit ließen sich aber noch gar nicht für konkrete Maßnahmen nutzen, da es sich um Grundlagenforschung handle. Das gilt v. a. für die Neuroökonomie, also den Zusammenhang zwischen den biologischen Prozessen im Gehirn und den getroffenen Entscheidungen.

Gehirnsteuerung. Hierbei wird im Labor nicht nur gemessen, welche Hirnregionen bei welchen Fragestellungen aktiv sind. Mittels künstlich erzeugter Magnetfelder können die eruierten Hirnregionen in der Folge auch gezielt stimuliert oder deaktiviert werden. Dadurch werden die getroffenen Entscheidungen direkt verändert. „Man kann etwa das Risikoverhalten beeinflussen. Oder das intertemporale Verhalten, also, dass Menschen bereit sind, heute auf etwas zu verzichten, um in der Zukunft mehr zu erhalten“, sagt Fehr. Die daraus gewonnenen Erkenntnisse würden aber wohl weniger auf dem Feld der Ökonomie als vielmehr bei der Psychiatrie konkrete Anwendung finden.

Aber auch bei den klassischen verhaltensökonomischen Experimenten gibt es zum Teil Forschungsergebnisse, die zwar keine Antworten auf die Probleme der Zukunft, aber vielleicht Erklärungen für jene der Vergangenheit bringen. So gab es in den USA nach der Finanzkrise Studien über Menschen, die ihre Hypotheken nicht zurückzahlen konnten. Das Ergebnis war, dass diese im höheren Ausmaß als der Durchschnitt Probleme mit den Grundrechnungsarten hatten.

In einer anderen Studie erhielten Bankmitarbeiter die Aufgabe, unbeobachtet mehrmals eine Münze zu werfen. Bei Kopf gab es Geld. Wurden die Banker mittels parallel gestellter Fragen an ihr Privatleben erinnert, entsprachen ihre Angaben mit 51,6Prozent Kopfwürfen der zu erwartenden Verteilung. Wurden sie indes an ihren Beruf erinnert, stieg die Zahl der geldbringenden Kopfwürfe auf 58,2 Prozent an.

Verhaltensexperimente

Das Ultimatum Spiel gilt als der Klassiker unter den verhaltensökonomischen Experimenten. Es wird mit zwei Probanden durchgeführt. Proband A erhält dabei einen gewissen Betrag – beispielsweise 20 Euro. Er kann dann entscheiden, wie viel er an Proband B abgibt. Nimmt B an, erhalten beide das Geld. Verweigert B, erhält niemand Geld. Wäre B ein Homo oeconomicus, müsste er jedes Angebot – auch nur einen Euro – annehmen, da er objektiv davon profitiert. Unfaire Angebote werden aber abgelehnt. Selbst dann, wenn B dafür noch eigenes Geld drauflegen muss.

Bei der Velo-Kurier-Studie wurde Züricher Fahrradboten für zwei Wochen die Provision deutlich erhöht. Der Theorie nach hätten sie diese Zeit nutzen müssen, um besonders viel zu fahren. Es zeigte sich jedoch, dass ab dem Zeitpunkt, zu dem sie ihren normalen Tageslohn zusammenhatten, die Motivation deutlich sank.

in Zahlen

7

Millionen Euro kostete das mit einem Kernspintomografen ausgestattete Labor. Ermöglicht wurde es durch die Spende des Schweizer Wissenschaftsmäzens Branco Weiss.

20–80

Franken erhält ein Proband je nach Versuch als Aufwandsentschädigung. Hinzu kommt das in den Experimenten erspielte Geld.

70

tausend Franken gibt das Institut von Ernst Fehr für Aufwandsentschädigungen pro Jahr aus.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.03.2016)