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Theater an der Wien: Händel mit Poolparty und Politik

(c) APA/WERNER KMETITSCH/PHOTOWERK
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"Agrippina"als Satire auf heutige (nicht nur italienische) Zustände: Jubel für Regisseur Carsen, Dirigent Hengelbrock und ein komödiantisches Ensemble.

Vergnügt erfährt die mit allen Wassern gewaschene Intrigantin Agrippina vom Unfalltod ihres Gatten, des Kaisers Claudio: der ideale Moment, um Nerone, ihrem verhätschelten Sohn aus erster Ehe, den Thron zu sichern. Die Höflinge Pallante und Narciso verfangen sich wie Fliegen im Netz ihrer Verführungskünste: Nacheinander verspricht sie beiden die Ehe und damit eine entscheidende Rolle hinter den Kulissen der Macht. Im Hormonrausch inszenieren sie Nerone als Wohltäter, das Volk jubelt, der Plan scheint aufzugehen. Da trudelt Claudio quicklebendig auf dem Kapitol ein: Der brave Soldat Ottone hat ihm das Leben gerettet; zum Dank soll der sein Nachfolger werden! Nun heißt es improvisieren – zumal die schöne Poppea, Objekt vieler Begierden und bald gewitzte Akteurin in eigener Sache, eine entscheidende Rolle in der folgenden Boulevardkomödie alla romana spielt . . .

Ja, so toll trieben es die alten Römer – und so viel Spaß hatten die kunstsinnigen Menschen im Barock an Wegen und Abwegen ihrer Vorfahren, weil sie ihre Obrigkeit von Staat und Kirche darin perfekt widergespiegelt sahen. Dass am Schluss nicht nur alle überleben, sondern sogar jeder bekommt, was er nach etwas Nachdenken eigentlich will, ist die letzte ironische Pointe im Libretto des Kardinals Vincenzo Grimani, das dessen 24-jähriger Protegé Georg Friedrich Händel mit glänzendem Erfolg für Venedig komponiert hat: jugendfrisch-abwechslungsreich, schillernd, schier überquellend an Farben, Formen, Gesten und nicht zuletzt fantasievoll aufgebrochenen Rhythmen.

 

Kaiser Claudio als Medien-Tycoon

Thomas Hengelbrock und sein Balthasar Neumann Ensemble leuchteten dieses Kaleidoskop der Stimmungen mit Lust und Liebe aus: Hier strotzte die Klangrede nur so von schmerzlich-dissonanter Kraft, als der verleumdete Ottone, bewegend und kunstfertig gesungen von Filippo Mineccia, seine kleine, heile Welt nicht mehr versteht; dort schmiegte sich das Orchester mit tänzerischer Leichtigkeit dem geläufigen Sopran von Danielle de Niese an, die sich zu einer reizvoll-sympathischen Poppea steigerte. Mit humoristisch sattem Klang grundierten auch die Streicherbässe Claudios pompösen Vortrag, der perfekt zum szenischen Ambiente passte – denn Regisseur Robert Carsen setzt Grimani fort und inszeniert eine brandaktuelle Satire. Die wuchtige Architektur des italienischen Faschismus (Ausstattung: Gideon Davey) wird zum Sitz eines Polit- und Medienimperiums modernen Zuschnitts, in dem Verblödungs-TV, Sportübertragungen und gezielt manipulierte Regierungspropaganda aus einer einzigen Quelle strömen. Mika Kares gibt als Kaiser Claudio den eher ahnungslosen Chef. Äußerlich irgendwo zwischen Berlusconi und Fernandel angesiedelt, gefällt er sich vor TV-Kameras als Mussolini-Double. Wesentlich wohler fühlt er sich allerdings in weiblicher Gesellschaft, solange diese nicht gerade aus der eigenen Gattin besteht: Ja, Patricia Bardon kann als Agrippina schon recht herb klingen, die zielorientierte Powerfrau glaubt man ihr freilich sofort – genauso wie Jake Arditti den Nerone, dieses verwöhnte und zugleich auf virtuose Art gefährliche Muttersöhnchen.

Gesungen wird also manchmal eher beherzt als sublim, aber das Ganze stimmt: gelungene Versteckspiele, komische Verwechslungen, reichlich nackte Haut am Pool, jede Menge an fehlgeleiteter Libido und Händels originelle Musik, daraus formen Carsen und Hengelbrock dreieinhalb kurzweilige, unterhaltsame Stunden – mit freilich ganz schwarzem, bösem Ende. Es lebe der Cäsarenwahn!


Vorstellungen noch bis 2. April, am 29. März auf Mezzo TV und via sonostream.tv

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.03.2016)