In „Allegiant“, dem dritten Teil der Science-Fiction-Jugendfilmreihe „Die Bestimmung“, durchbricht die junge Tris endlich die Grenzen ihrer engen Welt im streng segregierten Stadtstaat Chicago. Action überlagert die spannenden Fragen, die dieser Film aufwirft.
Als „zweitbeste Filmserie über eine Heldin, deren Name auf -is(s) endet“, bezeichnet das lustige YouTube-Format Honest Movie Trailers die Teenie-Filmserie „Die Bestimmung“. Auf Platz eins der Rangliste muss also die „Hunger Games“-Reihe rund um Rebellin Katniss (Oscar-Preisträgerin Jennifer Lawrence) liegen, denn andere Filmreihen, auf die diese Beschreibung zuträfe, gibt es nicht. „Die Bestimmung“ ist tatsächlich schwächer als das Vorbild „Hunger Games“, auch bei den Einspielergebnissen. Das liegt auch an der komplizierten Geschichte: Die Stadt Chicago ist in einer fernen, dystopischen Zukunft in fünf Kasten unterteilt – nach Begabung –, hinzu kommen gleich noch zwei Gruppen von Nicht-Einteilbaren. In den ersten beiden Filmen hat sich Heldin Tris (Shailene Woodley), ihrerseits eine Unbestimmbare, erfolgreich gegen eine tyrannische Herrscherin zur Wehr gesetzt und eine mysteriöse Kiste geöffnet. Darin waren zwei Informationen: Erstens, Tris ist die Auserwählte (für Konsumenten von Jugendbüchern und -filmen nicht überraschend). Zweitens, es gibt noch Menschen außerhalb der aus hohen, elektrischen Zäunen bestehenden Stadtmauern.
Dass der dritte Teil der Science-Fiction-Reihe „Allegiant – Teil eins“ (Teil zwei folgt 2017) die Stadtgrenze nun überwindet, ist von der Dramaturgie her offensichtlich. Gemeinsam mit ihrem lethargischen Bruder (Ansel Elgort), ihrem Freund Four (Theo James), einer Ein-Mann-Kampfmaschine, dem schwer durchschaubaren Peter (Miles Teller) und ihrer Freundin Christina (Zoë Kravitz, ein weiteres Mädchen muss eben sein) klettert sie bald schon über die Mauer. Dahinter erstreckt sich rote, unbelebte Erde bis zum Horizont. Oder doch nicht? Es gibt eine futuristische Stadt in der kargen Landschaft, durch Technik geschickt vor dem menschlichen Auge verborgen.
Kastensystem als Experiment
Tris' Ankunft in der Stadt ist die eindringlichste Szene in dem von Action überlagerten Film: Sie wird – unter Anweisung einer sanften, aber strengen Stimme – von radioaktiver Strahlung gereinigt und muss ihren Arm (das tut sie widerwillig) in eine Röhre stecken. Als sie ihn wieder herauszieht, ist darauf ein Code eintätowiert. So wird die „Unbestimmbare“ klassifiziert. Jungstar Woodley spielt die Szene, in der Tris einerseits Vertrauen fassen will, andererseits aber skeptisch ist, gefühlvoll. Sonst bleibt die 24-Jährige leider unterfordert.
Regisseur Robert Schwendtke ist zu sehr mit Materialschlachten (und Waffentechnik) sowie oberflächlichen Handlungsabzweigungen beschäftigt. Die große Erkenntnis des Films geht fast unter: Das Kastensystem in Chicago ist ein Experiment. Damit soll die Menschheit, die sich mittels Genmanipulation der Perfektion anzunähern versuchte und dadurch beinahe den Untergang herbeiführte, wieder zu ihrer ursprünglichen Form – dem Unperfekten – zurückgeführt werden. Tris ist der erste wieder „reine“ Mensch ohne künstliche Genveränderung. Unsere Normalität ist also das Besondere in dieser Welt. Spannend! Menschenexperimente, Sozialisierung und Fragen nach dem Ich – viel steckt drin in der „Bestimmung“-Reihe, aber die Geschichte franst zu sehr aus.
Vielleicht ist diese Ohnmacht angesichts einer überkomplexen Welt die Botschaft des Films. Denn das Ende führt Tris zurück nach Chicago. Man muss nicht in die weite Welt ziehen, um sich zu befreien, will der Film vielleicht sagen: Man kann mit Veränderung auch daheim beginnen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.03.2016)