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Großbritannien: Warum ein Brexit so teuer käme

Wenn Großbritannien der EU den Rücken kehrt, muss auch Schatzkanzler Osborne seine Erwartungen zurückschrauben
Wenn Großbritannien der EU den Rücken kehrt, muss auch Schatzkanzler Osborne seine Erwartungen zurückschrauben(c) Bloomberg (Simon Dawson)
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100 Mrd. Pfund Schaden, fast eine Million weniger Jobs: Vor diesen Folgen des EU-Austritts warnt eine aktuelle Studie. Vor allem die Investitionen würden einbrechen.

Wien/London. Hoch erhobenen Hauptes kehrte David Cameron vom EU-Gipfel vorige Woche nach London heim. Akzente gesetzt hatte der britische Premier aber nicht beim großen Thema Flüchtlinge. Sondern bei der Tamponsteuer: Den Briten ist es künftig erlaubt, Hygieneprodukte für Frauen ohne Mehrwertsteuer zu verkaufen. Finanziell ist das kaum relevant, aber drei Monate vor dem Referendum über einen EU-Austritt Großbritanniens ein Politikum ersten Ranges – als vermeintlicher Sieg über europäisch verordneten Sexismus und Tyrannei aus Brüssel.

Was ein Brexit für die Briten aber wirtschaftlich bedeuten kann, zeigt nun hart und nüchtern eine Studie der Beratungsgesellschaft PwC: Im pessimistischeren von zwei Szenarien drohen bis zum Jahr 2020 Wohlstandseinbußen von 100 Mrd. Pfund (128 Mrd. Euro) und der Entfall von 950.000 Jobs. Erhellender als die konkreten Zahlen, die auf vielen Annahmen beruhen, sind die plausiblen Mechanismen, mit denen für den Brexit-Fall jedenfalls zu rechnen ist.

Wenn sich die Briten am 23. Juni von der EU verabschieden, müssen sie erst einmal mit Brüssel über die Modalitäten ihres Ausstiegs verhandeln. Erst dann können sie sich bemühen, aus den zerrissenen Banden wieder neue zu knüpfen, in Form bilateraler Abkommen. Im besten Fall haben sie in fünf Jahren einen Status wie Norwegen, im nicht ganz so guten wie die Schweiz. Scheitern die Versuche, gibt es wieder Zölle wie einst. Nach den Regeln der Welthandelsorganisation rechnen die Autoren mit 2,5 Prozent auf Exporte wie Importe. Auch mit Drittstaaten, für die heute Handelsabkommen der EU gelten, muss London dann eigens verhandeln. Im besten Fall kann es die EU-Konditionen übernehmen, im schlechteren steht ein zähes Ringen bevor.

Solange diese Phase der Unsicherheit andauert, bleiben Banken und Investoren nervös. Sie fürchten vermehrte Ausfälle bei britischen Unternehmen und erhöhen die Kosten für Kredite und Eigenkapital. Auch die Firmen selbst blicken mit weniger Zuversicht in die Zukunft – zu Recht, wenn ihre Exporte zurückgehen. Die kombinierte Folge: Die Investitionen bleiben bis 2020 um bis zu 25 Prozent hinter dem bisherigen Entwicklungspfad zurück. Wie beim privaten Konsum, bei dem die Einbußen geringer ausfallen, gilt: Die Zeit heilt einige Wunden. Aber auch wenn sich bis 2030 die Unsicherheit ganz gelegt hat, bleibt laut PwC eine Lücke im Kapitalstock und ein politisch provozierter Verzicht auf Wohlstand.

 

Nur geringe Ersparnisse

Dazu führe auch eine der Hauptforderungen der britischen EU-Gegner: geschlossene Grenzen für niedrig qualifizierte Zuwanderer aus – meist östlichen – EU-Staaten. Besonders Landwirtschaft, Lebensmittelindustrie und Beherbergungsbetriebe würden darunter leiden. Der Stopp bei der Zuwanderung erklärt aber auch einen Teil des erwarteten Beschäftigungsrückgangs. Dennoch: Die Arbeitslosenrate, heute mit fünf Prozent einer der niedrigsten in Europa, würde vorübergehend auf sieben bis acht Prozent steigen.

Freilich lassen sich bei einem Bruch mit Brüssel auch Kosten sparen. London ist ein Nettozahler, mit den entfallenden Überweisungen ließen sich öffentliche Investitionen finanzieren. Zudem könnte sich die Wirtschaft über weniger Regulierung freuen, bei Sozialem, Umwelt und Produktstandards. Aber diese finanziellen Vorteile schätzt das Modell als ziemlich gering ein. Und die Autoren deuten dezent an, dass Regulierung auch wirtschaftlich sinnvoll sein kann.

Die Studie ist eine Auftragsarbeit des Industrieverbandes CBI, in dessen Mitgliedsfirmen ein Drittel aller privaten Dienstnehmer arbeiten. Sie spiegelt die Einstellung der größeren Unternehmer wider: 80 Prozent von ihnen sind für den Verbleib in der EU. Die Handelskammer, die eher kleine Firmen vertritt, bemüht sich um einen neutralen Standpunkt. Seit sich ihr Direktor vor Kurzem als EU-Gegner deklarierte und zurücktreten musste, wird er im Brexit-Lager als Märtyrer gefeiert. Den CBI verhöhnt man dort als „Stimme Brüssels“.

Übrigens: Schon als das Königreich der Union beitrat, zahlte man auf der Insel mehr Mehrwertsteuer auf Tampons als auf Rasierer. Also kein Diktat aus Brüssel. Aber das spielt in der Hitze des Brexit-Gefechts nun keine Rolle mehr.

Auf einen Blick

Eine Studie der Beratungsgesellschaft PwC im Auftrag des britischen Industrieverbands warnt vor den Folgen eines Brexit. Den stärksten negativen Effekt hätte die jahrelange Unsicherheit, solange keine neuen Handelsabkommen in Kraft sind. In dieser Situation würden die Unternehmen ihre Investitionen massiv reduzieren, vor allem wegen der höheren Kosten für Kredite. Auch einen Stopp der Migration aus östlichen EU-Staaten sehen die Autoren negativ.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.03.2016)