Wölfe als Partner – und nicht als Konkurrenten der Jäger

Jägerinnen und Jäger könnten viel von Wölfen lernen, würden sie die Wölfe nicht als böse Feinde ansehen.

Man muss kein Tiefenpsychologe sein, um hinter der Naturverbundenheit von Jägern auch das Motiv der Macht über Leben und Tod zu vermuten. Weil Machtanspruch mit Sendungsbewusstsein einherzugehen pflegt, hört man von der Jägerschaft gemeinhin, dass es zu ihren wichtigen Aufgaben zählt, das Niederwild vor zu viel „Raubzeug“ zu schützen.

Die Welt zerfällt eben doch in gute und böse Tiere, und von Letzteren gibt es bekanntlich immer zu viel. Vor allem aber ist man davon überzeugt, die Wildbestände regulieren zu müssen. Was aber nicht wirklich zu klappen scheint, wie die ausufernden Wildschweinbestände verdeutlichen, oder auch die grassierende Tuberkulose im viel zu dicht lebenden Rotwild Westösterreichs.

Trotzdem scheint die Bereitschaft nicht besonders ausgeprägt, sich von jemandem helfen zu lassen, der nachgewiesenermaßen Wildbestände gesund erhalten kann und die Vielfalt der Natur effizient optimiert. Unter heimischen Jägern scheint der Gedanke noch abwegig, den Wolf neben sich im Revier zu tolerieren, oder gar als Partner zu sehen. Bedeutet es doch ein Stück Kontrollverlust und ein Teilen der Macht, was offenbar an Urängsten der Jäger rührt.

Nur sehr zaghaft beginnt man sich mit dem Gedanken anzufreunden, dem Wolf in Österreich jenes Heimatrecht einzuräumen, das ihm aufgrund der Gesetzeslage ohnehin zusteht. Verbunden ist dieser frivole Flirt mit dem Gedanken an die Rückkehr des Teufels in Wolfsgestalt aber immer mit der Vorfreude, Wölfe auch bejagen zu können; weil sie ja schließlich jemand regulieren muss.

Muss man nicht – und sollte auch nicht, wie neueste Studien zeigen. Etwa vom Wildbiologen Alberto Fernández-Gil und Mitarbeitern, die Wolfsabschuss in Spanien klar mit erhöhten Schäden an Nutztieren in Zusammenhang bringen. Oder von der Gruppe um Camille Imbert, die die Nahrung ligurischer Wölfe im Zeitraum zwischen 2008 und 2013 untersuchte. Die erbeuteten zu 64 Prozent Wildschweine und Rehe, aber auch 26 Prozent Nutztiere, vor allem Ziegen. Es zeigte sich, dass die Nahrungswahl der Wölfe vom Zustand der lokalen Wildtierpopulationen abhängt, von der Art der Viehhaltung und von der sozialen Organisation der Wölfe selbst.

Über die Jahre sank der Anteil an erbeuteten Nutztieren. Denn im Gegensatz zu einzelnen Jungwölfen auf Wanderschaft leben etablierte Rudel eher von Wildtieren. Generell wurden die Ziegen dann verschont, wenn die Bauern ihre Weiden schützten und wenn es genug Rehe und Rückzugsmöglichkeit in Form von Wald gab. Wölfe reagieren auf Bejagung mit verstärkten Übergriffen auf Nutztiere, auch weil sich die sozialen Traditionen der Jagd in permanent gestörten Rudeln nicht ausbilden können. Zudem weiß man heute, dass Bejagung von Wölfen unnötig ist, denn diese regulieren ihre Bestandsdichten sehr effizient selbst.

Jägerinnen und Jäger könnten also viel von ihnen lernen, würden sie die Wölfe nicht als böse Konkurrenten und Feinde ansehen, sondern als geachtete Partner, mit denen zusammen ein naturgerechtes Management gelingen kann. Dazu bräuchte es aber mehr Laissez-faire und weniger Herren-der-Welt-Einstellung. So könnten sich die misstrauisch beäugten, unverstandenen Bewaffneten der Wälder zu ziemlich coolen Mädels und Burschen wandeln, zu denen man bewundernd aufschauen kann: großzügig, souverän, geadelt in der Partnerschaft mit ihrem Alter Ego, dem Wolf.

Kurt Kotrschal ist Zoologe an der Uni Wien und Leiter der Konrad-Lorenz-Forschungsstelle in Grünau.

Emails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.03.2016)


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.