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Terror: Das frankobelgische Netzwerk des Salah Abdeslam

Polizeiaktion in Molenbeek, wo der seit den Paris-Anschlägen vom November gesuchte Salah Abdeslam festgenommen wurde.
Polizeiaktion in Molenbeek, wo der seit den Paris-Anschlägen vom November gesuchte Salah Abdeslam festgenommen wurde.(c) APA/AFP/JOHN THYS
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Belgische und französische Extremisten mit Wurzeln im Maghreb erschüttern ihre Heimatländer.

Wien. Mehr als vier Monate brauchten die belgischen und französischen Ermittlerteams, ehe sie Salah Abdeslam auf die Schliche kamen. Sie hatten den letzten der verbliebenen Paris-Attentäter vom November 2015 zunächst in Syrien vermutet, in der Türkei oder in den Niederlanden – und sie hatten seine mutmaßlichen Komplizen stets im Visier.

Die Kleinarbeit machte sich bezahlt: Sie entdeckten seine Fingerabdrücke vor einer Woche bei einer Razzia in einer Wohnung im Brüsseler Stadtteil Forest. Am Freitagabend war die Jagd dann zu Ende. Diesmal entwischte ihnen der Logistiker der Terrorgruppe nicht noch einmal, wie mehrmals in den vergangenen Monaten, als er in Routinekontrollen geraten war. Sein Bruder Mohamed hatte ihn schon zu Beginn der Fahndung aufgefordert, sich zu stellen.

Das Netzwerk um Abdelhamid Abaaoud, den Mastermind, und die Abdeslam-Brüder Salah und Ibrahim war unmittelbar nach den konzertierten Pariser Attentaten aufgeflogen. Im Brüsseler Problembezirk Molenbeek stellte sich jedoch heraus, wie Frankreichs Staatschef, François Hollande, erklärte, dass dieses Netzwerk aus französischen und belgischen Attentätern mit Wurzeln im Maghreb noch weit größer war als bis dato angenommen.

Über Monate und Jahre hinweg bewegten sich Abaaoud und die Abdeslams frei über die Schengen-Grenze zwischen Belgien und Frankreich, und Molenbeek wurde zum bevorzugten Versteck der europäischen Jihadisten, zumeist Kleinkriminelle und Drogendealer, die sich während der Haft radikalisierten und die Berufung zum militanten Islam in sich verspürten. Ihre Komplizen spielen beim jüngsten Doppelanschlag in Brüssel womöglich wieder eine Hauptrolle.

 

Strategiewechsel des IS-Terrors

In einem Video huldigte der Islamische Staat (IS) seinen „neun Löwen“, den neun Selbstmordattentätern von Paris. In einem internen Bericht hat die französische Antiterroreinheit den Strategiewechsel der IS-Terroristen erörtert, die nun nicht mehr nur in Syrien und im Irak zuschlugen, sondern in jenen Ländern, in denen sie selbst aufgewachsen waren. Dies wurde schlagartig schon mit den Angriffen auf die Redaktion der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ und den koscheren Supermarkt im Jänner 2015 in Paris klar. Mehrere Orte als Ziele, Bombenanschläge und Schussattentate zur selben Zeit, der logistische Aufwand mehrerer Terrorzellen wie am 13. November 2015 mit größtmöglichem Effekt – dies war bisher die Handschrift des al-Qaida-Terrors. Spätestens seit den Paris-Attentaten stehen die Terrorgruppen in Konkurrenz zueinander.

 

Der Algerier, der auf die Polizei schoss

Mohamed Belkaid (35) tarnte sich als Flüchtling. War er ein IS-Terrorist?

Mohamed Belkaid.

In der Wohnung im Brüsseler Vorort Forest, wo Mohamed Belkaid am 15. März nach einem Schusswechsel mit der Polizei starb, sollten die Ermittler auf ein Waffenarsenal stoßen: Kalaschnikow-Sturmgewehre, jede Menge Patronen – aber auch eine IS-Fahne und ein Salafistenbuch.

Belkaid alias Samir Bouzid taucht in der IS-Liste auf, die Sky News zugespielt wurde. Gerüchteweise war er im „ersten Leben“ Konditor in Algerien. In Belgien, wo er sich illegal aufhielt, wurde er wegen Taschendiebstahls aktenkundig. Sein „drittes“ Leben fing April 2014 an, als er in Syrien kämpfte. Getarnt als Flüchtling kam er nach Europa, wo ihn Salah Abdeslam abholte. Am Tag des Paris-Terrors schrieb ein Attentäter: „Wir beginnen jetzt.“ Mutmaßlicher SMS-Empfänger: Belkaid.

 

Der Mann mit den vielen Identitäten

„Monir Ahmed Alaaj“ versteckte sich mit Salah Abdeslam in einem Keller.

Der Mann gab sich mehrere falsche Identitäten, einmal wies er sich als Syrer Monir Ahmed Alaaj aus, dann als Belgier Amine Choukri. Die Staatsanwaltschaft hat den Mann wegen Mordes und Terrorismus angeklagt. Er war mit Salah Abdeslam festgenommen worden. Beide wurden angeschossen. Sie hatten sich in einem Keller in Molenbeek versteckt.

Schon im Oktober tauchte „Choukri“, möglicherweise Syrien-Rückkehrer, neben Abdeslam auf, und zwar bei einer Polizeikontrolle in Ulm (Baden-Württemberg), einem Zentrum der deutschen Salafistenszene. Ihr Wagen soll dort für rund eine Stunde nahe einer Unterkunft für Flüchtlinge gestoppt haben, wo am nächsten Tag beim Zählappell drei Syrer fehlten, berichtete die ARD.

 

Der Cheflogistiker, der an seinem Leben hing

Salah Abdeslam tauchte lieber unter, als seinem Bruder in den Tod zu folgen.

Salah Abdeslam.(c) AFP

Am Donnerstag bestattete die Familie Abdeslam in Brüssel ihren Sohn und Bruder Ibrahim, vier Monate nachdem er sich in Paris vor dem Restaurant Comptoir Voltaire in die Luft gejagt hatte. Sein 26-jähriger Bruder, Salah, der Cheflogistiker der Terrorgruppe, hätte ursprünglich mit ihm in den Tod gehen sollen – ehe er es sich in letzter Minute anders überlegte und den Sprengstoffgürtel wegwarf.

Stattdessen floh er wenige Stunden später ins vertraute Milieu, ins Brüsseler Problemviertel Molenbeek, wo er sich in einem Netzwerk von Freunden, Verwandten und verschiedenen Wohnungen bewegte. Jeder Razzia war er entwischt, und erst eine verdächtig große Pizzalieferung sollte ihm am Freitagabend schließlich zum Verhängnis werden. Seither sitzt er in Untersuchungshaft in Brügge und plaudert aus der Schule.

Zusammen mit seinem Bruder Ibrahim betrieb er in Molenbeek die einschlägig bekannte Bar Le Béguines, er konsumierte ausgiebig Alkohol und Marihuana und galt als Womanizer – bevor er sich nach Jahren bei den Brüsseler Verkehrsbetrieben und nach einer Karriere als Kleinkrimineller radikalisierte und zum Islamisten mutierte.

 

Viele Spuren führen zu Najim Laachraoui

Elektrotechniker (24) spielte wichtige Rolle in Paris-Terror und galt als flüchtig.

Najim Laachraoui.(c) AFP

Als die Polizei am 9. September 2015 an der österreichisch-ungarischen Grenze den Mercedes anhielt, wies sich einer der drei Insassen als Soufiane Kayal aus. Das Dokument war gefälscht, sein richtiger Name: Najim Laachraoui. Anders als seine Mitfahrer, der nun gefasste Abdeslam und der getötete Belkaid, galt Laachraoui am Tag der Brüssel-Anschläge als flüchtig. Die Hinweise verdichten sich, dass er schon rund um die Anschläge in Paris eine Schlüsselrolle gespielt hat. Als Soufiane Kayal mietete er ein Haus im südbelgischen Auvelais an, das zur Vorbereitung des Pariser Terrors diente. Seine Fingerabdrücke fanden die Ermittler auch in einer Wohnung im Brüssel-Schaerbeek, die von einer Terrorzelle genutzt wurde. Am Abend der Anschläge rief Drahtzieher Abaaoud eine belgische Nummer an, die wohl Laachraoui gehörte. Vor allem aber sollen Ermittler seine DNA auf Resten der Sprengstoffgürtel gefunden haben, die in Paris zum Einsatz gekommen sind. Hatte Laachraoui sie präpariert? Der belgische Staatsbürger hat einen Schulabschluss in Elektrotechnik, den er 2009 just an einer katholischen Privatschule in Schaerbeek erworben haben soll. Drei Jahre später, im Februar 2012, reiste er nach Syrien.

 

„Der Belgier“ – der Kopf der Terrorbande

Abdelhamid Abaaoud war sich seiner Rolle als Rädelsführer zu sicher.

Abdelhamid Abaaoud.(c) AFP

In der Nacht, als Paris in einem Inferno des Terrors versank, und nachdem er an einigen Orten wild um sich geballert hatte, flanierte der Drahtzieher der Anschläge scheinbar seelenruhig mit seinen leuchtend orangen Sportschuhen durch den elften Arrondissement und sah, dass die Attentate planmäßig verlaufen waren. Als die Polizei nach Mitternacht zugriff, hielt sich der Kopf der Gruppe nahe des Bataclan auf.

Abdelhamid Abaaoud – Spitzname Der Belgier, den er in Syrien erworben hatte – hatte nur ein winziges Detail übersehen, das ihn schließlich überführen sollte. Auf einem Handy, das sich in einem Mistkübel fand, war die Nummer seiner Cousine eingespeichert, die Abaaoud und seinen Komplizen in Saint-Denis Unterschlupf gewährte. Wenige Tage nach der Terrorserie, am Morgen des 18. November, stürmte ein Sonderkommando der Polizei die Wohnung in der Pariser Vorstadt und durchsiebte die drei Insassen. Die Gruppe schickte sich an, mehrere Anschläge in Paris zu verüben. Zuvor hatte sich der 27-Jährige im IS-Magazin „Dabiq“ damit gebrüstet, ungehindert von Europa nach Syrien und retour reisen zu können. Abaaoud hatte auch seinen minderjährigen Bruder nach Syrien gelotst.

 

Mohamed Abrini, ein „Most Wanted Man“

Nach dem Jugendfreund von Salah Abdeslam wird mit aller Kraft gefahndet.

Mohamed Abrini.(c) AFP

Der Mann mit dem Dreitagebart und dem schmalen Gesicht steht auf der Liste der „Most wanted fugitives“ in Europa. Mohamed Abrini ist „bewaffnet und gefährlich“ schreibt Europol. Der 31-Jährige mit marokkanischen Wurzeln wuchs im Brüsseler Problemviertel Molenbeek auf. Die Ermittler verdächtigen ihn, an den Attentaten in Paris im November 2015 beteiligt gewesen zu sein. Zwei Tage zuvor war Abrini mit Salah Abdeslam, einem seiner engsten Freunde, an einer Autobahntankstelle in Ressons nördlich von Paris gefilmt worden. Die beiden waren mit jenem schwarzen Renault Clio unterwegs, der danach bei den Anschlägen zum Einsatz kam.

Abrinis jüngerer Bruder Souleymane hatte sich dem IS angeschlossen. Seine Einheit soll unter dem Kommando des späteren Paris-Drahtziehers Abaaoud gestanden sein. Souleymane starb vor zwei Jahren in Syrien. Abrini fiel durch Kleinkriminalität auf, saß wegen Raubüberfällen kurze Haftstrafen ab. Vor den Anschlägen von Paris arbeitete er in einem Lebensmittelgeschäft. Für den Tag der Pariser Anschläge gibt ihm indes ein Bruder ein Alibi: Abrini habe in Brüssel eine Wohnung gekauft. Seither ist er aber untergetaucht. Ob, und falls ja, welche Rolle er beim Terror in Brüssel spielte, war zunächst unklar.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.03.2016)