Brüssel: "Europa muss sich auf langen, brutalen Kampf einstellen"

Das Polizeiaufgebot ist groß.
BrüsselAPA/AFP/Belga/ERIC VIDAL

Nach den Anschlägen von Brüssel wächst die Kritik an den belgischen Sicherheitsbehörden. Auch in Österreich werde "ziemlich wahrscheinlich etwas passieren", sagt ein Terrorismus-Experte.

Nach den Terroranschlägen von Brüssel wächst der Druck auf die belgischen Sicherheitsbehörden. EU-Kommissar Günther Oettinger kritisierte in der "Bild"-Zeitung (Donnerstag) den Zustand der belgischen Polizei : "Wir müssen aber auch klar die Mängel bei den belgischen Sicherheitsbehörden ansprechen. Es gibt allein in Brüssel mehrere verschiedene Polizeibehörden, die nicht ausreichend kooperieren. Das kann nicht so bleiben."

Ähnlich äußerte sich der Terrorismus-Experte Nicolas Stockhammer in der "ZiB 24" am Mittwochabend. Er ortet "multiples Versagen" bei den Sicherheitsbehörden in Belgien und bei der nachrichtendienstlichen Zusammenarbeit.

Experte: Österreich nun "sekundäres Terrorziel" 

Europa werde sich auf einen mindestens 20-jährigen "langatmigen, brutalen Kampf" gegen den Terror einstellen müssen, so Stockhammer. Auch in Österreich gebe es eine klare Anschlagsgefahr. "Dass etwas in Österreich passieren wird, halte ich für ziemlich wahrscheinlich." Das Land sei zu einem "sekundären Terrorziel" aufgestiegen.

Österreich befinde sich nun hinsichtlich der Anschlagsbedrohung in einzelnen Ländern vergleichsweise in einem "Mittelfeld". Das gibt laut dem Experten und sicherheitspolitischen Berater des Verteidigungsministeriums "Anlass zur Hoffnung, dass es nicht so bald passieren wird". Für den Schutz der Zivilbevölkerung sei bisher "zu wenig getan" worden, dieser müsse verstärkt werden. Dennoch solle die Bevölkerung nicht in "Hysterie verfallen". Eine langfristige Terrorbekämpfung solle die Unterminierung von Finanzierungsströmen der Terrorzellen und eine gezielte Überwachung von Verdächtigen einschließen. 

Belgiens Justizminister Koen Geens wies unterdessen den Vorwurf der Fahrlässigkeit zurück. Die Polizei fahndet weiter nach einem Komplizen der drei Selbstmordattentäter, der vom Flughafen Brüssel geflüchtet sein soll.

Selbstmordattentäter identifiziert

Die Selbstmordattentäter, die am Dienstag 31 Menschen in Brüssel in den Tod gerissen hatten, sind inzwischen identifiziert. Alle drei sind in Belgien geboren und hatten Verbindungen zu den islamistischen Drahtziehern der Anschläge von Paris. Es handelt sich um die Brüder Ibrahim (29) und Khalid (27) El Bakraoui und Medienberichten zufolge um den 24-jährigen Najim Laachraoui, der wegen der Terroranschläge von Paris erst vor kurzem zur Fahndung ausgeschrieben worden war.

Die Staatsanwaltschaft wollte sich am Mittwoch nicht zu den Berichten über die Identifizierung Laachraouis äußern. Sie kündigte eine Stellungnahme für Donnerstag an. Der Jihadist soll im Februar 2013 nach Syrien gereist sein. Anfang September 2015 geriet er - mit falscher Identität unter dem Namen Soufiane Kayal - zusammen mit Salah Abdeslam und Mohamed Belkaid in eine Kontrolle an der Grenze zwischen Ungarn und Österreich. Abdeslam und Belkaid gelten als mutmaßliche Beteiligte der Pariser Anschläge, bei denen im November 130 Menschen getötet wurden.

EU-Minister beraten

Die für Innere Sicherheit zuständigen EU-Minister wollen am Donnerstagnachmittag zu einem Sondertreffen in Brüssel zusammenkommen. EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker wies darauf hin, dass konkrete Vorschläge für mehr Sicherheit in Europa seit Monaten auf dem Tisch lägen. Ein ähnliches Sondertreffen gab es auch nach den Anschlägen von Paris.

EU-Experten wollen in der kommenden Woche darüber beraten, wie Flughäfen sicherer gemacht werden können. Für den 31. März sei ein Treffen von Flugsicherheitsexperten der 28 Mitgliedsstaaten geplant, teilte ein EU-Vertreter am Mittwoch mit. Am 11. April würden Fachleute für Transportsicherheit zusammenkommen. Eine konkrete Agenda sei noch nicht festgelegt.

Nach jüngsten Zahlen wurden bei den Attentaten in Brüssel 300 Menschen verletzt. Die Hälfte von ihnen lag am Mittwoch noch in Krankenhäusern, 61 auf einer Intensivstation, wie das Gesundheitsministerium mitteilte. Es ist zu befürchten, dass sich die Zahl von 31 Toten noch erhöht. Aus Sorge vor neuen Anschlägen blieb die höchste Terror-Warnstufe in Kraft. Der Flughafen Zaventem bleibt bis einschließlich Freitag weitgehend geschlossen.

(APA/dpa/Reuters/AFP/Red.)