Atomprogramm: Hat Iran in sechs Monaten die Bombe?

Ahmadinejad
(c) REUTERS (DAMIR SAGOLJ)

Laut "Stern"-Recherchen könnte Teheran in einem halben Jahr einen Nuklearsprengsatz zünden. Außerdem soll das Programm auf Raketen abzielen, die Atomsprengköpfe bis nach Europa tragen könnten. Experten bleiben skeptisch.

Istanbul/Teheran.Nach einem Bericht des Hamburger Magazins „Stern“ steht der Iran kurz vor dem Bau eine Atombombe. Das Magazin zitierte einen Mitarbeiter des deutschen Bundesnachrichtendienstes (BND) mit den Worten: „Wenn sie wollen, können sie in einem halben Jahr die Uranbombe zünden.“ Außerdem soll nach Meinung von „Fachleuten“ des BND das iranische Programm auf Raketen abzielen, die Atomsprengköpfe bis nach Europa tragen könnten, was aber „erst“ in etwa drei Jahren zu realisieren wäre.

Allerdings widersprechen nicht nur Experten anderer Institutionen dem Bericht, sondern sogar Fachleute von der gleichen – im „Stern“ zitierten – Behörde. Ein nicht näher genannter Sprecher des BND sagte, dass der BND davon ausgeht, dass der Iran „unter idealen Bedingungen“ mit einer Laufzeit seiner Zentrifugen von unter fünf Jahren in der Lage wäre, eine Uranbombe unter Laborbedingungen zu zünden. Und das läge noch weit von einer einsatzfähigen Atombombe entfernt.

Die Entwarnung ist indessen reichlich unklar formuliert, denn ein Teil der laut Internationaler Atomenergiebehörde (IAEA) derzeit knapp 5000 im iranischen Natanz eingesetzten Zentrifugen zur Urananreicherung läuft schon eine Weile – möglicherweise verfügt der Iran bereits über eine nicht unbeträchtliche Menge waffenfähigen Urans.

Der israelische Geheimdienstexperte Ronen Bergman sagt unter Berufung auf Quellen des Geheimdienstes Mossad, dass der Iran noch kein hoch angereichertes Uran produziert, aber alle technischen Probleme gelöst habe, um dies zu tun. Bei allen Differenzen sind sich Fachleute jedoch darin einig, dass es noch einige Jahre dauern wird, bis der Iran Israel oder gar Europa mit einer Atombombe bedrohen kann, dass es aber nur eine Frage der Zeit ist und des politischen Willens.

Der vor Kurzem aus dem Amt geschiedene Chef der IAEA, Mohamed ElBaradei, sagte am 17. Juni in einem Interview, er habe „ein Gefühl im Bauch“, wonach der Iran zumindest die Fähigkeit erreichen wolle, eine Atombombe zu bauen, um Großmachtstatus zu erreichen.

ElBaradei war nie ein Hardliner in Sachen Iran, und was er als subjektives Gefühl beschreibt, könnte man über die Jahre auch mit Indizien belegen. Offiziell wollte sich die IAEA, die sich schon bei früheren Berichten zurückgehalten hat, nicht zu dem „Stern“-Artikel äußern.

 

Clinton will Verhandlungen

Trotz der gewaltsamen Niederschlagung der Proteste im Iran nach den Präsidentenwahlen vom 12. Juni hat US-Außenministerin Hillary Clinton auf Verhandlungen mit der iranischen Führung gedrängt. Die Gelegenheit zu Gesprächen über den Atomstreit und andere offene Fragen werde „nicht endlos bestehen bleiben“, sagte Clinton. US-Präsident Barack Obama hatte dem Iran im März einen Neubeginn in den Beziehungen angeboten. Clinton verband das Gesprächsangebot mit Kritik am Vorgehen der iranischen Führung gegen Demonstranten, die aus Protest gegen möglichen Betrug bei der Präsidentschaftswahl im Juni auf die Straße gingen. Das Vorgehen der Führung sei „bedauerlich und inakzeptabel“, sagte Clinton. Es ändere aber nichts an der Tatsache, dass der Atomstreit am besten auf diplomatischem Wege gelöst werde. Leitartikel, Seite 27

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.07.2009)