Biologie: Nach Affenerbe graben

Affen
Affen(c) AP (EDDY RISCH)
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Sie knacken Nüsse mit Steinen auf, genau wie Menschen. Primatologen und Archäologen wollen gemeinsam die "Primaten-Steinzeit" erkunden.

Sie knacken Nüsse mit Steinen auf, genau wie Menschen.“ Das beobachtete der Missionar Thomas Savage 1844 an Schimpansen in Liberia. Darwin zitierte es, dann geriet es in Vergessenheit, der Gebrauch von Werkzeugen galt als Privileg des Menschen, noch 1960 sprach der Philosoph Arnold Gehlen Tieren diese Fähigkeit grundsätzlich ab. Im gleichen Jahr beobachtete Jane Goodall in Tansania einen Schimpansen: „Als ich sah, wie er mit einem Ast ein Termitennest aufbrach, war es das erste Mal, dass ein Mensch einen Nichtmenschen beim Werkzeuggebrauch beobachtete.“

Von Schimpansen gelernt?

Darin steckte der nächste Hochmut, der der Weißen: Afrikanern wird auch nicht entgangen sein, was ihre Nachbarn taten. Vielleicht haben sie sogar von ihnen gelernt: 2007 hat Julio Mercader (University of Calgary) in Sedimenten eines Flusses der Elfenbeinküste Steine gefunden, deren Form vor 3500 Jahren nicht durch natürliche Prozesse entstand, sondern durch Gebrauch von Händen, Schimpansenhänden.

Das zeigte der Vergleich mit Steinen, mit denen heutige Schimpansen Nüsse knacken, auch die Größe stimmte: Schimpansen nehmen Ein-Kilo-Steine, Steinzeitmenschen nahmen kleinere. Die fanden sich auch im Sediment, aber später – das legte den Verdacht nahe, die Menschen hätten es abgeschaut. Natürlich können sie auch eingewandert sein und es mitgebracht haben. Solche Zusammenhänge will ein neuer Forschungszweig erhellen, den Mercader und 17 internationale Primatologen und Archäologen aus der Taufe heben wollen: „Primaten-Archäologie“. (Nature, 460, S.339)

Sie soll die beiden Felder verschmelzen: Tiere, die heute Werkzeuge verwenden – es sind viele –, werden es früher auch getan haben; und wenn es Steinwerkzeuge waren, wird sich manches erhalten haben. Man muss nur wissen, wo und was man suchen muss: Das – alte Futterplätze etc., Gebrauchsspuren etc. – können die Archäologen lernen; revanchieren können sie sich mit Methoden, etwa der Analyse von Stärkekörnern auf alten Mühlsteinen: Mercader hat damit erhoben, welche Nüsse die Schimpansen vor 3500 Jahren knackten.

Nun wollen er und die anderen tiefer in die Vergangenheit: Sie vermuten, dass Steinwerkzeuge schon vom gemeinsamen Ahnen von Mensch und Schimpanse verwendet wurden; und sie wollen die Hypothese testen, dass die ersten Steinwerkzeuge „Nussknacker“ waren, die bisweilen zerbrachen und scharfe Kanten zeigten – und so zu den Messern der menschlichen Steinzeit führten.

WERKZEUGE: Viel Benutzt

Die ältesten bekannten Werkzeuge sind aus Stein und wurden vor 2,6 Millionen Jahren von Menschen benutzt. Aber Werkzeuggebrauch gibt es quer durch das Tierreich – von Affen bis zu Krähen –, vermutlich hat es ihn auch früher gegeben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.07.2009)

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