Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Glaubenswächter

Ein prominenter Herausgeber fordert, die Diskussion über ein Islamverbot in Europa zuzulassen. Erlaubt ist die ohnehin schon. Aber ist sie auch zweckdienlich?

Wolfgang Fellner hat in seinem „Österreich“ nach den Brüsseler Attentaten geschrieben: „Mittlerweile muss die Diskussion erlaubt sein, ob nicht der Islam als solcher in Europa verboten werden sollte.“ Das hat viel Protest ausgelöst. Fellners nachfolgende Präzisierung, es gehe nicht um ein Verbot der Religion an sich, sondern nur ihrer Ausübung, hat da auch nicht viel repariert.

Gäbe es das Wort kontraproduktiv nicht, müsste man es dafür erfinden: Islamistischer Terror würde in Europa erst so richtig losgehen, wenn man den 25 Millionen Muslimen in der EU die Ausübung ihrer Religion untersagt. Und wäre ein so repressives Europa noch das, das wir verteidigen wollten?

Die Diskussion um die Kompatibilität der Religionen mit der europäischen Kultur ist außerdem längst erlaubt. Oft scheint dabei Religion allerdings gesehen zu werden wie ein Kinderspielzeug ohne eigentlichen pädagogischen Wert, das man den lieben Kleinen so lang lassen kann, solange sie keinen Unsinn damit anstellen. Wenn doch– na, dann nimmt man es ihnen halt weg.

Das funktioniert freilich nicht. Echte Religiosität ist Teil von Bewusstsein und Identität des Gläubigen – und nicht auf Anordnung veränderbar. Die obrigkeitliche Festlegung der Religion oder Nichtreligion der Untertanen, die es auch in Europa gegeben hat, gilt daher zu Recht als brutaler Verstoß gegen die Menschenwürde.

Die Illusion staatlicher Gestaltungsmacht über die Religiosität der Menschen findet sich – abgeschwächt – auch in Sätzen wie: Der Islam wird sich weiterentwickeln müssen! Ja, eh. Aber was macht man mit dem Islam, wenn er die Weiterentwicklung verweigert? Nimmt man ihn in Beugehaft? Weist man ihn aus? Muss er Strafe zahlen? Auch die Forderung, in Europa müsse sich jeder zu unseren Werten bekennen, geht ins Leere. Europa darf keine Gesinnungsdiktatur sein, die jemanden einsperrt, der beim Wertetest die falsche Antwort ankreuzt. Eine freie Gesellschaft kann nur darauf bestehen, dass jeder sich an die Rechtsordnung hält. Das allerdings muss sie mit großer Konsequenz tun.

Im Ringen um die kulturelle Disposition Europas wird es vor allem darauf ankommen, welche Werte, welche Lebensentwürfe sich langfristig als die attraktiveren, die tragfähigeren erweisen. Welche schlüssig das bessere Leben verheißen, den glücklicheren Lebenssinn, die würdigere Existenz. Da geht es um Vorbild, um Anziehungskraft, um Perspektive. 25 Millionen Menschen ins entislamisierende Umerziehungslager zu wünschen, obwohl sich mehr als 24 Millionen von ihnen an die Gesetze halten, ist kein guter Anfang.

Der Autor war stv. Chefredakteur der „Presse“ und ist nun Kommunikationschef der Erzdiözese Wien.

meinung@diepresse.com

diepresse.com/cultureclash


[M4IYN]

(Print-Ausgabe, 27.03.2016)