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Psychologie: Wie mitleidig sind Autisten?

Gefühlskälte sei nicht typisch für Autismus, sondern für ein Syndrom namens Alexithymie, sagen Forscher in Triest und Wien.

Autisten seien kalt und gefühllos, hört man oft. Dieses verbreitete Bild wurde im Oktober 2015 nach einem Amoklauf an einer Schule in Oregon scheinbar bestätigt, als bei dem 26-jährigen Täter Autismus diagnostiziert wurde. So wurde eine Facebook-Gruppe namens „Families Against Autistic Shooters“ gegründet.

Kennen Autisten wirklich kein Mitleid? Ist ihnen das Leiden anderer Menschen egal? Psychologen der Scuola Internazionale Superiore di Studi Avanzati in Triest und der Universität Wien untersuchten das, indem sie Testpersonen mit gängigen moralischen Dilemmata konfrontierten. Etwa mit diesem: Du stehst auf einer Brücke und siehst, wie ein Rollwagen auf Schienen auf eine Gruppe von fünf Menschen zurast. Du hast nur eine Chance, sie zu retten: Du wirfst einen dicken Mann, der auf der Brücke neben dir steht, auf die Schienen, sodass sein Körper den Rollwagen bremst. Du opferst also einen Menschen, um fünf zu retten.

Eine rein rationale, utilitaristische Moral würde das gutheißen. Doch die meisten Menschen würde ihr Empfinden davon abhalten, einen Unschuldigen auf die Schienen zu stoßen – und damit, was in der Kant'schen Ethik als verwerflich gilt, als Mittel zum Zweck (der Rettung anderer) zu missbrauchen. Das gilt – so ein Ergebnis der Studie – auch für Autisten, sogar mehr als für andere Personen, offenbar weil die Entscheidung (die im Experiment natürlich nur virtuell zu treffen war) sie, wie überhaupt alle sozialen Situationen, emotional so sehr unter Stress setzt.

Psychologen kennen aber sehr wohl eine Persönlichkeitsstörung, die sich in herabgesetzter Wahrnehmung von Gefühlen äußert, und zwar sowohl von eigenen Gefühlen als auch von denen anderer Personen. Man nennt das Alexithymie, das griechische Kunstwort bedeutet Unfähigkeit, Gefühle zu lesen. Menschen mit diesem Charakterzug – der laut manchen Psychologen bei zehn Prozent der Menschen prägend ist und deutlich häufiger in der unteren Gesellschaftsschicht vorkommt – entscheiden sich wirklich öfter für die utilitaristische Lösung des oben geschilderten Dilemmas (Scientific Reports, 6:23637).

„Lange wurde Alexithymie mit autistischen Symptomen durcheinandergebracht“, sagt Giorgia Silani, die Leiterin der Studie, „heute wissen wir, dass sie unterscheidbar sind.“ Bei Alexithymie sei das Verständnis von Gefühlen gestört, bei Autismus dagegen die Fähigkeit, die man Theory of Mind nennt, nämlich anderen Menschen geistige Zustände und Gedanken zuzuordnen.

Kompliziert wird die Sache dadurch, dass Alexithymie bei Autisten viel häufiger vorkommt – nämlich zu ungefähr 50 Prozent – als bei anderen Menschen. Es ist also ganz und gar nicht leicht, die beiden Diagnosen auseinanderzuhalten. Erschwert wird das dadurch, dass man weder für Autismus noch für Alexithymie die Ursachen kennt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.03.2016)