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Schulen dürfen Noten selbst abschaffen

(c) Michaela Bruckberger
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Die Ziffernnoten sollen doch nicht automatisch abgeschafft werden. Die Schulen sollen selbst entscheiden, ob es verbale Beurteilungen gibt. So sieht es ein Entwurf vor.

Wien. Der erste Anlauf ging schief. Nun folgt der nächste: Das Bildungsministerium legt einen neuen Entwurf zum Schulrechtspaket vor, einem Teil der Bildungsreform. Das Überraschendste in dem Papier, das der „Presse“ exklusiv vorliegt: Die Ziffernnoten sollen in der Volksschule doch nicht flächendeckend abgeschafft werden. Sondern die jeweiligen Schulstandorte sollen selbst entscheiden, ob sie die Noten Eins bis Fünf behalten wollen oder doch lieber auf alternative Leistungsbeurteilungen umsteigen.

Mitte Februar dieses Jahres sah das noch anders aus. Damals sickerte ein Entwurf des Bildungsministeriums durch, der vorsah, dass es bis inklusive der dritten Klasse Volksschule nirgends mehr Ziffernnoten gibt. Lediglich in der vierten Klasse sollten diese bleiben. So wünscht es sich Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ). Der Koalitionspartner ÖVP zeigte sich irritiert. Das Bildungsministerium würde „Vereinbarungen ständig über Bord werfen“, monierte ÖVP-Bildungssprecherin Brigitte Jank damals. Man habe sich im November 2015 eigentlich darauf geeinigt, dass Schulen autonom entscheiden dürfen, sagte auch Staatssekretär Harald Mahrer (ÖVP) und fügte in Richtung Heinisch-Hosek hinzu: „Ich stelle mir die Frage, wo die Leseschwierigkeiten in Österreich wirklich vorhanden sind.“

 

Eltern dürfen um Noten bitten

Um den Streit beizulegen und in den schleppenden Verhandlungen zur Umsetzung der Bildungsreform weiterzukommen, dürfte das Ministerium eingelenkt haben: „Es erscheint zweckmäßig, die Entscheidung darüber, ob das bekannte Notensystem oder anstelle der Noten eine Beratung und Information der Erziehungsberechtigten über die Leistungs- und Entwicklungssituation des Kindes zur Anwendung kommen sollen, der Schulautonomie am Standort zu übertragen“, heißt es in dem neuen Papier. Konkret soll das Schulforum – Eltern, Lehrer und der Direktor – über die Abschaffung der Noten entscheiden. Trifft es keine Entscheidung, dann obliegt das dem Direktor.

Sollte die Entscheidung an der Schule nicht nach Wunsch einzelner Eltern ausfallen, dann eröffnet ihnen der neue Entwurf noch eine Chance, doch zu der gewünschten Beurteilungsform zu kommen: „Den Erziehungsberechtigten soll es unbenommen sein, in Ergänzung zur autonomen Entscheidung am Standort für ihr Kind eine der beiden Varianten zu wählen“, heißt es in dem Papier. Die Eltern können sich für ihr Kind also ein zusätzliches Zeugnis – entweder in Ziffernform oder als Pensenbuch, Lernfortschrittsdokumentation etc. – wünschen.

 

Sitzenbleiben nur auf Wunsch

Grundsätzlich sind alternative Beurteilungsformen an Österreichs Volksschulen nichts Neues. Schon jetzt existieren mehr als 2000 derartige Schulversuche. Künftig soll es ein komplettes Informationssystem geben. In sogenannten Bewertungsgesprächen sollen die Eltern über den Lern- und Entwicklungsstand, über Fortschritte, Stärken und Begabungen informiert werden. Darüber hinaus soll es am Ende des Wintersemesters und am Ende des Unterrichtsjahres eine schriftliche Semester- bzw. Jahresinformation geben.

Der Entwurf sieht auch eine Abschaffung des Sitzenbleibens in der Volksschule vor. „Das neue System [. . .] bringt es mit sich, dass Kinder der 1. bis zur 3. Schulstufe jedenfalls zum Aufsteigen in die nächsthöhere Schulstufe, also bis in die 4. Klasse, berechtigt sind“, heißt es darin. Die erste bis dritte Klasse kann also nur noch freiwillig wiederholt werden. „In Ausnahmefällen und -situationen sind die Erziehungsberechtigten [. . .] ausdrücklich auf die (in der Schullaufbahn einmalige) Möglichkeit des freiwilligen Wiederholens einer Schulstufe [. . .] hinzuweisen“, ist im Entwurf zum Schulrechtspaket zu lesen.

Das gesamte Paket, in dem u. a. auch die Sprachförderung neu geregelt wird, wird jetzt mit der ÖVP akkordiert und sollte laut Plan rasch in Begutachtung gehen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.03.2016)