Siegertypen: "Winwin"

(c) Elsa Okazaki
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Christoph Dostal, Stephanie Cumming, Nahoko Fort-Nishigami und Jeff Ricketts verkörpern in dem Film "Winwin" ein gewieftes Investorenquartett in schelmischer Mission.

Sehen so Sieger aus? Der Titel von Daniel Hoesls neuem Spielfilm, „Winwin“, scheint es nahezulegen. Oder freilich er spielt, aber das läuft ja auf dasselbe hinaus, auf jene sprichwörtliche Win-win-Situation an, die im Geschäftsleben alle an einer Transaktion Beteiligten üblicherweise herbeihoffen oder die man sich bei Besprechungen zumindest gern gegenseitig in Aussicht stellt. Solchen Meetingjargon beherrschen auch alle Protagonisten in Hoesls Wirtschaftssatire perfekt: Die Hauptfiguren, eine Investorengruppe um den charismatischen Nicolas Lachman, gespielt von Christoph Dostal, wirft unverdrossen mit Worthülsen und ebenso inhaltslosen wie betulichen Phrasen um sich.

Man kennt derlei von diversen Pressekonferenzen und TV-Interviews, wenn selten genug mit konkreten Informationen und auf verbindliche Weise die Fragen von Journalisten beantwortet werden: „Wir sind an positiven Taten und Veränderungen interessiert“ oder „We have every confidence that this company has international market potential“ oder „Es geht um die Gesellschaft und ums Menschsein“ – derlei geben die Hauptfiguren zum Besten. Was agenau sie im Schilde führen, bleibt dabei weitgehend unklar. Das hat mit den kargen, offenen Dialogen und mit dem Fehlen eines zentralen Narrativs in „Winwin“ zu tun. Das Einzige, was feststeht: So vage die Absichten der handelnden Personen auch bleiben, ihre Gesprächs- und bald auch Geschäftspartner scheinen sich an die Möglichkeit zu klammern, ein potentes Gegenüber mit erfolgversprechender Vision gefunden zu haben.

Scheitern und steigen. Jeff Ricketts, der im Film die Rolle des Investors Bernard Efferant spielt, ist sich zwar auch nicht sicher, was genau die von ihm verkörperte Figur und ihre Partner aushecken, er bezeichnet aber das, was um sie herum passiert, als ein „Failing Upwards“: „Lachman und seine Partner wollen das gesamte System auffliegen lassen, an einem bestimmten Punkt versuchen sie sogar, verhaftet zu werden. Doch alle neuen Aktivitäten, in die sie sich verstricken, führen dazu, dass man ihnen noch mehr Vertrauen entgegenbringt als zuvor.“ Diese Dynamik bewirkt also, dass gar nichts mehr schiefgehen kann und man ihnen als potenziellen Heilsbringern Unternehmensbeteiligungen und politischen Einfluss quasi aufdrängt. „Wir sind die Geschöpfe von Nicolas Lachman – seine Tricktüte“, charakterisiert Ricketts die Konstellation der Hauptfiguren. „Keiner von uns weiß genau, wozu unsere Handlungen führen werden; wir funktionieren als Teil eines Plots, der sich selbst trägt.“

Für ihre Rollen sollten sich die Hauptdarsteller mit echten Personen auseinandersetzen – Stephanie Cumming schaute sich etwa Dokumentationen über das Kollektiv der Yes Men an, denen es wiederholt gelang, sich als Sprecher großer Konzerne auszugeben und weltweit in den Medien Falschmeldungen zu platzieren. „Ich sehe auch die Personengruppe um Nicolas Lachman als Aktivisten“, sagt die kanadische Schauspielerin und Tänzerin. „Die Dialoge bleiben offen, sodass es verschiedene Arten der Auseinandersetzung mit der Handlung gibt.“ In ihren ersten Gesprächen mit Daniel Hoesl habe sich der Regisseur, erinnert sich Stephanie Cumming, auch stark für Details aus ihrer eigenen Biografie interessiert. Die Region Alberta in Kanada, aus der sie ursprünglich kommt, gilt wegen ihrer Ölvorkommen als eine der reichsten des Landes und litt stark unter dem Ölpreisverfall. „Mit meinem Leben und dem meiner Familie und Freunde hat das zwar nichts zu tun, aber meine Heimatregion wird ständig in den Medien porträtiert“, sagt Cumming.

Auf zu neuen Ufern. Die Hauptfigur in „Winwin“, Nicolas Lachman, wird von dem in Los Angeles lebenden Österreicher Christoph Dostal verkörpert und ist, so der Schauspieler, stark an den deutsch-amerikanischen Milliardär und Philanthropen Nicolas Berggruen angelehnt, der auch als der „obdachlose Milliardär“ gehandelt wird, weil er sich keinen festen Wohnsitz leiste. „Den Superreichen ist es absolut nicht egal“, ist sich Dostal sicher, „ob und wo sie ihre Steuern zahlen.“ Auch er bestätigt den Eindruck, dass die Handlung weitestgehend verlaufe „wie ein Spiel. Alle Beteiligten tragen eine Maske der distanzierten Freundlichkeit, die sie unnahbar macht.“ Zu dieser Undurchschaubarkeit gehören auch die bereits erwähnten Floskeln und unverbindlichen Worthülsen, hinter denen Inhaltsleere und undurchschaubare Motivationen verborgen werden können: „Wie groß ist schließlich die Ausdauer jedes Einzelnen, all diese Floskeln ständig zu durchschauen und zu hinterfragen? Irgendwann ist es einfach so weit gekommen, dass sie für bare Münze genommen werden. Ausgerechnet die titelgebende Figur in Daniel Hoesls Film, gespielt von Nahoko Fort-Nishigami, verzichtet auf die Worthülsen ihrer Partner (oder Freunde?): Die Asiatin Win Win spricht nämlich gleich gar nicht. „Ich bin nicht wirklich eine Nymphe“, beschreibt Fort-Nishigami ihre Figur, „sondern vielleicht eher ein Schutzengel oder eine Art guter Teufel“. Als Handlanger von Nicolas Lachman rekrutiert Win Win auf der Straße Obdachlose, die in der Folge selbst Rollen in Lachmans Handlungsgefüge zu spielen beginnen – etwa als neue Vorstandsmitglieder einer frisch übernommenen Firma, deren Direktorium ausgetauscht wird. „Ich bin mir gar nicht sicher“, fährt Nahoko Fort-Nishigami fort, „ob die Gruppe ein konkretes Ziel vor Augen hat. Vielleicht geht es ihnen um ein Machtspiel, aber ich würde sagen, sie können gar nicht anders, als ihren Machenschaften nachgehen.“

Auch, was am Ende des Films passiert, bleibt offen: Lachman, Sandberg, Efferant und Win Win machen sich offenbar auf zu neuen Ufern und fliegen in einem Privatjet einer ungewissen Zukunft
entgegen. Was auch immer sie zuvor zu erreichen versucht haben – es ist offenbar gelungen, oder es interessiert sie auch einfach nicht mehr. Vergleichbare Einsatzgebiete wie das letzte ökonomische Schlachtfeld, das sie hinter sich lassen, gibt es auf der ganzen Welt offenbar in ausreichend großer Zahl. Ganz ernst nehmen sie ihre Mission ja ohnehin nicht – dass der Starttermin des Films auf einen Ersten April fällt, ist insofern ein ganz passender Zufall.

Tipp

"Winwin". Der Spielfilm von Daniel Hoesl mit Stephanie Cumming, Christoph Dostal, Nahoko Fort-Nishigami und Jeff Ricketts, ab 1.4. in Österreichs Kinos.

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