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Die Lehren der Tante Fé

Das Prinzip von Angebot und Nachfrage: Hans Magnus Enzensberger gibt in seinem kleinen Wirtschaftsroman „Immer das Geld!“ Nachhilfe in Sachen Ökonomie. Für Jugendliche durchaus geeignet.

Unter der nicht alltäglichen Gattungsbezeichnung „Ein kleiner Wirtschaftsroman“ steht „Inszeniert von Franz Greno“. Nun wundert es uns Zeitgenossennicht, wenn ein Roman inszeniert sein soll. Auf den deutschsprachigen Bühnen unserer Tage ist das eher die Regel als die Ausnahme. Die Kategorien sind durcheinandergeraten. Aber Franz Greno ist als Regisseur bisher nicht aufgefallen.

Franz Greno – das ist jener Buchkünstler, der einst zusammen mit Hans Magnus Enzensberger die damals sensationelle „Andere Bibliothek“ gegründet und gestaltet hat. Die „Andere Bibliothek“ sieht heute nach diversen Wandlungen nicht viel anders aus als andere ambitionierte Buchreihen auch. Jetzt hat sich Enzensberger seines Partners erinnert und sich von ihm seinen jüngsten Roman auf Tiefdruckpapier, das das Buch ganz schön schwer macht, nun ja, eben „inszenieren“ lassen. Gemeint ist eine anspruchsvolle Wechselbeziehung zwischen Schriftbild und Illustrationen. So trifft sich Enzensberger, vom Buch herkommend, mit Alexander Kluge, der als Filmemacher (und Schriftsteller) seit je mit der Kombination von Schrift und Bild experimentiert hat.

Auch das Interesse an wirtschaftlichen Fragen im Allgemeinen und an der Phänomenologie des Geldes im Besonderen teilt Enzensberger mit Kluge. In der Literaturgeschichte hat es sehr unterschiedliche Versuche gegeben, das Thema belletristisch in den Griff zu bekommen, und in den vergangenen Jahren, spätestens seit der Finanzkrise ab 2007, wurde der große Wirtschaftsroman geradezu kategorisch eingefordert. Meist scheitert er an der Abstraktheit ökonomischer Prozesse, die sich mit der angenommenen Notwendigkeit, Romane an Figuren und Handlungen festzumachen, schlecht vereinbaren lässt.

Hauptfigur in Enzensbergers Roman ist Tante Fé, die eigentlich Felicitas heißt. Ich-Erzählerin ist ihre 17-jährige Nichte, die ihren richtigen Namen geerbt hat. Das geht sich zwar rein rechnerisch nicht gut aus, denn Tante Fé ist älter als 85, aber es erlaubt eine Perspektive des Staunens und einer gewissen, für eine 17-Jährige genau genommen übertriebenen Naivität. Auch die Erzählerin und ihre Geschwister vermuten, dass die vermeintliche Tante in Wahrheit eine Großtante ist, was der Vater wiederum an einer Stelle leugnet. Das ist übrigens charakteristisch für die Erzählerin: Sie ist nichts weniger als allwissend. Immer wieder glaubt sie etwas bloß oder bekennt, dass sie es nicht weiß – so etwa, ob der Vater Beamter ist oder nicht. Andererseits hat sie das „Kommunistische Manifest“ gelesen, und sogar ins „Kapital“ hat sie geschaut. Wir merken: Enzensberger biegt sie sich zurecht, wie er sie braucht.

Tante Fé ist reich, sehr reich, sie steigt in München in den Vier Jahreszeiten ab und bewohnt dort eine Executive Suite, und sie gibt Felicitas und ihren Geschwistern Fanny und Fabian, sehr zum Missfallen ihrer Eltern, Nachhilfeunterricht in Ökonomie, genauer: über das Geld. Das macht sie so ausführlich und so kindgerecht, dass der Verdacht aufkommt, Enzensberger habe Kinder als Leser seines Romans im Visier gehabt. Jedenfalls kann man ihn durchaus Kindern zur Lektüre empfehlen. Diese finden da sogar eine Warnung vor Facebook. Enzensberger ist auf dem Laufenden. Tante Fé macht mit den Kindern auch einen Busausflug nachTschechien, wo sie ihnen anschaulich das Prinzip von Angebot und Nachfrage erklärt, und warum eine Armbanduhr, die in Zürich 600.000 Euro kostet, von einem Vietnamesen zum Preis eines kleinen Biers verkauft wird. Eine Auktion liefert den Anlass für einen Exkurs über Kartelle. Sogar Jörg Haider hat es, auf einem Bild, in dieses Buch geschafft: apropos Hypo Alpe Adria.

Auf zwei Teile, die drei Viertel des Buchs füllen, folgen zwei kurze Kapitel, in denen es einen überraschenden Umschwung gibt. Die Realität von Tante Fés letzten Tagen und ihre Hinterlassenschaft komplementieren ihre Theorien und bringen so etwas wie eine Aktion in den bis dahin handlungsarmen Roman. Was sehr bald irritiert, ist der fast behäbige Tonfall dieses Romans, sein antiquierter Erzählgestus. Es ist, als hätte sich Hans Magnus Enzensberger, der die Moderne besser kennt als manch einer, vorgenommen, einen Roman des 19. Jahrhunderts zu imitieren oder auch zu parodieren. Die Parodie zählt ja durchaus zu den Genres, denen der mittlerweile 86-Jährige etwas abzugewinnen vermag. Außer den Bildern ergänzen Marginalien den Text, aphoristische Zitate zur Ökonomie und eben zum Geld. Zum Beispiel, von Adam Smith: „Keine Kunst lernt eine Regierung rascher von einer andern als die, dem Volk das Geld aus der Tasche zu ziehen.“ Oder, von Nestroy: „Die Phönizier haben das Geld erfunden. Aber warum so wenig?“ Oder, von Hans Sachs: „Sobald das Geld im Kasten klingt, / die Seel'sich auf gen Himmel schwingt.“

Als Günter Grass starb, gehörte es zum Repertoire der Nachrufe, in ihm den „letzten Intellektuellen“ zu beweinen. Man sollte mit solchen Formulierungen vorsichtig sein. Was wäre, wenn das zuträfe, Hans Magnus Enzensberger oder auch Alexander Kluge? Enzensberger jedenfalls hat seinen Ruf als ein zwar unberechenbarer, aber ungewöhnlich kluger Kopf ein weiteres Mal bestätigt. Wahrscheinlich werden Journalisten, deren Erinnerungsvermögen mit ihrer Intellektualität Schritt hält, auch ihm, wenn er stirbt, nachrufen, er sei der letzte Intellektuelle gewesen. Und sie werden auch dann irren. ■

Hans Magnus Enzensberger

Immer das Geld!

Ein kleiner Wirtschaftsroman. Inszeniert von Franz Greno. 240 S., geb., € 23,60 (Suhrkamp Verlag, Berlin)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.04.2016)