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Im Kopf des Terrors

BELGIUM-ATTACKS-FAR RIGHT
Terroranschläge in BrüsselAPA/AFP/PATRIK STOLLARZ
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Nach Paris. Nach Brüssel. Mit Herostratos im Kopf, mit Sartre in der Tasche: Versuch einer Reise zum Jihad, seinen Gesichtern und Motiven.

Am 18. November 2015, fünf Tage nach den Anschlägen von Paris, einer Serie koordinierter Terrorangriffe mit gezieltem, wahllosem Feuer aus automatischen Waffen, Selbstmordexplosionen und Geiselnahmen im 10. und 11. Arrondissement, im Theater Bataclan und in der Rue Bichat, der Rue de la Fontaine au Roi und der Rue de Charonne, und gleich nach der Verlautbarung der französischen Behörden, der mutmaßliche Drahtzieher der Anschläge, ein Belgier mit marokkanischen Wurzeln, sei bei den Polizeirazzienim Pariser Vorort Saint-Denis getötet worden,fühlte ich mich stark an Herostrat erinnert. Doch in erster Linie nicht an den altgriechischen Brandstifter Herostratos, der im vierten Jahrhundert vor Christi lebte und durch die Zerstörung des Artemis-Tempels von Ephesus, eines der sieben Weltwunder der Antike, zu unsterblicher Berühmtheit gelangen wollte, sondern ich musste an jene Erzählung gleichnamigen Titels des Existenzphilosophen Jean-Paul Sartre denken, eine der fünf in dem Band „Le Mur“ (Paris 1939) versammelten Novellen.

Die Erzählung, die erstmals 1950 in deutscherÜbersetzung erschien unddie ich ursprünglich Anfang der Siebzigerjahre auf Arabisch gelesen hatte (übersetzt von Hashim al-Husseini), handelt von Paul Hilbert, einem kleinen Angestellten, ledig,der in einer Handelsfirma arbeitet und allein in einer Pariser Wohnung im sechsten Stock eines allem Anschein nach neu errichteten Wohnhauses lebt. Wobei die Höhe hier von Bedeutung ist, denn die Erzählung setzt auf dem Balkon der Wohnung ein. „Die Menschen muss man von oben sehen“, mit diesem Satz beginnt der Held der Erzählung seine Geschichte, um uns darüber ins Bild zu setzen, wie diese Höhe, in der er sich befindet, ihn in den Stand versetzt, Menschen und Dinge aus einem anderen Blickwinkel zu sehen, was ihn ein Gefühl der Überlegenheit empfinden lässt. „Meine erhöhte Position, das ist alles: Ich habe mich über das Menschliche in mir selbst erhoben und betrachte es. Deshalb liebe ich die Türme von Notre-Dame, die Plattformen des Eiffelturms, Sacré-Coeur und meine sechste Etage in der Rue Delambre. Sie sind ausgezeichnete Symbole.“ Wäre es ihm nur gegeben, würde er ein Leben auf dem Balkon vorziehen: „Auf dem Balkon einer sechsten Etage – dort hätte ich mein ganzes Leben zubringen sollen.“

Diese symbolische Höhe lässt ihn eine moralische Überlegenheit über die Menschen empfinden, und wenn er gezwungen ist, hinunter auf die Straße zu gehen, also aus seinem Turm herabzusteigen, etwa um zur Arbeit ins Büro zu gehen, meint er zu ersticken, da es, wenn man auf gleicher Höhe mit den Menschen sich bewegt, schwerer fällt, diese als Ameisen zu betrachten, die sich „halb kriechend“ fortbewegen. Er weiß, dass die Menschen seine Feinde sind (auch wenn sie dies nicht wissen), so wie er auch weiß, dass sie sich untereinander lieben, zusammenhalten und auch ihm hier und da weiterhelfen würden, weil sie ihn für ihresgleichen halten. Aber wenn sieauch nur ansatzweise von seinen Fehlern wüssten,würden sie ihn verprügeln wollen, was sie später tatsächlich auch tun.

Damit Paul Hilbert sichdem Rest der Menschen weiter vollkommen überlegen fühlen kann, erwirbt er eines Tages einen Revolver: „Von diesem Standpunkt aus gesehen ging alles besser von dem Tage an.“ Denn Hilbert zufolge fühlt man sich stark, „wenn man ununterbrochen etwas bei sich trägt, was explodieren und knallen kann“. Und so fängt er eines Tages an, den Revolver in seiner Hosentasche bei sich zu tragen, wenn er sich auf seine Flaniergänge über die Boulevards von Paris macht. Hat er anfangs und auch später zuweilen noch das Gefühl, der Revolver sei wie ein Krebs, der an seiner Hose zieht und sich kalt an seinen Oberschenkel legt, so spürt er mit der Zeit allmählich, wie der Revolver beginnt, sich durch seinen eigenen Körper zu erwärmen, bis er den Zwang empfindet, von Zeit zu Zeit nach dem „Gegenstand“ zu tasten, wozu er öffentliche Bedürfnisanstalten aufsucht, um die Waffe zu inspizieren, sie in die Hand zu nehmen und ihren kantigen Kolben zu betrachten, Millimeter für Millimeter. Und eines Abends, genauer gesagt an einem ersten Samstag im Monat, wie uns Paul Hilbert wissen lässt, kommt ihm schließlich der Gedanke, damit auf Menschen zu schießen.

An ebenjenem kalten Jännerabend machtsich Hilbert auf, um wie gewöhnlich an jedem ersten Samstag im Monat nach Léa zu suchen, einer Prostituierten, die auf der Rue Montparnasse vor einem der Hotels zu stehen pflegt. Paul Hilberts Verhältnis zu Frauen ist gestört, kann nicht dem entsprechen, was er wünscht. Bei einer Frau spürt er keine Wärme. Alles, was er verlangt, ist, vor ihm entkleidet im Zimmer auf und ab zu gehen, zu „exerzieren“, bis er in seine Hose ejakuliert. Der intime Verkehr mit einer Frau lässt ihn befürchten, „bestohlen worden zu sein“. „Man steigt drüber, schön“, beschreibt er den Geschlechtsakt, „aber sie verschlingen dir mit ihrem großen, behaarten Mund den Unterleib, und nach allem, was ich gehört habe, sind sie es, die bei diesem Tauschgeschäft bei Weitem besser abschneiden.“ Richtig ist, dass er von keinem Menschen etwas verlangt, aber geben will er auch nichts. „Oder ich hätte eine kalte und gläubige Frau gebraucht, die mich mit Abscheu ertragen hätte.“

Und genau an diesem Samstag kommt Hilbert die Idee, wahllos auf Menschen zu schießen. Er beginnt, Werbung in eigener Person zu machen, so am Montagmorgen im Büro seiner Firma, wo er sich den Kollegen gegenüber betont liebenswürdig gibt, als seien auch sie menschliche Zielscheiben, denen er sich mit größter Sorgfalt widmet. Anfangs jagt Hilbert der Gedanke, sein eigenes Schicksal werde kurz und tragisch sein, Angst ein, doch mit der Zeit gewöhnt er sich daran. Ja, wenn er auf die Straße tritt, fühlt er in seinem Körper eine merkwürdige Gewalt, da er seinen Revolver bei sich trägt, „dieses Ding, das explodiert und knallt“. Doch die Explosion wird nicht aus der Waffe kommen, sondern aus ihm – Paul Hilbert – selbst. Es ist dieses neue Gefühl, das von ihmBesitz ergriffen hat, dass er selbst „der Rasse der Revolver, der Granaten und Bomben“angehört. „Ich selbst würde eines Tages, am Ende meines dunklen Lebens, explodieren und die Welt wie ein Magnesiumblitz mit einer heftigen und kurzen Flamme erhellen.“

Hilbert geht nun ganze Wochen hindurch nicht mehr ins Büro, fängt stattdessen an, auf den Boulevards zu spazieren, mitten unter seinen künftigen Opfern, oder schließt sich in seinem Zimmer ein und schmiedet an seinem Plan. Anfang Oktober dann wird er entlassen. Und erst jetzt, da er arbeitslos ist, wird sein Traum Wirklichkeit werden. Seine freie Zeit, die die Beschäftigungslosigkeit ihm beschert, nutzt er, um einen Brief zu entwerfen, von dem er hundertzwei Kopien anfertigt, die er an berühmte Autoren schickt,um sie darin über die Intention dessen zu informieren, was er vorhat: „Sicher sind Sie neugierig, nehme ich an, zu erfahren, wie ein Mensch so aussieht, der die Menschen nicht liebt. Nun – so einer bin ich, und ich liebe sie so wenig, dass ich sogleich ein halbes Dutzend von ihnen töten werde. Vielleicht werden Sie sich fragen: warum nur ein halbes Dutzend? Mein Revolver fasst nur sechs Patronen.“

Zwischen dem Fassen des Entschlusses und seiner Ausführung liegt also eine Spanne, die im Fall von Paul Hilbert genug Raum bietet, um eine geistige Verwirrung und gestörte Persönlichkeit widerzuspiegeln, seine Neurose, seine Neigung zum Morden und seinen Hass in erster Linie nicht gegen die Menschen, sondern in Wirklichkeit gegen sich selbst. Hilbert versucht diese Spanne mit Ausreden zu füllen, dass er nämlich so lange zu warten habe, bis sechs Passanten auf einmal ihm begegneten oder wenigstens fünf, damit er vielleicht die sechste Kugel sich selbst verpassen kann, ehe man ihn verhaftet. Denn wer die Menschen tötet, hasst auch sich selbst. Ist es nicht das, was alle Selbstmordattentäter mit ihrem im Voraus gewählten Tod sagen wollen?

Nicht von ungefähr lässt Sartre seinen Helden in dem Bekennerschreiben, das er in hundertzwei Kopien an berühmte Autoren schickt, auf eine Frage antworten, die sich jedem stellen muss, der diesen Brief liest: „Eine Ungeheuerlichkeit, nicht wahr? Und zu all dem ein völlig unpolitischer Akt? Aber ich sage Ihnen, dass ich die Menschen nicht lieben kann. Ich verstehe Ihre Gefühlesehr gut. Aber das, was Sie an ihnen anzieht, ekelt mich an.“ Um dies nochdeutlicher zu machen und verstanden zu werden, liefert Hilbert ein Bild, einen Beleg für seinen Ekel den Menschen gegenüber: „WieSie habe ich Menschen bedächtig und gleichgültig kauen sehen, indem sie gleichzeitig mit der linken Hand in einer Börsenzeitschrift blätterten.“ Und das lässt Sartre seinen Helden im Jahre 1939 sagen.

Interessant wäre zu erfahren, was Paul Hilbert über die heutige Welt der Börse sagenwürde, die es zum Beispiel in Deutschland geschafft hat, Einzug in alle Privathaushalte zu halten, nachdem sie sich satte fünf Minuten Sendezeit unmittelbar vor der Hauptnachrichtensendung um acht Uhr abends auf dem ersten Kanal des öffentlich-rechtlichen Fernsehens gesichert hat.

Das Gerede über die Börse könnte natürlich Paul Hilberts Verhalten als politisch erscheinen lassen. Aber in Wahrheit ist dies nicht von Bedeutung, ist nur Entschuldigung für den Mord. Politik ist ein Standpunkt, ist alltägliches Verhalten, und würde jemandem als Begründung genügen, einen Menschen zu töten, weil dieser gemächlich kaut und dabei in seiner Börsenzeitschrift blättert, könnte ein anderer dann den Mord, den er begeht, damit rechtfertigen, dass ihm der Haarschnitt eines Menschen nicht gefällt oder wie er seinen Schnurrbart trägt? Am Ende ist Mord immer nur Mord.

Paul Hilberts Brief in hundertzweifacher Ausfertigung unterscheidet sich nicht von jenen Kommuniqués, die wir zu sehen bekommen, nachdem Selbstmordattentäter ihre Taten verübt haben. Wobei es bedeutungslos ist, dass einige dieser „erklärenden Verlautbarungen“ in Form von Abschiedsvideos daherkommen, in denen ihre Urheber sich bemühen zu erklären, was sie da schon begangen haben. Dabei suchen sie zumeist bei religiösen Floskeln Zuflucht, bei Koranversen im Fall der islamischen Selbstmordattentäter, von denen die allermeisten den Sinn des Zitierten nicht einmal verstehen und dies lediglich nachplappern wie Papageien. Aus diesem Grund ist es auch falsch, sie als „radikale Islamisten“ zu etikettieren. Denn was diese Menschen in Wahrheit tun, ist: ihrem eigenen Nihilismus eine islamische Bedeutung zu verleihen. Es sind „islamische Nihilisten“ und keine „nihilistischen Islamisten“, ja sie müssen als „muslimische Mörder“ und nicht als „mörderische Muslime“ bezeichnet werden.

Ich weiß nicht, wie weit der Boulevard Edgar-Quinet oder die Rue d'Odessa, der Boulevard Montparnasse oder der Platz Denfert-Rocherau oder die Rue Delambre – all jene Orte, an die Paul Hilbert seine Füße tragen, da er über seinen Plan nachdenkt, darüber, wie er seinen Mehrfachmord begehen soll –, ich weiß nicht, wie weit all diese Orte von jenen Stadtteilen entfernt sind, durch die die Attentäter von Paris im November vorigen Jahres gefahren sind und darüber nachgedacht haben, wie sie ihr Massaker ausführen, in der Rue Bichet und der Rue de Charonne, der Rue Voltaire, wo sich das Theater Bataclan befindet, im 10. und 11. Arrondissement. Und ich weiß nicht, was sie dabei gedacht haben. Ich weiß auch nicht, was die Attentäter am Flughafen in Brüssel und in der Metrostation Maelbeek gedacht haben vor zwei Wochen. Abgesehen von ihren „Allahu-akbar“-Rufen –einem Klischee, das längst ordinär geworden ist und vor lauter Missbrauch rein gar nichts mehr bedeutet –, haben diese schreienden jungen Männer nicht mitgeteilt, was in jenem Moment genau durch ihre Köpfe ging.

Ja, es bliebe natürlich die Bewegung ihrer Körper oder bloß ihrer Hände, die den Abzug betätigen oder Handgranaten werfen oder den Sprengstoffgürtel zur Explosion bringen: Diese Bewegung besagt, dass sie den Tod wollten, wobei es unerheblich ist, ob sie damit ihren eigenen Tod oder den von anderen Menschen gemeint haben. Aber warum und wie? Oder hat einer von ihnen in dem Moment, da er den Abzug betätigte odersich selbst mit seinem Bombengürtel in die Luft sprengte, gezögert? Hat einer von ihnen an eine Mutter oder eine Freundin oder einen Freund gedacht? An ein Lied, das er an jenem Tag gehört hatte und das ihm noch im Ohr war? Hat einer von ihnen sich gefragt, warum ausgerechnet die Menschen in diesem Stadtteil und nicht die im benachbarten Viertel ermordet werden sollen? Alle diese Fragen und andere mehr, mit denen wir uns beschäftigen können und für die wir eine Erklärung suchen, sind Fragen, deren Antworten die Täter mit ins Grab genommen haben.

Die Literatur unternimmt zumindest den Versuch, uns ins Bild zu setzen, oder genauer gesagt: in die Situation von Paul Hilbert, der bei der Ausführung des Blutbads scheitert, jedes Mal, wenn die Zeitspanne zwischen ihm und der Ausführung seines Verbrechens schwindet, jedes Mal, wenn seine Zweifel wachsen, wenn seine Verwirrung zunimmt. Am Ende bringt er nur eine einzige Person um, paradoxerweise einen beleibten Mann auf der Straße, dem er drei Kugeln in den Bauch schießt, sodass ihm noch drei Kugeln bleiben. Zwei weitere feuert er auf der Flucht vor seinen Verfolgern in die Luft, ehe er in das WC eines Cafés stürmt und sich dort einschließt. Eine letzte Kugel hat er noch, um sich selbst das Leben zu nehmen, doch dies vermag er nicht, weshalb er am Ende den Revolver fortwirft und seinen Verfolgern die Tür öffnet. Vielleicht wusste Paul Hilbert seinerzeit noch nichts von Selbstmordattentaten. Seine Geschichte bekam die Öffentlichkeit im Jahre 1939 zu lesen. Die Frage, die sich mit Macht aufdrängt, ist zudem, ob Paul Hilbert sein Verbrechen auch begangen und mindestens einen Menschen erschossen hätte, wäre ihm nicht gekündigt worden. Was, wenn seine Entlassung und das Herumsitzen zu Hause ihm nicht nur die nötige Zeit beschert hätten, seinen Brief zu formulieren und diesen an hundertzwei Schriftsteller zu verschicken, sondern auch sein Blutbad in allen Einzelheiten durchzuplanen?

Sartre versucht, uns diesen Täter, einen kleinen Angestellten, als modernen Bürger näherzubringen, als einen Menschen des 20. Jahrhunderts, der sich seiner Umgebung entfremdet fühlt. Und die Attentäter von Paris? Die Attentäter von Brüssel? Haben sie Sartres Helden Érostrate gekannt, ja haben sie überhaupt Sartre gelesen? Ich weiß es nicht, aber so wie sie keine Kenntnisse vom Islam hatten, in dessen Namen sie ihr Blutbad verübten, dürften sie gewiss weder den griechisch-hellenistischen Herostratos nochdessen Pariser Wiedergänger, den Helden Sartres, gekannt haben. Denndies haben die meisten von denen, die als „Jihadisten“ bezeichnet werden, gemeinsam,nämlich dass ihnen alles fehlt, was irgendeine Beziehung zu islamischer Bildung hat, zu allen guten Formen der religiösen Unterweisung.

Ja, im Gegenteil: Ihre eigenen Kommuniqués und alle Statistiken deuten auf eine gegenteilige Beziehung zwischen dem Glauben und der Bereitschaft hin, Terrorakte zu begehen. Denn die meisten dieser neuen Terroristen haben nie Moscheen besucht, und wenn sie es doch getan haben, dann in einer späten und nur kurz währenden Phase ihres Lebens. Ihren Jihad haben sie aus dem Internet oder aus dem Gefängnis, wo die meisten von ihnen wegen Vergehen eingesessen haben, die nichts mit der Religion zu tun haben, Diebstahl, Raub, Drogenhandel und Gewalttaten etwa. Dieselben Statistiken besagen, dass jeder vierte Franzose, den der IS rekrutiert, jüngst zum Islam konvertiert ist.

Dies sind Kinder des Augenblicks, denen seit Kindheit die Frage „Wer sind wir?“, nach der eigenen Identität, in ihren Köpfen herumspukt. Sodass es nur eine Frage der Zeit ist, bis ein jeder von ihnen den Schritten Herostrats folgt und jenes vergiftete Samenkorn aufschnappt, das von diesem hinterlassen bis heute unverändert an jedem Ort auf der Welt in der Luft umherschwebt. Stolz, Intelligenz, Glamour, Glitzern, Beachtung, alles, was mit den Blicken, die man auf sich zieht, in Verbindung steht – das ist es, was die jungen Leute suchen, unwichtig, welcher Ethnie sie angehören oder wo sie leben, welche Hautfarbe sie haben, welche Nationalität oder Religion. Worauf es ankommt, ist: dass sie etwas finden, was die Blicke auf sie lenkt, was sie Stolz empfinden lässt, das Gefühl, etwas Besonderes zu sein. Jedes Zeitalter und jeder Ort hat diesbezüglich seine eigenen Antworten.

„Wer bin ich?“ Im Falle der heutigen Jihadisten, der Täter von Paris, von Brüssel, die aus den Bidonvilles kommen, den französischen oder belgischen, ist diese Frage noch gewichtiger: Dem Pass nach sind sie Franzosen oder Belgier – aber in Wirklichkeit? Sie zählen nicht. Ihre eigenen Väter aber, die Muslime sind und für die Religion immer eine Privatangelegenheit gewesen ist, sind in ihren Augen unterwürfige Feiglinge, die sich dem Staat ergeben haben, Duckmäuser. Diese Kinder scharen sich um ihre Eltern, suchen vergeblich bei ihnen nach Vorbildern für Stolz und Helligkeit, doch da ist nichts, gähnende Leere, Unterwürfigkeit und Arbeitslosigkeit, also bleibt nichts als die Suche nach einer Autorität, nach einem Ersatz.

Sie sind Kinder des Augenblicks, die nach einem Ersatz suchen, nach Trost, den sie sich selbst bescheren, die Emigration, oder aber bleiben und es Herostrat nachtun. Doch während Sartres Held einen Revolver mit sechs Kugeln bei sich trägt, rüsten sie sich mit Handgranaten und Sprengstoff. Denn immerhin sind sie Söhne des Augenblicks, und die Gegenwart besagt nun einmal, dass wir in einer hochgerüsteten Welt voller Waffen leben.

Geboren 1956 in Basra, Irak. Als „politisch Andersdenkender“ 1980 Flucht nach Westdeutschland. Studierte deutsche und spanische Literatur. Im Hanser Verlag: der Roman„Bagdad Marlboro“ und „Bagdad. Erinnerungen an eine Weltstadt“. Sein Beitrag, aus dem Arabischen übersetzt von Markus Lemke, gibt Ausschnitte aus seiner Frühlingsvorlesung der Akademie Graz wieder (6. und 7. April, 19 Uhr, im Literaturhaus Graz).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.04.2016)