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Schlepper schmuggeln wieder Flüchtlinge nach Italien

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Den gefährlichen Fluchtweg nach Libyen und über das Meer wählen derzeit vor allem Einwohner aus nicht arabischen afrikanischen Ländern.APA/AFP/GIOVANNI ISOLINO
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Heuer strandeten bereits fast doppelt so viele Menschen an Italiens Küsten wie in den ersten drei Monaten 2015.

Rom/Wien. Italiens Befürchtungen scheinen sich zu bewahrheiten: Nach der Abriegelung der Balkanroute haben Schlepper offenbar die alten illegalen Routen über das Mittelmeer in die EU reaktiviert. Italien könnte heuer erneut das Eingangstor für Hunderttausende Migranten nach Europa werden.

Darauf weisen neueste Zahlen hin: Nach Angaben des italienischen Innenministeriums sind seit Jahresbeginn fast doppelt so viele Menschen an den süditalienischen Küsten gestrandet wie in den ersten drei Monaten des Vorjahres. Zwischen erstem Jänner und 30. März 2016 waren es 18.234 Boatpeople, 80 Prozent mehr als im Vergleichszeitraum 2015, als 10.165 Menschen das Land erreicht hatten. Seit Gültigkeit des EU-Türkei-Deals am 20. März erreichten Tausende Menschen Italien, während nur einige Hunderte nach Griechenland flohen. Im vergangenen Jahr waren – wegen des hohen Zustroms nach Griechenland – die Ankünfte leicht zurückgegangen: auf 153.000 von insgesamt 170.000 im Jahr 2014 (10.965 von Jänner bis März). In Rom rechnet man heuer mit einer Rekordzahl von 270.000 Flüchtlingen. „Wir sind darauf nicht vorbereitet“, schlägt das Innenministerium Alarm. Tatsächlich sind bereits jetzt, vor der eigentlichen „Hochsaison“, die Aufnahmekapazitäten überlastet. Flüchtlinge werden auf Campingplätzen und in Feriendörfern untergebracht, da es nicht genug Unterkünfte gibt.

Derzeit wird vor allem wieder die sogenannte zentrale Mittelmeerroute genutzt – mit Libyen als wichtigstem Ausgangspunkt. So sollen in den dortigen Küstenorten Hunderttausende Menschen auf die Überfahrt warten, berichtete unlängst die „Welt am Sonntag“ unter Berufung auf Nachrichtendienste. Seit dem Sturz Gaddafis im Jahr 2011 ist das instabile nordafrikanische Land zur Drehscheibe für Flüchtlinge und Menschenhändler geworden: Milizen ringen neben zwei rivalisierenden Parlamenten und Regierungen um die Macht, der Islamische Staat breitet sich im Land aus. Schlepper können in diesem Machtvakuum meist problemlos ihren lukrativen Geschäften nachgehen: Flüchtlinge werden für teures Geld zusammengepfercht in Wohnungen oder alten Fabrikhallen gehalten und dann auf alten Booten über das Meer nach Europa geschmuggelt.

Den gefährlichen Fluchtweg nach Libyen und über das Meer wählen derzeit vor allem Einwohner aus nicht arabischen afrikanischen Ländern, wobei laut „Welt am Sonntag“ die Anzahl an Syrern zunehme. Nach Angaben des UNHCR sind in Italien (vorwiegend Sizilien) seit Jahresbeginn vor allem Migranten aus Nigeria (2426), Gambia (1948) und dem Senegal (1373) angekommen.

 

4000 Euro für Ticket nach Apulien

Schlepper testen derzeit offenbar auch andere Wege, um Flüchtlinge nach Italien zu schleusen: Menschenschmuggler in der Türkei würden derzeit Schiffsüberfahrten nach Apulien für 4000 Dollar pro Person anbieten (die Überfahrt nach Griechenland kostet durchschnittlich 1000 Dollar), fand der britische „Guardian“ heraus. Allerdings hat UNHCR „noch keine konkreten Hinweise“, dass die Route Türkei-Albanien-Italien wieder geöffnet ist, relativiert eine Sprecherin der Organisation solche Gerüchte.

An Attraktivität gewinnt auch der Landweg nach Norditalien. Allein heuer wurden an den Grenzen 2378 Flüchtlinge aufgegriffen – die meisten aus Afghanistan und Pakistan. Unbestätigten Berichten zufolge waren Menschen darunter, die sich zuvor in Deutschland aufgehalten hatten und deren Asylanträge abgewiesen wurden. (basta)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.04.2016)