Soziale Netzwerke: StudiVZ plant Österreich-Version

(c) EPA (Wolfgang Kumm)
  • Drucken

Clemens Riedl, Chef des deutschen StudiVZ, über Datenschutz, Gewinn und Facebook. Wenn es nach ihm ginge, hätte jedes Land ein eigenes soziales Netzwerk.

Die Presse: Was muss man einem Investor versprechen, der in ein soziales Netzwerk investiert, wie Russlands Digital Sky Technologies in Facebook? Offenbar weiß derzeit ja niemand so richtig, wie man mit Social Networks Geld verdienen soll.

Clemens Riedl: Das ist ein Deal, über den man spekulieren kann. Da ich aber nicht dabei gewesen bin, kann ich dazu nichts sagen.

Selbst Rupert Murdoch fragt sich, wie man mit Plattformen wie Twitter Geld machen kann. Haben Sie einen Plan? StudiVZ war 2008 ja nicht besonders erfolgreich...

Riedl: Wir haben letztes Jahr, im ersten Jahr unserer Vermarktung, zehn Millionen Euro umgesetzt, ein durchaus ordentliches Ergebnis. Ich glaube, dass es eigentlich ganz einfach ist, mit Social Networks Geld zu verdienen. Vorerst geht es aber um den Verteilungskampf, um Terraingewinn. Soziale Netzwerke sind eine Arena, in der keine Gefangenen gemacht werden. Es ist ein harter, brutaler Wettkampf, in dem zurzeit nur eines gilt: Nutzerwachstum, Nutzerwachstum, Nutzerwachstum. Die Frage der Monetarisierung ist aktuell noch im Hintergrund. Und: Eine ganze Generation verbringt derzeit zirka eine halbe Stunde am Tag damit.

Sie haben 2008 zehn Millionen Euro Umsatz gemacht, aber keinen Gewinn.

Riedl: Das ist korrekt. Nochmal: Das Spiel von Social Networks ist größer als das einfache Streben nach Gewinn. Das klingt vielleicht arrogant, ist zurzeit aber der Wettbewerb.

Aber irgendwann muss wohl das Ziel sein, Gewinn zu machen.

Riedl: Derzeit ist uns das Wachstum wichtiger. Wir könnten aber jederzeit den Schalter umlegen und statt Wachstum auf Profitabilität setzen, glauben Sie's mir.

Und wie?

Riedl: Indem wir die Investitionen zurückfahren. Das wollen wir jedoch nicht. Aber es ist überhaupt kein Problem, den Break-even zu erreichen. Den können wir machen, wann wir wollen.

Und den Umsatz machen Sie mit „klassischer“ Onlinewerbung wie z.B. Bannern?

Riedl: Ja. Aktuell stammen rund 80 Prozent unseres Umsatzes aus dem Display-Geschäft, dazu kommen Umsätze aus den Bereichen Community-Produkte und E-Commerce.

Was halten Sie von kostenpflichtigen Premiumleistungen in Social Networks?

Riedl: Ich glaube, dass kostenpflichtige Angebote bis auf ganz wenige Ausnahmen Offenbarungseid einer Website sind: wenn es nämlich keine anderen Refinanzierungsmöglichkeiten gibt. Ich stehe dem sehr skeptisch gegenüber.

Verbraucherschützer und Datenschützer kritisieren immer wieder den Missbrauch von Daten in Social Networks.

Riedl: Datenschutz ist für uns ein ganz wichtiges Thema. Für die VZ-Netzwerke hat schon immer gegolten, dass alle Daten den Nutzern gehören, Profildaten nicht in Suchmaschinen erscheinen und Nutzer jederzeit alle ihre Daten restlos löschen können. Wichtig ist: Wir sind ein Unternehmen mit Sitz in Europa und unterliegen hier voll und ganz den nationalen Gesetzgebungen, dem nationalen Datenschutz, das gilt auch für Österreich. Nach unserer Auffassung müssen auch US-Unternehmen die deutschen und österreichischen Datenschutzstandards erfüllen und auch für sie muss deutsches Recht gelten. Bloß: Das ist aktuell nicht der Fall. Das führt zu einer Wettbewerbsverzerrung. Vieles, was manche Leute sehr gut finden, etwa Feeds oder das Sharen von Informationen, ist nach deutschem Datenschutzrecht überhaupt nicht möglich, weil's keine Einwilligung der Nutzer dafür gibt.

Sie hatten den Usern ursprünglich ja die Zustimmung zu personalisierter Werbung gleich beim Einstieg abverlangt – wie haben Sie das jetzt geregelt?

Riedl: Wir haben hier ein sogenanntes Opt-out-Verfahren, d.h. bei uns können sich die Nutzer gegen zielgruppenspezifische Werbung entscheiden. Wenn sie das ausschalten, erhalten sie zwar Werbung, aber keine zielgruppenspezifische Werbung.

Facebook hat eine Plagiatsklage gegen Sie angestrengt, sie hätten Funktionen und Aussehen der internationalen Plattform kopiert.

Riedl: Das Landgericht Köln hat vor Kurzem die Klage von Facebook in vollem Umfang abgewiesen. Damit findet der Wettbewerb endlich wieder dort statt, wo er hingehört: auf dem Markt und nicht vor Gericht.

Welches Potenzial ist in Österreich in Sachen Social Networks noch zu heben?

Riedl: Ich persönlich finde es traurig, dass es keine österreichische Lösung bzw. auch keine Bemühungen gibt, ein eigenes Social Network zu bauen. Ich halte es für sehr wichtig, dass es Social Networks in jedem Land gibt, weil der Werbemarkt da sehr stark hineingehen wird. Und für die Refinanzierung ist es wichtig, dass das Geld in einem Land bleibt, um Medienschaffenden die Möglichkeit zu geben, Produkte zu bauen. Wir sind in Deutschland ja auch ein gallisches Dorf.

...während der Rest der Welt auf Facebook ist. Wird eventuell StudiVZ einen Österreich-Ableger machen?

Riedl: Ich bin heute hier, um mir die Situation anzuschauen, um zu sondieren, ob wir eine österreichische Lösung finden. Wir prüfen einen Einstieg in den österreichischen Markt und sind offen für alle Lösungen und Kooperationspartner.

Gibt es schon Gespräche mit jemandem?

Riedl: Nein, aber wir sind offen.

Zur Person und Netzwerk

Clemens Riedl (geb. 1971 in Wien) ist seit Herbst 2008 Geschäftsführer der StudiVZ Ltd. in Berlin. Nach seinem BWL-Studium an der WU Wien, der University of Illinois und in Stanford promovierte Riedl an der European Business School in Oestrich-Winkel. Seine Laufbahn begann er 1998 als Assistent der Geschäftsführung beim Tagesspiegel-Verlag, der zur Georg-von-Holtzbrinck-Gruppe zählt.

StudiVZ ist ein soziales Netzwerk für den deutschsprachigen Raum und hat heute rund 14 Mio. Mitglieder. Es existiert seit Ende 2005.

Facebook, internationaler Konkurrent des deutschen Netzwerks, zählte laut eigenen Angaben eben das 250-millionste Mitglied. Es ist seit Anfang 2004 online. [Isabelle Saurer]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.07.2009)

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.