Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Ötzi hatte Ruß-Tattoos

MEDIZIN. Die kleinen Wunden sitzen an Akupunkturpunkten. Sollten sie gegen Arthrose und Würmer helfen?

Viel ist nicht geblieben von Ötzis Haut, die 5315 Jahre im Eis – das auch manchmal auftaute – haben ihr zugesetzt. Die äußerste Schicht, die Epidermis, ist weg, fast am ganzen Körper. Aber an zwei Stellen am Bein ist doch noch etwas da, die unterste Schicht der Epidermis. Maria Anna Pabst, Histologin an der Med-Uni Graz, hat es bemerkt, unter dem Elektronenmikroskop zeigten sich gar die Melanin-Pigmente. Von ihnen hängt ab, welche Hautfarbe ein Mensch hat. Aber die des Eismanns wird ewig ein Geheimnis bleiben, die Hautfarbe wird in der oberen Schicht der Epidermis gemacht, und die ist eben nicht mehr da.


Auf der Haut: Schafsmist

Aber wo sie war, ist nun etwas anderes: Ötzis Haut ist bedeckt mit Eisenoxiden, die kommen aus nahe gelegenem Gestein, und mit Kalziumphosphat, das kommt aus – Schafsmist. Am Ort, an dem er im Eis lag, trieben Hirten über die Jahrtausende ihre Herden vorbei. Und was die Tiere hinterließen, drang nicht nur außen auf Ötzis Haut, sondern auch in ihn hinein, die gleiche Mischung hat Pabst früher schon in der Lunge des Eismanns gefunden.

Dort fand sie ebenfalls Ruß. Der zeigte sich nun auch punktuell in der Haut, im Bindegewebe, der Schicht unter der Epidermis. Er wurde absichtlich hineingebracht – vermutlich mit Dornen –, er ist das Pigment der Tätowierungen des Eismanns. Zudem gibt es dort Silikatkristalle, den modernen Analysetechniken entgeht nichts: „Es hat wohl damals schon feste Feuerstellen gegeben, und man hat den Ruß von den Steinen abgekratzt“, erklärt Pabst der „Presse“.

Das hat man in anderen Kulturen auch so getan, das Tätowieren ist alt, die Verwendung von Ruß ist alt, und zugefügt wurden die kleinen Wunden aus den unterschiedlichsten Motiven, vom Schmuck bis zum Kult. Über den Ötzi weiß man nichts, aber Schmuck war bei ihm nicht: Die Tätowierungen sind schlicht – Kreuze und Linien, die in Zweier- bis Siebenergruppen angeordnet wurden –, und sie sind an Körperstellen, die sich dem Blick eher nicht zeigen, vor allem dann nicht, wenn der Träger im Gebirge unterwegs und entsprechend gekleidet ist: an der Wirbelsäule, am Knie, am Knöchel.

Dass sie dort nicht zufällig sind, ist eine Hypothese von Leopold Dorfer (Akupunkturzentrum Graz), der auch diesmal an der Forschungsarbeit beteiligt war. Pabst übernimmt sie: „Die Tätowierungen sind an Akupunkturpunkten. Ötzi war ja schon etwa 40 Jahre alt, und man hat röntgenologisch körperliche Probleme festgestellt, etwa Arthrose. Und am Akupunkturpunkt für Arthrose hat er eine Tätowierung. Er hat auch eine an einem Punkt gegen Bauchschmerzen. Das könnte damit zusammenhängen, dass er im Darm Probleme hatte: Man hat dort Wurmeier gefunden.“ (Journal of Archaeological Science, 24.6.)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.07.2009)