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Akademietheater: Der nervöse Narziss und das göttliche Biest

FOTOPROBE: ´BELLA FIGURA´ IM AKADEMIETHEATER
Sie hätten gern Sex, aber irgendetwas kommt immer dazwischen: Andrea (Caroline Peters), Boris (Joachim Meyerhoff) in Yasmina Rezas „Bella Figura“.(c) APA/HANS KLAUS TECHT

Dieter Giesing inszenierte mit Liebe „Bella Figura“ von Yasmina Reza. Kirsten Dene begeisterte – inmitten einer Gruppe irrsinniger Wohlstandsbürger, als alte Dame, die ihre Jugend vermisst.

Was wäre die Literatur ohne die Paarkatastrophen – von Martin Walser bis John Updike? Manchmal fühlt man sich als Single im Vorteil – und fragt sich, warum es derart wichtig ist, treu zu sein. Als die französische Autorin Yasmina Reza mit ihrer Satire „Kunst“ in den 1990ern in der Theaterwelt erschien, gab es im deutschen Feuilleton hitzige Debatten: Ist das jetzt Boulevard oder Literatur? Woanders werden diese Grenzen nicht so eng gezogen.

Rezas Stücke sind in einer gewissen Weise sehr französisch: Das dauernde Geplänkel, eine wahre Lebenslust an der Konfrontation, die Koketterie, der Esprit im Alltäglichen. Es sind klassische First-World-Probleme, von denen Reza erzählt, ihr Publikum ist der so saturierte wie neurotische Mittelstand Europas. Längst ist die Autorin etabliert, 2011 wurde etwa „Der Gott des Gemetzels“ verfilmt, von Roman Polanski, hoch besetzt mit Jodie Foster und Christoph Waltz.

 

Angst vor wirtschaftlichem Absturz

Ihre neueste Zimmerschlacht hat Reza ans Meer und in ein Restaurant verlegt. Ein Mann möchte mit seiner Geliebten einen sinnlichen Abend verbringen. Doch ständig bauen sich neue Hindernisse auf. Die beiden streiten, weil er sie in ein Restaurant ausführt, das seine Gattin empfohlen hat. Auch hat er geschäftliche Probleme. Schließlich fährt er mit seinem knallgelben Audi eine alte Dame um, die Geburtstag feiert. Deren Sohn und dessen Freundin sind Bekannte des Seitenspringers. „Bella Figura“, seit Sonntag im Akademietheater zu sehen, handelt von uns Fassadenmenschen, für die der Schein wichtiger ist als das Sein. Das Drama ist leichtes Abonnentenfutter im oft schweren Burgtheater. So kam es auch an.

Das Stück ist allerdings nicht so witzig wie „Kunst“ und auch nicht so scharf wie „Der Gott des Gemetzels“. Dieter Giesing hat inszeniert und sich glücklicherweise keine großen Gedanken um die Qualität des Textes gemacht, der eine gewisse Routiniertheit aufweist. Regisseur und Ensemble lassen das vergessen. Joachim Meyerhoff spielt Boris, den Inhaber einer florierenden Glaserei, der in den Verandabau expandieren wollte – und nun vor der Pleite steht. Fahrig ist dieser Mann, ein Narziss, der Betreuung braucht und mit der exzentrischen Apothekerin Andrea (grandios: Caroline Peters), die Pillen einwirft und immer das Gegenteil von dem tut, was ihr Freund will, völlig überfordert ist.

 

Quickie in der Damentoilette

Zwischendurch wollen sich die zwei einmal in der Damentoilette vergnügen. Dabei verheddert sich Boris/Meyerhoff in seinem Hemd. Köstlich. Peters zieht ihre goldenen 400-Euro-Schuhe an und aus, raucht viele Zigaretten und reißt ihre schönen Augen auf. Mademoiselle Andrea ist eine Sadistin des Nervens. Sie genießt es. Ein göttliches Biest! Eine Catherine Deneuve, die für die Rolle ideal wäre, könnte neidisch werden. Françoise (Sylvie Rohrer) und Eric (Roland Koch) sind das nur etwas vernünftigere Paar, sie ist empört, dass Boris, der Mann ihrer besten Freundin, diese betrügt. Und Koch, wohl bestallter Leiter der Rechtsabteilung einer Hubschrauberfirma, versucht Contenance zu wahren in dem Wirrwarr aus Zank und Provokationen – bis auch ihm der Geduldsfaden reißt. Kirsten Dene spielt Erics Mutter Yvonne, die in der schrillen Andrea sogleich eine Verwandte und Verbündete wittert.

Dene zeichnet diese Dame sehr präzis und vielschichtig: Yvonne sieht in ihrem Sohn vor allem einen Partner, mütterliche Gefühle sind nicht ihre Stärke, sie zieht sich noch chic an, ungeachtet ihrer Körperfülle, und erinnert sich am liebsten an die Zeiten, als sie noch auf die Jagd gehen konnte. Ihre beginnende Demenz verbirgt sie geschickt. Man weiß nicht, ist sie abwesend oder will sie sich nicht einmischen. Stéphane Laimé baute eine schöne Bühne mit Meerblick und einen Speisesaal mit glitzerndem Lametta und luxuriöser Tafel. Das Publikum genoss heitere neunzig Minuten. Näher kann man dem französischen Wesen auf einer deutschsprachigen Bühne schwer kommen. Mancher mag einwenden, dass Schnitzler das Tödliche an der Leidenschaft tiefer erspürte, Edward Albee auf Strindbergs Spuren drastischer die brutalen Seiten langjähriger Beziehungen beleuchtete – und Botho Strauß vor allem auch in der Sprache sophisticated die stets gefährdete Liebe von heute erhellte.

Aber Reza beherrscht den Balanceakt zwischen dem Heiteren, dem Lächerlichen, dem Peinlichen und dem Tragischen. Entscheidend sei der rhythmische Wechsel zwischen Sprechen und Schweigen schreibt Reza. Diesen Rhythmus haben der Regisseur und die Schauspieler sehr gut im Griff.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.04.2016)