Journalism Festival: Aufstehen in Perugia

Schlange stehen für den Edward-Snowden-Livestream in der Sala dei Notari, 2015.
Schlange stehen für den Edward-Snowden-Livestream in der Sala dei Notari, 2015.Wallner

Fünf Tage, 18 Veranstaltungsorte, über 150 Vorträge: In Perugia beginnt am Mittwoch die zehnte Auflage des "International Journalism Festival". Im Mittelpunkt stehen die Flüchtlingskrise und drei bronzene Herren am Hauptplatz.

Es gibt nicht wenige Journalisten, die sie für das eigentliche Übel der Branche halten: Medienkonferenzen. Weil sich Medienmacher dort gerne von ihrer schlechtesten, nämlich eitlen Seite zeigen und entweder in das immer gleiche Gejammere über den Niedergang der Zunft verfallen oder ihre neuesten Produkte in den Himmel loben würden. Statt von Konferenz zu Konferenz zu hoppen sollten Journalisten doch bitte lieber recherchieren, aufdecken, gute Geschichten schreiben. Zu dem Lamento kann man stehen wie man will, was tatsächlich stimmt ist: Es sind zu viele. Konferenzen nämlich. In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat jede größere Kleinstadt, jeder größere Verlag eine aus dem Boden gestampft, egal ob in den USA oder im deutschsprachigen Raum. 

Eines dieser Festivals gilt immer noch als Geheimtipp unter italophilen Zeitgenossen, hat sich aber mittlerweile vor allem inhaltlich zu einem der interessanteren Medientreffs gemausert: Das International Journalism Festival. In Perugia treffen sich seit zehn Jahren europäische und seit zwei, drei Jahren auch auffallend viele deutschsprachige (und österreichische) Journalisten und diskutieren den Zustand ihrer Branche. In atemberaubend schönen Räumen wie der Sala dei Notari oder Sala del Dottorato ebenso wie in etwas notdürftig zu Konferenzräumen umgemodelten Sälen der Hotels Brufani oder Sangallo oder dem Teatro della Sapienza, das schon bessere Tage gesehen hat.

Vortrag in der bezaubernden Sala dei Notari beim Journalism Festival 2015Wallner

Was das Festival so beliebt macht, ist zum einen der charmant unperfektionistische Zugang der italienischen Gastgeber. Bei manchen Diskussionen wird einfach nicht vom Italienischen ins Englische übersetzt, freies Internet ist auch nicht an jedem Veranstaltungsort garantiert. Dafür kostet der Espresso zwischendurch im Café an der Piazza Reppublica oder Italia nur einen Euro und die Pasta schmeckt immer, sogar in der Touristen-Schenke. Zudem kostet das Festival keinen Eintritt, was es vor allem für Studenten, Blogger und Journalisten interessant macht. Einen Besuch dieser Konferenz kann sich auch leisten, wer nicht vom eigenen Medienunternehmen bezahlt wird. Und das obwohl die Anreise naturgemäß etwas beschwerlicher ist als nach Berlin, Hamburg oder Wien. In der ersten Aprilwoche bekommt man in Perugia und Umgebung jedenfalls nur mehr schwer ein freies Pensions- oder AirBnB-Zimmer.

Snapchat in der Pause

Aber neben all den organisatorischen Annehmlichkeiten gefällt das Festival routinierten Konferenzbesuchern vor allem inhaltlich. Fünf Tage dauert die Konferenz, am ersten und letzten Tag stehen italienische Themen im Fokus, die für die internationalen Gäste nur am Rande spannend sind. Aber von Donnerstag bis Samstag bietet sich ein ziemlich dichtes Programm, bei dem die tatsächliche Arbeit der Journalisten im Vordergrund steht. Dass sich große Internetkonzerne wie Google oder Twitter nicht nehmen lassen, Workshops und Panels zu hosten, nimmt man in Kauf. Wer davon schon genug hat, geht stattdessen lieber in einen kleinen Workshop mit fünf Journalisten von französischen, britischen und italienischen Medien. Manchmal sitzen dann auch nur wenige Zuhörer im Publikum und man erlebt im Anschluss an die Vorträge eine gute Diskussion und kann sich mit den Vortragenden vernetzen. Im Vergleich zur Netz- und Medienmesse Republica in Berlin (2. bis 4. Mai), bei der die Veranstaltungsräume so nah beieinander liegen, dass man versucht ist, Vortrags-Hopping zu betreiben und am Ende keinen wirklich ganz mitbekommen hat, animiert Perugia Teilnehmer an einem Ort zu bleiben. Weil die mehr als 17 Konferenzorte in der gesamten Altstadt verteilt sind, lohnt es sich bei den meisten 30-minütigen Vorträgen nicht, von A nach B zu hetzen. In Perugia muss man selektiv sein.

Im Vorjahr war nach Perugia zu bemerken, dass AJ+, der junge Digitalableger des arabischen Sendernetzwerks Al Jazeera, bei Europas Journalisten angekommen war und sich Snapchat als kurzweilige Ablenkung in den Konferenzpausen etabliert hatte. Außerdem waren die "Millenials" als Zielgruppe der Verlage nicht zu übersehen und ging es auffallend viel um Videos für Smartphones. 

In diesem Jahr sticht (noch) kein Generalthema hervor, das Programm verrät aber, dass es heuer deutlich ernster und politischer wird. Die vergangenen Monate und die Flüchtlingskrise haben Spuren hinterlassen. Es gibt mehrere Panels, bei denen es darum gehen wird, wie Medien mit der Migrationskrise und humanitären Katastrophen umgehen sollen und wie man Reporter im Einsatz in Syrien und anderen Katastrophengebieten schützen kann.

Clicktivism und Foto-Stand mit Bronze-Snowden

Eine Installation auf dem Piazza IV Novembre, dem Hauptplatz Perugias, lädt zu etwas plattem Clicktivismus, wird aber dafür sorgen, dass in den kommenden Tagen auch viele Fotos aus der Stadt verschickt werden. Der Künstler Davide Dormino hat die Whistleblower und Aufdecker Edward Snowden, Julian Assange und Chelsea Manning lebensgroß in Bronze gegossen und auf Stühle gestellt. Ein Sessel daneben bleibt frei und lädt Besucher ein, sich neben die drei Herren zu stellen. Die Installation "Anything to say" war im Vorjahr bereits u.a. in Berlin zu sehen gewesen.

 

Die Installation von Davide Dormino mit Snowden, Assange und Manning ist derzeit in Perugia zu sehen.Web

Hashtag #ijf16

Auch Twitternutzern, die nicht vor Ort sind, wird der Hashtag #ijf16 in den kommenden Tagen wieder vermehrt auffallen - und ja, auch auf die Nerven gehen. Es lohnt sich allerdings, bei manchen Tweets genauer hinzusehen. Denn viele der Vorträge der kommenden Tage werden nachher online auf YouTube oder der Festivalseite abrufbar sein.