Aus dem Leben der Anderen: "Russland ist ein schönes Land"

(c) Die Presse (Eduard Steiner)
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Zu Besuch bei den Gazerovs in Moskau: Auf der schattigen Terrasse eines aserbaidschanischen Restaurants sinnieren Boris und Julia darüber, ob ihr Leben den gewünschten Lauf nimmt.

Im Land der begrenzten Möglichkeiten sind diese ab und an dann wieder derart groß, dass selbst die wiederholten Gedanken an eine Auswanderung verschwinden. Familie Gazerov, allen voran die 36-jährige Julia, will sich diesen Notausgang ja stets offenhalten. Aber würde ihr andernorts passieren, was sich letzte Woche in Moskau zutrug?

Mehr als ein halbes Jahr lang hatte Julias Mann Boris, seines Zeichens Immobilienmakler, erst eine kleine Wohnung verkauft und seither darauf gewartet, endlich wieder einen Deal abzuwickeln. „Letzte Woche war es dann so weit“, sagt der 41-Jährige sichtlich aufgewühlt in Vorfreude auf den weißen Rioja, den er sich aus gegebenem Anlass zugelegt hat. Das Kuriose freilich ist nicht der Kauf selbst, sondern die Preisgestaltung: „Die Welt steht Kopf“, meint Boris. Der Verkäufer nämlich habe während der Verhandlungen plötzlich den Ausgangspreis von 1,3 Mio. Dollar auf 1,5 Mio. Dollar angehoben. Und die Käuferin, eine jüngere Frau aus dem Nordkaukasus, habe ohne mit der Wimper zu zucken dann eben mehr bezahlt. Und dies vor dem Hintergrund, dass der Moskauer Immobilienmarkt nach einer heillosen Überhitzungsphase durch die Krise je nach Lage durchaus bis zu einem Drittel oder mehr eingebrochen ist.

Oldies „beim Aserbaidschaner“. Nach einem bisher kühlen Sommer hat die schlauchende Stadthitze Moskau derzeit fest im Griff. Das aserbaidschanische Restaurant mit seiner schattigen Terrasse in der Nähe der Gazerovs bietet Schutz vor den Temperaturen. Immerhin dröhnt hier kein aggressiver Kaukasuspop aus den Lautsprechern, stattdessen beschwingte Oldies à la Beatles oder Dschingis Khan. „Werft die Gläser an die Wand, Russland ist ein schönes Land. Ho, ho, ho, ho, ho!“ Texte, die die Gazerovs noch aus der Sowjetzeit kennen. Hier, „beim Aserbaidschaner“, schwelgt die Jungfamilie mitunter in Nostalgie. In Frankreich und Kopenhagen, wo Julia in den letzten 15 Jahren mehrmals länger war, habe sie die Liebe zum französischen Autorenkino entdeckt, erzählt sie: „Es fehlt mir, dass ich es hier in Moskau nicht zu sehen bekomme. Es fehlt mir einfach.“

Nicht dass Julia beim Käse nur die Löcher sieht. Aber sie lässt sich doch sehr konsequent anmerken, dass ihr so manches im Leben nicht passt. „Ich will ein stürmisches Leben“, sagt sie. Nein, sie meine nicht das Privatleben, stellt sie klar, als ich Boris mitleidig und fragend ansehe. Der Beruf sei das Problem. Nach Jahren als Copywriter in der Werbebranche sei sie zur Erkenntnis gelangt, dass sie die Autoritäten der Vorgesetzten nicht mehr brauche. „Früher habe ich mich ständig an ihnen orientiert“, erzählt sie. „Jetzt sehe ich, dass sie mich behindern – oder auch als Konkurrentin sehen.“

Das Horoskop! Dass Julia jedoch ein introvertierter Mensch sei, wie auch Boris bestätigt, würde ein Außenstehender nicht sehen: „Ja, Boris ist noch introvertierter“, sagt sie. „Aber ich bin es auch. Und dass ich im Leben immer alles gleichzeitig will, liegt in meiner Natur.“ Ihre Freundin Vika nämlich habe festgestellt, dass laut Horoskop Julias Mond in den Zwillingen stehe: „Tja, was tun. Die wollen eben alles und sofort.“

Boris ist vom Naturell her anders. Er wolle nichts, sagt er. „Ich vergöttere meinen Mann“, meint sie: „Er ist so ruhig. So toll. Und ein guter Vater.“ Ja, und er wolle sich manchmal einen hinter die Binde gießen und gut essen, wirft er ein: „Ohne das kannst du nicht gut sein.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.07.2009)

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