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ImpulsTanz: Neun Männer und ein weißer Schuh

(c) ImpulsTanz
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Anne Teresa de Keersmaekers „The Song“ bei ImPulsTanz: Da ist nur Raum, Klang, Tanz.

Die Choreografin erschien ganz in Schwarz, wirkte noch magerer als sonst, die Haare wie so oft zu einem Zopf im Nacken zusammengefasst. Mit dem ihr eigenen Ernst verfolgte Anne Teresa de Keersmaeker im Volkstheater ihre neun Tänzer, die auf der Bühne zunächst einmal vor allem rennen, einander verfolgen, sich zu Grüppchen versammeln, um gleich wieder loszulaufen. Wohin? Zum anderen Ende, auf die andere Seite, die dann doch wieder nicht zu genügen scheint. Hauptsache, schnell.

Keersmaekers neues Stück „The Song“, beim eben eröffneten ImPulsTanz-Festival als österreichische Erstaufführung gezeigt, hat eine ganz eigene, spezielle Melodie. Es kommt fast gänzlich ohne Musik aus. Stattdessen bringt Geräuschkünstlerin Céline Bernard den lautlosen Tanz der Männer (die einzige Frau, Eleanor Bauer, fehlte verletzungsbedingt) zum Klingen. Sie gibt – mit nur einem weißen Schuh bekleidet und mit einem Mikrofon an der Wade – den teils energischen, teils zaghaften Schritten der Tänzer einen Klang, lässt die Körper, die über den Boden wischen und schleifen, mithilfe einer Wasserpfütze, des Plastikbodens und ihrer Handballen quietschen und ein andermal die Gelenke und Muskeln eines Tanzenden bei jeder Bewegung kratzen und knirschen, indem sie eine Folie knittert.

Im nackten Bühnenraum mit seinen abgeschlagenen schwarzen Wänden gehen die Tänzer mit geballter Kraft und konzentrierter Leichtigkeit ans Werk, manchmal solo, dann in spannungsvollen, dynamischen Pas de deux, um plötzlich wie ein Schwarm aufgeschreckter Vögel alle zusammen im Laufschritt „loszufliegen“. Immer wieder kommt es zu intimen Momenten: Wenn einer wie am Lagerfeuer die Gitarre auspackt und zu singen anfängt oder ein anderer allein an der Rampe steht, das Gesicht ins gleißende Licht getaucht – ironisch und verletzlich zugleich. Keersmaeker gibt den Darstellern keinen Schutz, keine Rückzugsmöglichkeit: da ist nur der Raum, der Klang, der Tanz.

 

Frösteln in der Sommerhitze?

Die Charaktere könnten unterschiedlicher nicht sein: Einer begann an der Wiener Staatsoper, der andere hat Wurzeln in der Breakdance-Szene. Immer wieder nehmen die Tänzer mit den Zuschauern Kontakt auf, schreien etwas, hechten so knapp an die Rampe, dass sie vornüber zu kippen drohen, den Leuten in der ersten Reihe direkt vor die Füße. Oft schweift ein Blick in die Runde – keiner kann sich entziehen. Wer dort ist, ist auch dabei, gehört dazu. Passives Zuschauen ist nicht erlaubt, auch nicht möglich. Auch für die Tänzer gilt: Wer gerade pausiert, bleibt am Bühnenrand immer noch sichtbar, muss seinen Schluck aus der Wasserflasche vor aller Augen tun.

Es sei denn, das Licht geht aus, das sonst – von einer semitransparenten Folie zurückgeworfen – für eine mystische, kalte, dann wieder heimelige Stimmung sorgt und die Zuschauer blendet. Auch der Scheinwerfer durchbricht die Trennung zwischen Bühne und Besucherraum, er verbindet. Und wenn Bernard mit schwingenden Seilen akustisch Wind aufkommen lässt, überlegt man trotz der brütenden Sommerhitze, ob einen nicht doch fröstelt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.07.2009)