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Thomas Brezina: "Mein erstes Buch habe ich weggeworfen"

(c) Teresa Maier-Zötl
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550 Bücher hat Thomas Brezina in seinem Leben geschrieben und 70 Millionen Stück davon verkauft. Mit dem Schreiben aufhören will er dennoch nie. Vor dem "Neid der Mitteleuropäer" flieht der Autor nach London und Asien.

Herr Brezina, Sie sind der Albtraum meiner Kindheit.

Wieso?

Sie waren doch der grüne, böse Zauberer Tintifax beim Kasperl.

Ich habe seine Puppe gespielt, seine Stimme war nicht von mir.

 

Vor dem hatte ich immer Angst.

Das braucht man als Kind manchmal. Kinder brauchen Märchen.

 

Inzwischen werden Sie von Ihren Lesern eher verehrt als gefürchtet. Sie haben 550 Bücher geschrieben und 70 Mio. Stück verkauft. Denken Sie ans Aufhören?

Nein. Es ist mein Leben, mir etwas auszudenken, es aufzuschreiben oder eine Fernsehsendung daraus zu machen. Das ist für mich das höchste Lebensgefühl.

 

Finanziell hätten Sie ausgesorgt.

Ich beschwere mich nicht. Wie viel es genau ist, weiß ich aber gar nicht. Ich arbeite schon so lange.

 

Mit 15 haben Sie den ersten Autorenpreis erhalten. War immer klar, dass Sie schreiben wollen?

Überhaupt nicht. Ich wollte Lehrer werden, dann Tierarzt, habe Veterinärmedizin studiert und dann auf Theaterwissenschaften umgesattelt. Damals war ich schon als Puppenspieler beim ORF. Durch den Österreichischen Jugendpreis habe ich Angebote bekommen, für Fernsehen und Radio zu schreiben. Und ich habe zu jeder Möglichkeit, die gekommen ist, Ja gesagt.

 

Wie wichtig ist der Faktor ORF für Ihre Karriere als Kinderbuchautor gewesen?

So wichtig war er gar nicht. Viele Kollegen haben Kinderbücher geschrieben. Und ich habe den Großteil meiner Bücher in China und anderen asiatischen Ländern verkauft. Niemand schaut dort ORF.

 

Verdienen Sie in China auch am meisten?

Nein, dort kostet ein Buch umgerechnet einen Euro, und es fallen Übersetzungskosten an. Dafür sind es sehr hohe Stückzahlen.

War Ihr erstes Buch ein Erfolg?

Mein erstes Buch habe ich weggeworfen. Damals ist ein Verlag an mich herangetreten, der meine Hörspiele im Radio gehört hat, und wollte ein Buch von mir. Ich war gewohnt, Serien für das Radio zu schreiben, und habe gesagt, wenn, dann eine Buchserie – zehn Bücher in einem Jahr. Die waren begeistert. Dann habe ich „Die Knickerbockerbande“ erfunden. Mein erstes Buch habe ich dann eben weggeworfen, weil ich es nicht gut gefunden habe. Das zweite Buch habe ich dem Verlag gegeben, und die haben gesagt: „Das gefällt uns irrsinnig gut, bitte das nächste.“

 

Ist das erste Buch irgendwann später erschienen?

Nein, das habe ich echt weggeworfen.

 

Sie werden oft hart kritisiert und als Autor nicht ganz ernst genommen. War das von Anfang an so, oder hat erst der Erfolg die Neider und Kritiker angezogen?

Nein. Wenn ich schreibe, stelle ich mir vor, dass ich Kindern das erzähle. Solange sie zuhören, schreibe ich das hin. Genauso wichtig ist mir, dass die Seiten schön gestaltet und gut zu lesen sind. Dadurch habe ich so viele Kinder zum Lesen gebracht. Das gefällt nicht allen. Manche sagen: Wenn es kein Problem gibt, ist es kein gutes Kinderbuch, dann gilt es nicht als literarisch. All diese Definitionen, was ist Literatur, was ist nicht Literatur – haben mich am Anfang schon betroffen gemacht.

Manche behaupten sogar, Sie könnten nur so viele Bücher veröffentlichen, weil Sie nicht alle selbst schreiben . . .

Wer das behauptet, bekommt vom Anwalt einen Brief.

 

Gab es je einen Prozess?

Nie, das ist alles dummes Gerede und hört sofort auf. Neid halte ich für ein mitteleuropäisches Phänomen. In England ist es ganz anders.

 

Leben Sie deshalb in London?

England hat mich immer fasziniert. Die Art, wie ich schreibe, war immer beeinflusst von englischer Literatur. Mit deutscher Literatur konnte ich nie viel anfangen.

 

Was haben Sie selbst denn als Kind gern gelesen?

Charles Dickens. Ich habe das alles mit 16, 17 entdeckt, als ich für die Matura viel gelesen habe, da bin ich in diese englische und amerikanische Literatur hineingefallen und war begeistert, wie die erzählen. Das hat mich sehr geprägt.

 

Sie erzählen oft, dass Sie sich als Kind als Außenseiter gefühlt haben. Wirkt sich das auf Ihr Schaffen aus?

Rückblickend muss ich sagen: Alles, was mir in dieser Zeit schwierig vorgekommen ist und worunter ich vielleicht auch gelitten habe, hat zu etwas Positivem geführt. Ich lebe bis heute zurückgezogen. Ich war nie der Schulterklopfer, der Fußballspieler, der Anführer, der große Sportler. Ich habe mir halt gern Geschichten ausgedacht. Mein Vater, der erfolgreicher Arzt war, hat immer gesagt: „Wenn du die Chance bekommst, zu machen, was du wirklich willst, schau nicht aufs Geld. Erfolg erfolgt.“ Er hat in seinem Leben oft Positionen angenommen, in denen er weniger verdient hat als vorher, aber es war für seine wissenschaftliche Arbeit wichtig.

 

Ihre Eltern waren also nicht entsetzt, als Sie Ihr Veterinärstudium hingeschmissen haben?

Mein Vater hat gehofft, dass ich eine akademische Laufbahn einschlage, er wollte das seinen Söhnen bieten. Dass ich dann einen anderen Weg gegangen bin, war für ihn ein Schreck, eindeutig, den er sich nicht hat anmerken lassen. Meine Eltern haben mich unfassbar unterstützt. Sie haben alles als Erste gelesen. Das war ganz wichtig für mich. Nach zwei oder drei Jahren haben wir einmal geredet, und da hat mein Vater gesagt: „Ich habe dich genau beobachtet, und ich habe gesehen, wie glücklich du bist, und das ist das Einzige, was für uns zählt.“

Sie haben einmal gesagt, Sie schreiben am besten, wenn Sie deprimiert sind. Sind Sie so oft deprimiert?

Nein, ich habe nur festgestellt, dass ich in depressiven Phasen oft dachte, mein Schreiben sei schrecklich. Zwei Monate später war ich stets mehr als erstaunt, wie gut es war. Wie jeder schaffende Mensch habe ich meine Höhen und Tiefen.

 

Ist der Konkurrenzkampf um die Zielgruppe Kinder härter geworden? Als Sie angefangen haben, sahen alle Kinder den Kasperl und „Am-Dam-Des“. Inzwischen gibt es enorm viel Angebot.

Heute treten wir gegen sieben andere Sender zur gleichen Zeit an und müssen etwas bieten. Da müssen wir einen Standard liefern, der konkurrenzfähig ist, mit dem Budget, das wir haben. Das ist wesentlich schwieriger geworden.

 

Ihr Name ist mittlerweile eine starke Marke geworden. Hilft das, oder ist das auch ein Druck?

Von dem Druck befreie ich mich. Wenn jemand sagt: „Das muss ein Erfolg sein“, kann ich nur sagen: „Nichts muss ein Erfolg sein.“ Es gibt den geplanten Erfolg nicht. Jede Firma der Welt, die den Erfolg geplant hat, ist kläglich gescheitert. Und auch jeder Künstler.

 

Hatten Sie Flops?

Ja, natürlich. So wie jeder Mensch. Ich habe eine Buchserie, die heißt „Alle meine Monster“, die ist vor 20 Jahren in Deutschland erschienen und gar nicht gut gelaufen. In Spanien ist das seit 20 Jahren ein Dauerbrenner. Dort steht es auf dem Lehrplan unter den 50 Büchern, die ein Kind gelesen haben muss. Das ist immer unterschiedlich. Manche Sachen gehen gut, manche weniger.

 

Sie schreiben auch für Erwachsene. Sind die ein anspruchsvolleres Publikum als Kinder?

Nein, im Gegenteil. Die meisten Erwachsenen quälen sich durch die ersten 30, 40 Seiten durch. Kinder sind gnadenlos. Wenn sie nach drei Seiten nicht fasziniert sind von einem Buch, legen sie es weg.

ZUR PERSON

Thomas Brezina (* 1963) schreibt Drehbücher für das Fernsehen, Filme, Theaterstücke, Musicals, Songtexte und Bücher. Bekannt wurde der Vielschreiber mit seiner Buchreihe „Die Knickerbockerbande“ und der TV-Serie „Tom Turbo“.

 

Der gebürtige Wiener lebt seit zwei Jahrzehnten mehrheitlich in London und beschäftigt sich privat intensiv mit Feng-Shui und fernöstlicher Philosophie.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.04.2016)