Thank you for Bombing: Facebook und die Wassermelone

Buzzfeed

Eine Wassermelone, 679 Gummiringerln, 44 Minuten: Wie das Livevideo einer Obst-Hinrichtung Rekorde bricht und Facebook erfreut.

Wer braucht ein Messer, wenn er mit ein paar Gummiringerln eine Wassermelone knacken kann? Zwei Mitarbeiter des Onlinemediums Buzzfeed wollten beweisen, dass man eine Wassermelone durch den Druck mehrerer Hundert Gummibänder sprengen kann. Sie trugen weiße Ganzkörperanzüge und Schutzbrillen, als sie ein cremefarbenes Band nach dem anderen um die Melone auf dem kleinen, runden Tisch vor sich spannten. Nach 44 Minuten und beim 679. Gummiringerl passierte unter freudigem Gejohle der Buzzfeed-Redaktion, was passieren sollte.

So weit, so unspektakulär.

Originär war das Experiment natürlich nicht, auch Late-Night-Moderator Jimmy Fallon hat es vor einigen Monaten durchgeführt, und im Internet finden sich Dutzende Privatvideos zum Schlagwort „Watermelon Bombing“. Die Buzzfeed-Variante allerdings wurde vergangenen Freitag live via Facebook ausgestrahlt und sprengte Rekorde. Mehr als 800.000 Menschen wohnten dieser Obst-Hinrichtung gleichzeitig bei, bis Montag wurde das Video über neun Millionen Mal angeklickt und 320.000 Mal kommentiert.

Der Erfolg des Videos dürfte vor allem einen freuen: Mark Zuckerberg, den Gründer von Facebook. Denn es bringt dem sozialen Netzwerk wieder mehr Aufmerksamkeit. Von 2014 auf 2015 ist die Anzahl der Posts um 5,5 Prozent gesunken, unter privaten Facebook-Nutzern reduzierten sich die Statusmeldungen sogar um 21 Prozent. Facebook will die sinkende Teil-Freude aufhalten, unter anderem mit neuen Spielereien, die Zuckerberg am Freitag präsentierte. Man kann seinen Freunden jetzt auch ein Livevideo zeigen, zum Beispiel vom Konzert, auf dem man gerade ist, oder vom Fußballspiel des Sohnes. Bislang war das nur auf eigenen Apps wie Periscope möglich.

Auch Verlage nutzen die neue Verbreitungsmöglichkeit, einige Große unter ihnen lassen sich dafür von Facebook bezahlen. Buzzfeed ist wie „New York Times“ und „Huffington Post“ eines jener Partnermedien, das mit bezahlten Livevideos experimentiert. Auch wenn die Medienhäuser Geld dafür bekommen, profitiert vorwiegend Facebook von den vielen Nutzern, die noch länger in ihrem Netzwerk bleiben anstatt auf den Webseiten der Verlage. Das ist ein klares 1:0 für Facebook im Wettkampf um die Aufmerksamkeit der Nutzer.

Reaktionen und Kritik löst der Wassermelonen-Vorfall freilich auch aus. Der „Spiegel“-Ableger Bento.de macht sich lustig, indem er spekuliert, wie die unterschiedlichsten Medien darüber berichten würden – von den Bildungsseiten der „Zeit“ („Kann man Melone studieren?“) bis zu „Vice“ („Wir haben 642 Gummibänder auf einen Penis gesteckt“). Für Branchenbeobachter ist die Wassermelone ein neuer Tiefpunkt der Digitalmedien, beim soeben zu Ende gegangenen International Journalism Festival in Perugia waren sich fast alle Diskutanten eing, dass das Wasserbomben-Video bald zum Synonym für die Absurdität des Internets werden wird. Kurz gesagt: Katzenvideos waren gestern, Watermelon Bombing ist die Gegenwart.

E-Mails an: anna.wallner@diepresse.com