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Uralte Rezepte für ganz neue Probleme

Theorien aus früheren Jahrhunderten passen nicht zur aktuellen Krise.

Dass der österreichische Attac-Mitbegründer Christian Felber in einem Wirtschaftskundeschulbuch in einer Reihe mit den Wirtschaftstheoretikern Marx, von Hayek, Keynes und Friedman (Letzterer noch dazu falsch geschrieben) genannt und der Schrott auch noch vom Ministerium approbiert wird, zeigt, wie weit oben im System die Bildungsmisere schon angekommen ist.

Das ist aber heute nicht der Punkt. Dieser ist viel mehr: Wen setzen wir an die Stelle von Felber, wenn das Schulbuch, wie angekündigt, korrigiert wird? Uni-Professoren haben unter anderem die Nobelpreisträger Stiglitz und Krugman sowie den Bestsellerökonomen Piketty vorgeschlagen.

Wirklich schlüssig ist das nicht. Die drei genannten sind großartige Wissenschaftler, aber Stiglitz und Krugman sind keynesianisch angehaucht, Piketty kommt ziemlich neoklassisch daher. Die Genannten haben großartige theoretische Werke in Teilbereichen abgeliefert. Aber die umfassende, revolutionierende ökonomische Weltsicht der Herren Marx, Keynes und von Hayek ist schon eine andere Liga.

Damit sind wir bei einem der größeren Probleme unserer Zeit: Wenn Ökonomen und Wirtschaftspolitiker kontrovers diskutieren, dann berufen sie sich im Grunde in der Regel auf die Thesen von Keynes (1883– 1946), Hayek (1899–1992) und Marx (1818–1883). Als die Genannten ihre Werke verfassten, gab es kein Internet, Roboterisierung war ein Thema für abgehobene Science-Fiction-Autoren, ökologische Zwänge waren unbekannt, die Grenzen des Wachstums weit weg und über Theorien des Schrumpfens musste sich niemand den Kopf zerbrechen. Und, auch nicht unwesentlich: Die Finanzwirtschaft hatte sich noch nicht vom realen Leben abgekoppelt und ins Casino zurückgezogen.

Anders gesagt: Was wir sehen, ist der Versuch, die Probleme des 21. Jahrhunderts mit Rezepten aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert zu erklären und zu bekämpfen. Das kann nicht gut gehen. Der Platz in der Schulbuchgrafik sollte für den frei gehalten werden, der die erste brauchbare politische Ökonomie für das digitale Zeitalter entwickelt. Diese fehlt uns nämlich noch.

josef.urschitz@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.04.2016)