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Kapsch zur Schulreform: „Weit von toll entfernt“

Georg Kapsch
(c) APA/GEORG HOCHMUTH
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Georg Kapsch, Präsident der Industriellenvereinigung, über das fehlende Verständnis der ÖVP bei der Gesamtschule, die absurde Schulfinanzierung und das Schuhabputzen an Lehrern.

Die Presse: Der erste Teil der Bildungsreform ist gerade in Begutachtung gegangen. Finden Sie die Fortschritte toll?

Georg Kapsch: Von toll sind wir weit entfernt. Es gibt Positives. Aber natürlich auch Kritik von uns.

Und zwar woran?

Ich verstehe nicht, weshalb man nicht Ziffernnoten und alternative Beurteilungen parallel zulässt. Wir sind auch nicht damit zufrieden, dass nun die Länder darüber entscheiden, ob es Schulsprengel gibt oder nicht. Es ist doch vollkommen absurd, dass jemand aus Wien nicht in Niederösterreich oder umgekehrt jemand aus Niederösterreich nicht in Wien in die Schule gehen kann.

 

Es geht dabei ums Geld. Die Gemeinden wollen bei einem sprengelfremden Schulbesuch keine Ausgleichszahlungen leisten.

Das Problem ist unser absurdes System. Die Schulen über den Finanzausgleich zu finanzieren, ist der völlig verkehrte Ansatz. Eigentlich sollte jede Schule pro Schüler einen gewissen Betrag bekommen. Für besonders herausfordernde Schüler sollte es mehr Geld geben.

 

Es wird insgesamt nicht mehr Geld geben. Das heißt, dass man guten Schulen Geld wegnehmen müsste, wenn Brennpunktschulen mehr Geld bekommen sollen.

Wir investieren in die falschen Dinge. Wir haben vor einigen Jahren etwa das Pendlerpauschale erhöht. Ein Zuckerl, das niemand gefordert hat. Kostenpunkt: 150 Millionen Euro. Das könnte man in der Bildung sinnvoller einsetzen.

 

Die Bildungsministerin sagt immer, dass mehr als 90 Prozent des Budgets in Lehrergehälter fließen und daher gebunden sind. Wo sehen Sie Einsparungspotenzial?

Man könnte Schulen zusammenlegen. Das reduziert die Kosten und erhöht die Qualität. Außerdem wäre in der Verwaltung schon einiges zu holen. Hier könnte man die Effizienz gewaltig steigern. Da werden hoch qualifizierte Pädagogen für Aufgaben eingesetzt, die von einem Handelsschüler gemacht werden können. Und warum? Aufgrund der unsinnigen Finanzierungssituation. Weil der Handelsschulabsolvent von der Gemeinde oder vom Land gezahlt werden müsste und der Pädagoge vom Bund. Da nimmt man lieber eine teure Kraft, die jemand anderer zahlt, als eine günstigere, die man selbst zahlen muss.

 

Wir haben gerade Verhandlungen zum Finanzausgleich. Sehen Sie die Möglichkeit, dass man jetzt an dieser Schraube dreht?

Ich habe mir vor dem 17. November gedacht, dass es vielleicht gelingen wird, das österreichische Bildungssystem zu entpolitisieren und zu entföderalisieren. Beides ist nicht gelungen. Wir unterhalten uns nicht einmal über Bildungsinhalte, sondern nur über Strukturen. Mit den Bildungsdirektionen, die die Landesschulräte ersetzen werden, wird nun das alte System festgeschrieben – es heißt nur anders.

 

Sie plädieren für die Einführung einer Gesamtschule. Was halten Sie von der paktierten 15-Prozent-Grenze für Modellversuche?

Nur wenig. Warum kann ein Bundesland wie Vorarlberg nicht sagen, wir wollen Modellregion sein – und Schluss. Das kann doch alles nicht wahr sein. Ich verstehe auch nicht, weshalb man die gemeinsame Schule zuerst in Modellen testen will. Warum muss ich denn etwas einem Test unterziehen, das sich bereits in anderen Ländern bewährt hat?

 

Die flächendeckende Einführung der Gesamtschule scheitert an der ÖVP. Mit der hat die Industriellenvereinigung ja eine gute Gesprächsbasis.

Ja, die gibt es aber zur SPÖ und zu den Grünen auch. Das ist nicht das Problem. Das Problem ist die Einsicht. Das Verständnis dafür.

 

Fehlt der ÖVP in Sachen Gesamtschule also das Verständnis?

Ich würde sagen: Ja. Dafür fehlt den Sozialdemokraten bei der Schulautonomie und der Schulträgerschaft völlig das Verständnis.

 

Die Flüchtlingskrise macht sich auch in den Schulen bemerkbar. Die Schulen fordern mehr Personal. Woher soll das kommen?

Wir haben für die Neuen Mittelschulen viel Geld ausgegeben und haben dort zwei Lehrer in der Klasse stehen. Mit dem Ergebnis, dass nichts besser ist als vorher. Also nehmen wir doch am besten das Geld für diese Lehrkräfte und setzen es in der Sprachförderung ein.

 

Kanzler Werner Faymann hat zuletzt die Lehrerarbeitszeit wieder zum Thema gemacht. Zu Recht?

Wenn eine längere Arbeitszeit für Pädagogen das Ergebnis einer Neudefinition der Bildungsziele und der Bildungsstruktur ist und es entsprechende Rahmenbedingungen für Lehrer gibt, dann sollte man sich dieses Themas noch einmal annehmen. Es gibt genügend Pädagogen, die schon jetzt mehr arbeiten und hoch motiviert sind. Wie in jedem anderen Beruf gibt es auch Demotivierte, die den Beruf nur wählen, weil es viel Urlaub gibt.

 

Was halten Sie von einer Art Bonussystem für Lehrer?

Wenn jemand fleißig und motiviert ist, dann soll der mehr verdienen als jemand, der das nicht ist. Außerdem finde ich, dass man zwischen vor- und nachbereitungsintensiven und weniger intensiven Fächern deutlicher unterscheiden muss. Dem Arbeitsaufwand wird jetzt zu wenig Rechnung getragen. Grundsätzlich ist der Lehrerberuf eine ganz besondere Dienstleistung. Deshalb muss es uns gelingen, die Pädagogen mit einem entsprechenden Sozialprestige und Selbstbewusstsein auszustatten. Bei uns glaubt jeder, dass er sich an den Lehrern die Schuhe abputzen kann. Das kann und darf nicht sein.

 

Wie kann man ein besseres Lehrerimage schaffen?

Die Lehrergewerkschaft könnte dazu beitragen, wenn sie sich anders verhalten würde.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.04.2016)