Sir Elton Junk und sein Groupie

 Der Berliner Künstler Kolja Kugler macht Skulpturen aus Schrott – und sie machen dann Musik. Wie Sir Elton Junk in der Mitte der Roboterband.
Der Berliner Künstler Kolja Kugler macht Skulpturen aus Schrott – und sie machen dann Musik. Wie Sir Elton Junk in der Mitte der Roboterband.(c) Maxwell Stephen Duryea/Facebook
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Die Roboterband des Berliners Kolja Kugler tritt am Wochenende in Wien auf. Demnächst könnte ein alter MIG-Kampfflieger die Triangel spielen.

Eher zufällig ist Sir Elton Junk entstanden – der erste Roboter des Berliner Künstlers Kolja Kugler und der, der jetzt sozusagen der Manager seiner Roboterband ist, die am Wochenende in Wien auftritt. Nachdem er schon jahrelang Skulpturen aus Schrott gebaut hatte, fiel dem 43-Jährigen irgendwann ein bewegliches Teil in die Hände: prädestiniert als Mund für eine Maske. Dann stieß er auf die Pneumatik, mit der sich dieser Mund bewegen ließ. Es kamen Augen dazu, Haare, der Nacken, ein Körper. „Und dann hatte ich plötzlich einen Roboter.“

Angefangen hat alles nach dem Mauerfall in Berlin. Als 20-Jähriger traf Kugler dort die britische Mutoid Waste Company, eine britische Künstlergruppe aus der Punkbewegung. „Die fielen über den Russenschrott her und mit ihnen habe ich angefangen, mit Schrott zu gestalten“, sagt er. Das Motto ging in die Richtung dessen, was die Rockband Ton Steine Scherben sang: „Macht kaputt, was euch kaputt macht – und baut etwas Besseres daraus.“ Das schwingt auch im Namen der Roboterband mit: The One Love Machine Band.

Bis die Band fertig war, dauerte es allerdings. Nach seinem Erstling Elton Junk 1999 ging Kugler – mit der einjährigen Tochter und deren Mutter erst einmal fünfeinhalb Jahre lang auf Reisen, in einem Lkw, der sich so auseinanderbauen ließ, dass er in einen Container passte. Sir Elton Junk war mit dabei. „Er ist aufgetreten mit mexikanischen Mariachis, vor malaysischen Geschäftsmännern und in San Francisco.“ Wieder zurück in Berlin, machte Kugler weiter mit der Straßenkunst. „Deshalb ist Sir Elton Junk jetzt auch der Manager der Roboterband: weil er gewissermaßen die anderen finanziert hat.“

2010 wurde der Bassist fertig, dann der Schlagzeuger. Es folgten mehrere Vögel, eine ferngesteuerte Mülltonne als Groupie und noch ein paar andere Skulpturen, von denen einige in Wien dabei sein werden. Die Musik machen tatsächlich die Figuren: Der Roboter spielt Schlagzeug oder Bass, die Vögel die Flöten. Wie die Musik klingt, das ist bisweilen auch Zufall. „Eine Skulptur hat einen Scheibenwischmotor, der so ein ,Katacka‘-Geräusch macht. Dann macht der Schlagzeuger einen Beat auf diesen Motor“, sagt Kugler. Auf lange Sicht will er ein Musical machen.

Eiskalte Kunst à la „Toys“

Dafür hat Kugler nicht weniger als ein altes Kampfflugzeug gekauft: eine russische MIG21 aus den 1960er-Jahren. („Das ist auch eine Hommage an meine Anfänge, mit so etwas haben wir damals in Berlin gearbeitet.“) Der Flieger soll irgendwann – à la Pixar, man denke an Filme wie „Toys“ oder „Cars“ – zum Leben erwachen, zur Band dazustoßen und da vielleicht die Triangel spielen. „Aber das wird keine Zeichentrickanimation, sondern eiskalte Kunst aus Upcycling-Schrott“, sagt Kugler.

Die Teile sammelt der Künstler eigentlich immer und überall. Zuletzt etwa einen verbrannten Stromkasten in Zürich. „Dann sortiere ich den schönen vom formlosen Schrott.“ Womit er etwas anfangen kann: etwas, was in der Form Schwung hat, ein bisschen Dynamik, ein Auge. „Und dann baue ich eine Art spirituelle Brücke zwischen einer alten Maschine und einem Stückchen neuen Lebens, sage ich mal. Weil ich ja versuche, meinen Skulpturen möglichst viel Leben reinzupressen.“ Apropos: Eigentlich sind es keine Roboter, sondern Roboterskulpturen. Kugler will nämlich, dass sie auch unbewegt überzeugen. „Aber ich erlaube allen, sie Roboter zu nennen.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.04.2016)

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