„Und jetzt biegt der Sieger auf die Zielgerade. Ich bitte Sie um einen tosenden Applaus [. . .]“ Das waren die Worte, die ich auf den letzten Metern vor dem Ziel hörte.
Zugegeben, sie galten nicht mir, sondern dem Kenianer Robert Chemosin, der in der Zeit, in der ich mich über den Halbmarathon kämpfte, die gesamten 42,195 Kilometer des Vienna City Marathon schaffte. Den ihm geltenden Applaus genoss ich trotzdem. Und riss – zu meiner eigenen Verwunderung – meine Arme für den Bruchteil einer Sekunde in Siegerpose empor. Ich dürfte (zu) viel vom Zuschauerjubel (mit)genascht haben.
Wobei mein Freudentaumel – wie auch der Tausender anderer Finisher – keinesfalls ganz unberechtigt war. Denn nach Wochen und Monaten konnten die Läufer endlich die Früchte des Trainings und der eigenen Konsequenz ernten. Das schmeckte, wie ich finde, zuckersüß. Ich habe nämlich nicht nur das Ziel erreicht, sondern das eigene mit 1:50:48 sogar übertroffen. Schön war aber nicht nur, dass mein Trainingsplan wirkte, sondern vor allem, dass mir der Wettkampf mit seinen unvermeidbaren Qualen wirklich Spaß machte. Daran hat vor allem das Publikum einen großen Anteil. Es war unglaublich, wie viele Zuschauer trotz starken Windes und niedriger Temperaturen an den Streckenrand kamen und für tolle Stimmung und Motivation sorgten. Manche motivierten die Läufer mit einer Art psychologischem Trick: „Entdecke den Kenianer in dir“ stand etwa auf einem selbst gebastelten Plakat geschrieben. Andere versuchten es mit wenig charmanten, aber ehrlichen Slogans: „Martin, lauf schneller. Wir haben Hunger!“ las ich auf einem Motivationsposter. Die Schilder anderer Zuschauer kosteten mich die eine oder andere Sekunde, weil ich mir das Lachen einfach nicht verkneifen konnte. „Ziemlich viel Arbeit für eine Gratisbanane“ wurde einem da etwa vorgehalten.
Ganz ehrlich: Für die Banane im Ziel habe ich mir die 21,0975 Kilometer sicherlich nicht angetan. Die Früchte, die ich erntete, sind schokoladeüberzogen.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.04.2016)