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Pariser Frühling: Der Duft vom Mai '68

Auf dem Place de la République weht wieder der Geist der Revolution – Diskutieren bis zum Umfallen.
Auf dem Place de la République weht wieder der Geist der Revolution – Diskutieren bis zum Umfallen.(c) REUTERS (CHRISTIAN HARTMANN)

Die Protestbewegung Nuit Debout, die sich nach Demos auf der Pariser Place de la République gesammelt hat, bündelt die Kritik an Globalisierung und am Kapitalismus.

Paris. François Hollande sieht sich nach einem Zwischenhoch, einem Sympathie- und Amtsbonus infolge der Pariser Terrorserie vom November 2015, neuerlich mit dem massiven Unmut seiner Landsleute konfrontiert. Laut der jüngsten Umfrage bewerten 87 Prozent Hollandes vierjährige Amtszeit negativ. Drei Viertel der Franzosen sprechen sich für einen Verzicht des Präsidenten auf eine Wiederwahl in einem Jahr aus.

Ohnedies sind seine Chancen gegen konservative Widersacher wie Alain Juppé oder Nicolas Sarkozy und gegen Marine Le Pen, die Front-National-Chefin, verschwindend gering. Zuletzt hat auch noch Wirtschaftsminister Emmanuel Macron eine neue Bewegung namens En Marche ins Leben gerufen, um sich für eine Post-Hollande-Ära rechtzeitig in Stellung zu bringen.

Unglücksrabe in schwarzer "Uniform"

Dem Unglücksraben – meist in „Uniform“, in dunklem Anzug und schwarzer Krawatte – will partout nichts gelingen. Bis zum Schluss wolle er indes weitermachen, gab sich der unpopuläre Staatschef am Donnerstagabend in einem TV-Bürgerforum unbeugsam. Hollande wollte einen kämpferischen Eindruck erwecken. Eine Entscheidung über eine neuerliche Kanidadatur werde er am Jahresende treffen, ließ er die Franzosen wissen.

Neben Fragen nach der prekären Terrorgefahr, nach der hohen Arbeitslosigkeit und seinen Zukunftsperspektiven musste er sich auch mit einem neuen Phänomen auseinandersetzen, das das Land neuerdings umtreibt: der Protestbewegung Nuit Debout, was so viel heißt wie „Aufrecht durch die Nacht“ – Diskutieren bis zum Umfallen.

Der Pariser Frühling ist derzeit nämlich erfüllt vom Duft der Revolution. Ausgehend von Protesten von Schüler- und Studentenorganisationen gegen eine liberale Arbeitsrechtsreform hat sich eine neuartige Bewegung formiert, die sich jeder Kontrolle durch Parteien und Gewerkschaften entzieht und an die spanischen „Indignados“ erinnert - jene „Empörten“, die sich vor fünf Jahren an der Puerta del Sol in Madrid gesammelt und in der Partei Podemos ihre ideologische Basis gefunden haben.

Seit dem Ende einer Demonstration gegen das neue Arbeitsgesetz treffen sich seit dem 31. März jeden Abend Tausende auf der Place de la République im Zentrum von Paris – vor fünf Monaten auch der zentrale Ort der Trauer für die Terroropfer und Symbol des Widerstandsgeists der Pariser –, um sich die Nacht um die Ohren zu schlagen. Rund um die Statue der Marianne, der nationalen Ikone, gehen die Uhren anders: Der gestrige Donnerstag ging dort nicht etwa als 14. April in die Annalen ein, sondern als 45. März. Die neue Zeitrechnung weckt Reminiszenzen an die Französische Revolution.

 

Kreatives Chaos

Nicht nur die allseits kritisierte Politik Hollandes, sondern alles, was mit der bestehenden Ordnung zu tun hat, steht hier infrage. Seit zwei Wochen herrscht kreatives Chaos. Improvisation lautet das Zauberwort, und doch halten Aktivisten und Studenten die Infrastruktur am Laufen. In der "Kantine" bleibt es einem überlassen, wie viel man zahlt. An einem Ambulanzstand gibt es Pflaster und Kopfwehtabletten. Obwohl die Polizei jeden Morgen den Platz räumt und alle Einrichtungen abreißt, will sich die Bewegung mit ihrer Selbstverwaltung auf Dauer einrichten.

„Um 18 Uhr beginnt die Vollversammlung. Jeder kann das Wort ergreifen, die Redezeit beträgt zwei Minuten. Vorschläge werden an Kommissionen weitergeleitet, wo die Diskussion im kleinen Kreis weitergeführt wird. Die Ergebnisse werden im Internet publiziert und in die Vollversammlung eingebracht“, erklärt die 23-jährige Informatikstudentin Clémentine die Spielregeln.

 

Anklänge an Occupy Wall Street

Zustimmung und Ablehnung werden mit Handzeichen signalisiert, das Wedeln der erhobenen Hände gilt als Applaus. Die Protestkultur erinnert frappant an die Occupy-Wall-Street-Bewegung im Winter 2011/2012, die sich vom New Yorker Finanzdistrikt über Dutzende US-Städte ausgebreitet hat. Längst entschlummert, steht sie in Frankreich wieder auf, das ohnehin stets stolz auf seine revolutionäre Tradition war. Der Diskurs über Globalisierung und das kapitalistische System lebt auf der Place de la République wieder auf. Es gilt die Devise: „Es ist verboten zu verbieten“, und nur die Ältesten auf dem Platz wissen, dass der Spruch aus der Zeit der Studentenrevolte des Mai '68 stammt.

Nicht wenige Alt-68er haben sich in die Reihen gemischt. Doch anders als 1968 gibt es hier weder selbst ernannte Führer wie Daniel Cohn-Bendit noch vorgefertigte Programme für die Revolution. Als einer der wenigen prominenten Wortführer tritt der Soziologe Frédéric Lordon in Erscheinung. Er hat die Parole ausgegeben: „Man muss alles blockieren, damit alles in Bewegung gerät.“

Die sozialistische Regierung schwankt noch zwischen hartem Durchgreifen und Wohlwollen. Der konservative Politiker Bruno Le Maire fordert indes, es müsse nun Schluss sein mit dieser „Diktatur einer Minderheit“. In der Nacht auf Freitag zogen dann einige hundert Demonstranten als Zeichen des Protests gegen die Politik Hollandes zum Èlysée-Palast. Dabei versuchte der Präsident, den Unmut zu kalmieren: "Auch ich war 20 Jahre alt und habe mich einer Bewegung angeschlossen, weil es Ungerechtigkeiten gab."

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.04.2016)