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Weniger Pferde, mehr Beletage

Hausgeschichte. Im Bürgerhaus der Wiener Gießaufgasse fanden nicht nur die noble Familie, sondern auch Pferde samt Fuhrwerk Platz. Nun ist der Spätgründerzeitbau komplett renoviert.

Mitten in der Stadt einen eigenen Parkplatz samt Servicestelle für sein Gefährt zu haben, wird für viele ein Wunschtraum bleiben. Anders im 19. Jahrhundert, als Bürgerhäuser mit einem Stellplatz für Fuhrwerke, Pferde und Futterkammer ausgestattet waren. Ein Beispiel für eines dieser Fuhrwerkerhäuser aus dem Jahr 1893 steht heute noch in der Gießaufgasse im 5. Wiener Gemeindebezirk. „Gleich morgen könnte wieder eine Bürgerfamilie einziehen. Bei diesem Gebäude ist nachvollziehbar, wie damals gelebt wurde, Geschichte wird spürbar.“

Architekt Jürgen Berner hat gemeinsam mit seinem Kollegen Dominik Stolz dafür gesorgt, dass bei der Generalsanierung ein Großteil der historischen Elemente bewahrt wurde. Mehr noch: „Wir haben das Haus dem ursprünglichen Wohngedanken wieder näher gebracht“, meint Berner. „Speziell nach dem Krieg wurden Wohnungen verkleinert, da man sich größere nicht leisten konnte. Wir haben einen Schritt in die andere Richtung gesetzt und die Wohnflächen vergrößert.“

Historisches Wohngefühl

Errichtet wurde das solide Haus – 30 bis 90 Zentimeter dicke Ziegelmauern umgeben die Bewohner – vom Wiener Architekten Wendelin Kühnel und dem Baumeister Adolf Ritter von Bergmüller. Heute ist es im Besitz des Bauherrn Marco Lukesch. Das Hochparterre schützte die Bewohner in den Stockwerken darüber vor aufsteigender Feuchtigkeit und den Geräuschen der Pferde, die im Hof untergebracht waren.
Die Beletage mit der außergewöhnlichen Raumhöhe von über vier Metern wurde vor allem für Repräsentationszwecke genutzt. Entsprechend hochwertig gestaltete sich die damalige Ausstattung mit Parkett, Kachelöfen und Stuck. Ins Auge sticht dabei auch die mit Erkern versehene Fassade der Beletage. Im Gegensatz zu den Wiener Zinshäusern, in die primär Kapital investiert wurde, damit sie durch Vermietung Geld abwerfen, waren die Bürgerhäuser vorwiegend im Besitz einer einzigen Familie. Souterrain und Erdgeschoß wurden den Bediensteten zugewiesen, im Hochparterre wohnten Portier und Vorarbeiter. Ab der Beletage war das Haus ausschließlich für die Familienangehörigen reserviert.
Dass die Fassade heute nach der Sanierung im historischen Zustand erstrahlen kann, bezeichnet der Architekt auch als Glück. Denn: „In den 1950er-Jahren wurden viele Fassaden einfach heruntergeräumt, weil die Sanierung zu teuer war.“ Historisch korrekt sei auch das einfärbige Fassadenbild. „Oft werden Häuserfassaden im Zuge einer Sanierung zweifärbig gestrichen. Das entspricht jedoch nicht dem ursprünglichen Aussehen“, meint Berner.

Mit dem Umbau und der Sanierung wurde im Jahr 2013 begonnen. Obwohl auf die Historie Wert gelegt worden ist, ist von den Stallungen nicht viel übrig geblieben. „Diese waren als Lager verwendet worden und völlig vermüllt“, so Berner. Überhaupt befand sich das Gebäude vor der Instandsetzung in miserablem Zustand, gezeichnet von einem Wasserrohrbruch und von Schimmel befallen. Bis Ende 2015 wurde insgesamt eine Fläche von 1400 Quadratmetern ausgebaut und saniert. Dort, wo einst die Pferde standen, befindet sich heute die zentrale Heizanlage. Das Haus wurde thermisch komplett saniert, eine Fotovoltaikanlage ist noch in Vorbereitung.
Während die Dachböden als Wohnraum in der Spätgründerzeit vernachlässigt (und als Isolierung zwischen Wohnraum und Dach genutzt) wurden, gilt diesen heute besonderes Augenmerk. Aus diesem Grund baute man das Dach mit Gaupen – aus dem Dach herausgebauten Fenstern – zu einer weiteren Beletage aus. Die neuen Bewohner der zehn Mieteinheiten waren schnell gefunden. „Sie genießen den Komfort von heute, kombiniert mit einem Stück Wiener Geschichte“, so der Architekt.

Information

In der Kunstgeschichte wird das Bürgerhaus als repräsentatives Wohnhaus eines Stadtbürgers definiert, der dort mit Familie und Personal residierte. Meist waren auch Gewerberäume für Handel oder Handwerk im Haus integriert.
Ab Mitte des 19. Jahrhunderts beginnt in Wien die Zeit der Zinshäuser. Im Gegensatz zum Bürgerhaus dient dieses nicht als Wohnsitz für eine einzige Familie, sondern wird an mehrere Familien vermietet.