Das Böse liegt im Auge des Betrachters

Auch die gleichgeschlechtlich liebenden Menschen verdienen unseren Respekt – und keinen Druck.

Selina ist eine erfolgreiche junge Wissenschaftlerin, ihre Dissertation wird demnächst in den USA publiziert. Derzeit forscht sie in Rom. Bei einem Cappuccino ergab sich ein Gespräch über Kunst, sodass Selina mich einlud, mit Hanna, einer Freundin von ihr, eine Ausstellung zu besuchen. Ein beeindruckender Nachmittag vor Fernando Boteros Gemäldezyklus „Via Crucis“, derzeit im Palazzo delle Esposizioni zu sehen.

Hanna kam in Selinas weiteren Erzählungen häufig vor. Sie schien überall in ihrem Leben dabei zu sein, sodass ich eins und eins zusammenzählen konnte, schließlich all meinen Mut zusammennahm und fragte: „Aber Hanna ist doch nicht eine Freundin für dich, sondern sie ist deine Freundin?“ „Ja, sicher“, sagte sie. „Und warum sagst du das nicht?“, fragte ich – wohl wissend, dass die katholische Kirche, mit der ich als katholischer Priester natürlicherweise assoziiert werde, gleichgeschlechtlich liebenden Menschen genug Grund gegeben hat, sich nicht frei und akzeptiert zu fühlen. Aus der kurzen Frage wurde ein langes Gespräch über einige der wichtigen Dinge im Leben.

Es ist doch traurig, dachte ich mir, wenn selbst ein international versierter, durch Bildung und Lebensreife emanzipierter Mensch sich nicht ganz natürlich frei fühlen kann, zum wichtigsten Menschen im eigenen Leben zu stehen. In Italien hört man immer wieder von Jugendlichen, die sich das Leben nehmen, weil sie entdeckt haben, Menschen des gleichen Geschlechts zu lieben, und mit dem gesellschaftlichen Druck nicht fertigwerden. Trägt die katholische Kirche Mitverantwortung für solche Suizide?

Simon Petrus stand da, wärmte sich. Sie sagten zu ihm:"Bist nicht auch du einer von seinen Jüngern?" Er leugnete und sagte:"Nein."

Joh 18,25

In Österreich ist mir ein solcher Fall noch nicht zu Ohren gekommen. Doch befreundete Ärzte und Priester erzählen mir, dass es in Österreich erschreckend viele Selbstmorde von Jugendlichen gibt, die aus guten Gründen nicht an die Öffentlichkeit gelangen. Wir wissen noch viel zu wenig über die Motivationen für Suizide junger Menschen. Auch in Österreich sind wir noch nicht zu einer allgemeinen Kultur gelangt, in der sich gleichgeschlechtlich liebende Menschen selbstverständlich wohlfühlen könnten.

Man sagt, das Christentum sei eine Liebesreligion. Mit der Fähigkeit, Menschen des gleichen Geschlechts zu lieben, verhält es sich wohl so, wie es im Englischen schön zum Ausdruck kommt: „Evil is in the eye of the beholder.“ Das Böse liegt im Auge des Betrachters. Darf ich also einen naiven Wunsch zum Ausdruck bringen?

Ich wünsche mir, in einer Gesellschaft zu leben, die jedem jungen Menschen, der diese Fähigkeit bei sich entdeckt, das Gefühl gibt, mit dieser Fähigkeit angenommen und wertgeschätzt zu sein. In der niemand auf die Idee kommt, dies könnte ein Grund sein, sich etwas anzutun. Und das ist auch mein bescheidener Wunsch an meine Kirche: dass wir von jetzt an entschieden zu einer solchen Gesellschaft beitragen.

Bimail ist ein wöchentliches Rundschreiben des Teams um Pater Georg Sporschill, adressiert an Führungskräfte. Zuletzt erschienen: „Elijah und seine Raben. Wie Georg Sporschill die Bibel für das Leben liest“. Hg.: Dominik Markl (Amalthea). 

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