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Mord an jedem Mittwoch

Der argentinische Journalist Horacio Verbitsky sprach mit dem Militär Adolfo Scilingo, der im Auftrag der Junta politische Gefangene tötete. „Der Flug“: aus dem Inneren einer Militärdiktatur.

Zwei randvolle Gläser Whiskey waren Scilingos Dosis, als er vom ersten Flug zurückgekehrt war. Mit einem Zug trank er sie aus und schlief bis zum nächsten Tag. Er entdeckte, dass diese Medizin tröstlicher war als die Worte des Geistlichen der Marine. Später verzichtete er zugunsten von Psychopharmaka auf den Alkohol. Immer wenn er gerade eingeschlafen war, durchlebte er den Flug im Traum von Neuem.“ Es dauerte 20 Jahre, bis der ehemalige Kapitänleutnant Adolfo Scilingo über die Geschehnisse an Bord der Flugzeuge der argentinischen Marine erzählen konnte. Die 1995 veröffentlichten Gespräche mit dem Journalisten Horacio Verbitsky berichteten aus dem Inneren der Repression einer Militärdiktatur und über das Schicksal eines Einzelnen, der dieser widerspruchslos diente.

Scilingo war in der Escuela de Mecánica de la Armada (Esma) eingesetzt, dem größten Folterzentrum des Landes, wo Tausende Menschen mitten in Buenos Aires umgebracht wurden. Von dort startete zwei Jahre lang jeden Mittwoch ein Flugzeug, das betäubte Gefangene über dem offenen Meer abwarf. Auf diese Weise wurden 2000 Menschenermordet. Scilingo, der sich an den renommierten Aufklärungsjournalisten Verbitsky gewandt hatte, war selbst 1977 für zwei „Verlegungen“ verantwortlich. „Man sagte den Menschen, sie würden in ein Gefängnis im Süden des Landes verlegt und deshalb zuvor geimpft werden“, mit diesen Worten löste er in Argentinien ein gewaltiges Echo aus, das die bisherigen Zeugenberichte der Opfer bei Weitem übertönte. Die Täter begannen öffentlich untereinander zu streiten, die zynische Debatte offenbarte die Logik der Folter, des Mordens und des Verschweigens.

In dieser Hinsicht ist die Dokumentation der Gespräche ein bis heute gültiges Lehrstück, wie politische Systeme Menschen dazu bringen, auf Befehl zu foltern und zu töten. Dazu kam, dass Scilingos Motiv seiner Zeugenschaft keine Beichte der Grausamkeiten oder ein Schuldeingeständnis bedeutete, sondern er empörte sich zunächst lediglich über die kritische öffentliche Debatte über die Beförderung zweier Esma-Kameraden. Scilingo verlangte eine vollständige juristische Aufarbeitung, zumal er anführte, dass die damaligen Vorgesetzten und Verantwortlichen nun mit Zustimmung des argentinischen Senats Admiräle seien.

Er prangerte die Menschenrechtsverletzungen der 1976 an die Macht gekommenenMilitärjunta keineswegs an, sondern verfolgtedie Argumentation, dass entweder alle Militärs oder niemand bestraft werden sollte, die Offiziere hätten letztlich nur Befehlen gefolgt. Nur wenige widersetzten sich, die Tötungen wurden als Kriegshandlung und dadurch als legitimiert angesehen.

Das sahen auch Geistliche so, die den Tätern eine Art christliche Auslegung des Geschehens anboten. Scilingo, der nach dem ersten Flug unter den psychischen Folgen litt, suchte den Geistlichen der Esma auf, der ihn entlastete: „Es sei ein christlicher Tod, weil sie nicht leiden mussten, weil es nicht traumatisch war, und dass man sie eliminieren musste, dass der Krieg eben der Krieg sei, und dass auch in der Bibel steht, dass die Spreu vom Weizen getrennt werden muss.“ Die argentinische Justiz reagierte auf die Veröffentlichung der Gespräche und setzte der Straflosigkeit der Täter ein Ende. 1996 kam es zu einer großen Demonstration, Juristen erstatteten Strafanzeigen, ein Netzwerk von Aktivisten, Überlebenden und Angehörigen bildete sich. Es kam zu Dutzenden Haftbefehlen der europäischen Justiz, da unter den Opfern zahlreiche Franzosen, Spanier, Italiener und Deutsche waren.

Der Druck der Menschenrechtsbewegungund der europäischen Strafverfahren führte 2004 unter der Regierung von Nestór Kirchner zur Aufhebung der Amnestiegesetze. Eine Prozesswelle setzte ein, Militärs, Polizisten, Ärzte, Geheimdienstler, Pfarrer und Richter wurden vor Gericht gestellt. Über 500 Personen wurden verurteilt, während sich die Verfahren gegen die Wirtschaftselite an den damaligen Schalthebeln der Diktatur als schwierig erwiesen. Ihre Komplizenschaft, etwa bei der Verfolgung von Gewerkschaftern, wird die historische Aufarbeitung noch länger beschäftigen. Scilingo wurde in Spanien der Prozess gemacht, wo man ihn 2005 zu einer Strafe von 640 Jahren verurteilte.

Als ihn Horacio Verbitsky 2014 besuchte, fand dieser einen vorbildlichen Häftling vor, der aufgrund der üblichen Vollzugslockerungen auch Zeit außerhalb des Gefängnisses verbringen könnte. Doch das interessiere ihn nicht, „20 Jahre nach der ersten Veröffentlichung des Buches und zehn Jahre nach seiner Verurteilung scheint er mit der Strafe, die er für seine Verbrechen gesucht hat, zufrieden zu sein“.

Das in viele Sprachen übersetzte Buch erschien nun zum 40. Jahrestag des Militärputsches am 24. März 1976 erstmals auf Deutsch. Argentinien gilt heute als Modell einer späten, aber bemühten juristischen Aufarbeitung von Massenmord und schwersten Menschenrechtsverletzungen. Die strafrechtliche Verfolgung der Täter benannte die von den Militärs über Jahrzehnte als notwendige Kriegshandlung bezeichneten Befehlsketten als das, was sie waren: Verbrechen gegen die Menschlichkeit. ■


Horacio Verbitsky und Sandra Schmidt stellen das Buch am Dienstag, 19. April, 19 Uhr, im Europasaal des Wiener Lateinamerika-Instituts, Türkenstraße 25, vor.

Horacio Verbitsky
Der Flug

Wie die argentinische Militärdiktatur
ihre Gegner im Meer verschwinden ließ. Aus dem Spanischen von Sandra Schmidt 200 S., geb., € 19,90 (Mandelbaum Verlag, Wien)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.04.2016)