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Vom Aufklären

Aufklärung als wichtigste Grundlage der heutigen europäischen Gesellschaft? Ein sehr konkreter Einspruch aus der Perspektive der Geschichtswissenschaft: Die meisten Philosophen konnten nur dank ihrer Mäzene publizieren – und vertraten dabei deren Interessen.

Im Dezember des vergangenen Jahres erschien in der „Zeit“ ein ganzseitiger Artikel unter der Überschrift: „Was nun, Her Kant?“ Für den Autor des Beitrags, Thomas Assheuer, gibt Kant, der „einsame Prophet der Aufklärung, letztgültige Antworten auf heutige, drängende Fragen“. Kants Ideen „lieferten dem Projekt der Moderne die leuchtenden Stichworte“: „Aufklärung, Mündigkeit, Kritik, Menschenrechte, kategorischer Imperativ“. Dieser Artikel ist nur eines von zahlreichen Beispielen, in denen in der politischen Öffentlichkeit auf die Aufklärung Bezug genommen wird: als Gründungsepoche der Moderne, als Ursprung unserer heutigen politischen Normen und Wertvorstellungen, ja mitunter sogar als immergültiger Maßstab für richtiges Denken und Handeln. Die Aufklärer, angepriesen als Heldengestalten wie Immanuel Kant, sind in dieser Erzählung merkwürdig aus ihrer Zeit gefallen. Sie lebten zwar im 18. Jahrhundert. Glaubt man aber der Geschichte von ihnen als den Urhebern unserer heutigen Gesellschaft, dann hatten sie mit der Gesellschaft, in der sie lebten, nur wenig zu schaffen. Als Vordenker und Propheten waren sie ihrer Zeit weit voraus.

Diese Art der Geschichtsnutzung hat unmittelbare politische Folgen. Wenn beispielsweise die Frage zur Debatte steht, ob man der Türkei die EU-Mitgliedschaft einräumen solle oder nicht, fehlt selten ein Verweis auf die Aufklärung. Als in Paris auf die Redaktionsräume der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ von islamistischen Terroristen ein Anschlag verübt wurde, galt der Anschlag nicht den Redakteuren der Zeitschrift allein, sondern zugleich auch den „Werten der Aufklärung“. Weitere Beispiele ließen sich mühelos aufzählen. Die Aufklärung lässt sich in der gegenwärtigen Debatte dazu nutzen, Grenzen zu ziehen: zwischen Europa und dem Rest der Welt oder einem aufgeklärten Europa (des Westens) und einem weniger aufgeklärten Europa (des Ostens), zwischen Kirchen- und Religionskritikern und den vermeintlichen Fürsprechern zahlreicher konfessionell ausdifferenzierter Fundamentalismen und nicht zuletzt zwischen aufgeklärten Intellektuellen einerseits und vermeintlichen unaufgeklärten Gruppen, egal welcher politischen Couleur, andererseits. Als polemische Waffe eignet sich der Begriff in der heutigen Gegenwart vorzüglich: indem er den jeweiligen Debattengegnern abspricht, sich auf die Aufklärung – und damit auf die Vernunft – berufen zu können.

Da Aufklärung als Phänomen und als Epoche für die europäische Geschichte exklusiv beansprucht wird, hat der Begriff besonders weitreichende Konsequenzen, wenn man das Verhältnis von Europa zum Rest der Welt thematisiert. Wenn die Aufklärung im 18. Jahrhundert ein exklusiv europäisches Phänomen ist, ja selbst in Europa nur in wenigen Ländern zu Hause, und die Aufklärung zugleich als entscheidendes Fundament der heutigen Wertvorstellungen in der globalen Welt gedacht wird – dann bleibt der außereuropäischen Welt nur, die europäischen Werte der Aufklärung nachträglich anzunehmen. Die Idee einer von Europa ausgehenden Zivilisierungsmission in der Welt ist im ausgehenden 18. Jahrhundert entstanden und sicherlich eine intellektuelle Erfindung der Aufklärung. Diese Idee steht nicht zufällig in engem Zusammenhang mit politischen Vorhaben der Kolonisierung. Es waren daher zuerst Autoren der „postcolonial studies“, die Aufklärung vor allem als Bemäntelung kolonialistischer und imperialistischer Vorhaben des Westens verstanden haben, und deren Autoren als Agenten globaler Herrschafts- und Ausbeutungsfantasien deuteten. Im Rahmen der „postcolonial studies“ ist Aufklärung kein positiver,sondern ein negativer Bezugspunkt der Moderne. Die Aufklärung ist demzufolge eine Ideologie, um zahlreiche Herrschaftsansprüche zu rechtfertigen: der Weißen über alle anderen Rassen, des Mannes über die Frau, der Europäer über Nichteuropäer. Auch in diesem negativen Bild von der Aufklärung wird ein unmittelbarer Zusammenhang hergestellt zwischen Autoren des 18. Jahrhunderts einerseits und politischen und sozialen Verwerfungen in der globalen Welt andererseits. Da sich der Begriff der Aufklärung so vorzüglich zur Herstellung von Grenzen zwischen Licht und Dunkelheit eignet, haben die Autoren der „postcolonial studies“ den Spieß kurzerhand umgedreht: Aufklärung war und ist in ihren Augen eine Ideologie zur Durchsetzung und zur Verschleierung von politischer Unterdrückung.

Diese Debatten um den Wert und den Unwert der Aufklärung werden nicht nur in Zeitungen geführt, sondern auch in Seminarräumen und wissenschaftlichen Publikationen. Sie finden sowohl im politischen als auch im wissenschaftlichen Kommunikationsraum statt, und die Grenzen zwischen beiden Diskursräumen lassen sich mitunter nur schwer ziehen. Wer sich in grundsätzlicher Art und Weise zur Aufklärung äußert, der kann damit rechnen, eine Öffentlichkeit auch jenseits der Universitäten zu erreichen. Der intellektuellen Qualität der Debatte ist dieses allgemeingesellschaftliche Interesse nicht gut bekommen.

Für den politischen Raum liefert der Hinweis auf die Aufklärung keine Information, die für anstehende Entscheidungen eine Hilfe wäre. Wenn es den Terroristen bei ihrem Anschlag auf „Charlie Hebdo“ darum ging, die Werte der Aufklärung zu treffen – was folgt dann daraus für eine Antwort? Müssen wir dann die Polizeigesetze verschärfen, um den Kampf, der ja unseren politischen Grundsätzen gilt, besonders hart und erfolgreich führen zu können? Oder dürfen wir das nicht, da wir dann ja unsererseits dabei wären, uns von den „Grundsätzen der Aufklärung“ zu verabschieden? Und wenn man der Türkei heute nicht das Recht auf Mitgliedschaft in der EU einräumen könne, da das Land keine Aufklärung genossen habe – ist die Aufnahme mit diesem Argument dann für immer vom Tisch, oder könne man es einrichten, dass die Türkei die Aufklärung gewissermaßen nachholen dürfe, also für die Aufnahme bestimmte Bedingungen erfüllen müsste? Diese zwei zugegeben verkürzt dargestellten Beispiele sollen reichen, um zu belegen, dass der Bezug auf die Aufklärung uns wenig hilft, um anstehende politische Probleme zu bewältigen, ja dass man die Aufklärung letztlich für beinahe jedes beliebige Argument in Stellung bringen kann. Und die Aufklärung hat auch nicht, wie Thomas Assheuer am Beispiel Kants in der „Zeit“ suggeriert, zeitübergreifende Lösungen entwickelt, die wir heute nur wieder lesen müssten, um damit dieWelt zu verstehen. Immanuel Kants Schrift vom „Ewigen Frieden“ hilft uns leider wenig, wenn wir heute vor dem Problem stehen, eine Antwort auf die zahlreichen Kriege und Konfliktherde in der Welt zu suchen.

Diese Art des Umgangs mit der Aufklärung betrifft mich aber auch als Historiker, da die Grundsätze meiner Fachdisziplin von dieser Debatte berührt sind. Um den Begriff „Aufklärung“ für die Geschichtswissenschaft überhaupt erst wieder nutzbar zu machen, bedarf es einer kritischen Untersuchung, wie das Gegenwartsinteresse innerhalb der Aufklärungsforschung dazu führt, dass Grundsätze wissenschaftlicher Argumentationspraxis außer Kraft gesetzt werden. Dies zeigt sich bereits im verbreiteten Umgang mit dem Begriff der Aufklärung selbst. Aufklärung ist kein unschuldiger Begriff zur Klassifizierung historischer Sachverhalte. Mit diesem Begriff werden Phänomene vielmehr sowohl beschrieben als auch bewertet. Als Aufklärer bezeichnet man in der Geschichtswissenschaft gemeinhin diejenigen Personen im 18. Jahrhundert, die sich laut ihrer Selbstbeschreibung mit dem Ziel einer Verbesserung der Verhältnisse, sei es in konkreten Dingen, sei es im Grundsätzlichen, in der Öffentlichkeit zu Wort meldeten. Da sie mit ihrer Wortmeldung bestehende Zustände verändern wollten, ging diese Wortmeldung zumeist mit Kritik an bestimmten Zuständen oder – häufiger – an bestimmten Personen einher. Der Anspruch darauf, in der Gesellschaft öffentlich Kritik üben zu dürfen, ohne in dieser Gesellschaft aufgrund des eigenen Standes oder eines bestimmten Amtes herausgehoben zu sein, wurde im 18. Jahrhundert von einer Gruppe von Autoren und freien Schriftstellern erstritten, die sich gerne als Philosophen oder eben auch als Aufklärer bezeichneten. Sie nahmen für sich selbst die Vernunft in Anspruch und sprachen sie ihren Widersachern ab. Sie lieferten „Gerechtigkeitsentwürfe“ (Ulrich Oevermann) und diffamierten ihre Gegner. In diesen Debatten war Aufklärung ein ungeschützter Markenname derjenigen, die ihr persönliches Wohl dadurch zu erringen trachteten, dass sie in diesen öffentlichen Debatten reüssierten. Der Begriff umfasste die eigenen Wertideen, Wortmeldungen und Schriften, nicht aber die ihrer Opponenten. Aufklärung ist daher im 18. Jahrhundert normativ aufgeladen, ein polemischer Kampfbegriff, um die Legitimität der eigenen Positionen zu steigern.

Es ist erstaunlich, wie viele Aufklärungsforscher heute den Begriff der Aufklärung auf ähnliche Weise gebrauchen wie jene Autoren, die sie untersuchen. Geradezu paradigmatisch wird dies sichtbar in Werner Schneiders Buch „Das Zeitalter der Aufklärung“, wenn er am Ende seiner Einleitung feststellt: „Aber natürlich sind auch die Aufklärer des 18. Jahrhunderts nie nur Aufklärer gewesen. Sie haben – nicht selten widersprüchlich in sich selbst, immer auch an vielen anderen Strömungen der Zeit teilgenommen. Es gibt Wissenschaftler, die noch am Hexenglauben festhalten oder im Magnetismus die Erklärung für alles vermuten, Philosophen, die einerseits zum Rationalismus und Empirismus, andererseits zum Mystizismus neigen; viele vernunftorientierte Schriftsteller triefen zugleich vor Sentimentalität.“

Aufklärer sind für Schneider dann keine Aufklärer, wenn sie dem Hexenglauben anhängen, der Mesmerschen Magnetismuslehre oder dem Mystizismus. Und warum nicht? Da wir heute diesen Lehren nichts mehr abgewinnen können. Da wir diese Lehren heute für unvernünftig und falsch halten. Diese Art der Unterscheidung von Aufklärern und Nichtaufklärern führt notwendigerweise zu dem Schluss: Aufklärer sind für uns Autoren immer dann, wenn wir ihre Aussagen heute gutheißen und für richtig erachten, ansonsten nicht. Ein solcher „Aufklärungsbegriff“ taugt dann zur Legitimierung eigener Ansichten, ist aber untauglich als wissenschaftlicher Begriff der Geschichtswissenschaft.

Wenn Historiker sich über Aufklärer als Wissenschaftler äußern wollen und nicht als politische Intellektuelle, dann dürfen sie das zu untersuchende historische Phänomen nicht an heutigen, normativen Ansprüchen messen. Aufklärer können in einem empirisch überprüfbaren Sinne nur diejenigen Autoren sein, die sich selbst als Aufklärer bezeichneten und in Szene setzten, unabhängig von der Frage, welche Positionen sie dabei verfochten haben, und ob uns diese Positionen heute einleuchten oder genehm sind oder nicht. Diese Aufklärer plädierten in der Tat für vieles: für die Ungleichheit der Rassen (Kant, Blumenbach, Voltaire), für Menschenversuche und Eugenik zur Förderung wissenschaftlicher Erkenntnis (Maupertuis), für einen Kreuzzug zur Befreiung Griechenlands, der Wiege der Philosophie, aus den Klauen des Osmanischen Reiches (Voltaire) oder die Teilung Polens als Zivilisierungsmission (Friedrich II., Voltaire). Diese Äußerungen gilt es weder zu verschweigen noch zu skandalisieren. Vielmehr muss man sie einbetten in ihre kommunikativen Entstehungskontexte, um zu verstehen, welches Ziel die Autoren mit ihren Aussagen in ihrer Zeit jeweils verfolgten.

Erst wenn man aus den Aufklärern wieder Menschen ihres Jahrhunderts gemacht hat und nicht die Propheten unserer heutigen Gegenwart, besteht eine Chance, deren Aussagen und Strategien historisch angemessen analysieren und bewerten zu können. Auch wenn wir unsere Fragen an die Aufklärungszeit in der heutigen Gegenwart formulieren und sich aus unserer heutigen Zeit das Interesse an der Aufklärung speist, sind unsere Antworten auf diese Fragen nur dann etwas wert, wenn dabei die Zeitumstände der Aufklärer berücksichtigt werden. Was für andere Epochen gängige Praxis ist, muss für die Aufklärungszeit leider erst wieder angemahnt werden.

Sofern sich also Historiker und andere Aufklärungsforscher über die Aufklärung äußern, sollte stets deutlich werden, dass von einer vergangenen Epoche die Rede ist, vornehmlich vom 18. Jahrhundert. Es sollte ferner klar sein, dass uns die Kommunikationsräume dieser Epoche heute fremd anmuten: Die Chance der Autoren auf Glück und Karriere war in der ständisch gegliederten Gesellschaft abhängig von Patronage seitens einflussreicher, mächtiger Personen, die häufig an den europäischen Fürstenhöfen und in den dort situierten Regierungen prominente Positionen bekleideten. Die Positionskämpfe dieser Patrone waren nicht selten entscheidend für die Frage nach dem Schicksal der von ihnen abhängigen Autoren, ihren Klienten. Und die Interessen dieser Patrone gilt es zu berücksichtigen, will man die Schreibstrategien der von ihnen abhängigen Autoren verstehen.

Wenn etwa Diderot Katharina II. von Russland hochleben ließ und Kant und Voltaire Friedrich II., Voltaire sich bei der ersten Teilung Polens auf die Seite der Großmächte schlug und Rousseau auf die Seite Polens, dann waren politische und persönliche Interessen eng verwoben mit inhaltlichen, philosophischen Positionen. Die Aufklärer waren eben keine „einsamen Propheten“, auch nicht Kant, von dessen Schriften sich zahlreiche auch als polemischer Beitrag zu inneruniversitären Macht- und Hierarchiekämpfen lesen lassen. Sie artikulierten ihre Stellungnahme in ihrer jeweiligen Gegenwart, und diese Gegenwart gilt es als Erstes in den Blick zu nehmen, wenn man die Aussagen historisch angemessen erklären möchte.

Muss uns aber eine solchermaßen historisierte Aufklärung überhaupt noch interessieren? Sie sollte uns interessieren als eine historische Epoche, die geprägt war von grundlegenden Transformationsvorgängen und am Ende von revolutionären Umbrüchen. Sie sollte uns auch interessieren, da die Zeitgenossen – unter ihnen auch die Aufklärer – diese Umbrüche miterlebt, wahrgenommen und reflektiert, ja eventuell auch angestoßen und mit verursacht haben. Und sie gibt uns schließlich ein Beispiel dafür, wie es einer zahlenmäßig kleinen Autorengruppe im Laufe des 18. Jahrhunderts gelungen war, die literarische wie die politische Öffentlichkeit in zunehmendem Maße zu dominieren und die eigenen Maßstäbe zur allgemeinen Richtschnur moralischer Beurteilung zu erheben.

Hingegen sollte uns die Aufklärung nicht interessieren als „Musterbuch der Moderne“. Eine solche Perspektive liefert uns keine Erkenntnis für die Aufklärungszeit, und ebenso wenig hilft sie uns beim Verständnis gegenwärtiger Probleme. Nur für polemische Angriffe ist eine zeitenthobene Aufklärung gut – diesen Effekt immerhin hat eine solche Verwendung des Aufklärungsbegriffs mit dem 18. Jahrhundert gemein. ■


Andreas Pečar, geboren 1972 in Freiburg im Breisgau, ist Professor für Geschichte der Frühen Neuzeit an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Beim Europäischen Forum Alpbach vom 17. August bis 2. September wird er sich mit dem Thema „Neue Aufklärung“ beschäftigen. Programm unter www.alpbach.org.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.04.2016)