Bleib auf der Matte: Warum Yoga dein Leben ruiniert

Lisi Zoder unterrichtet Yoga in der Yogawerkstatt im zweiten Bezirk in Wien. Hier steht sie in der Position Virabhadrasana, auch „Krieger“ genannt.
Lisi Zoder unterrichtet Yoga in der Yogawerkstatt im zweiten Bezirk in Wien. Hier steht sie in der Position Virabhadrasana, auch „Krieger“ genannt.Die Presse

Das Geschäft mit dem Mattensport droht die eigentliche Botschaft dieser Lebensphilosophie in einer Woge aus entbehrlichem, sündhaft teurem Schnickschnack zu ertränken.

Nicht der Körper sei steif und unbeweglich, sondern der Geist: „Body not stiff. Mind stiff.“ Das pflegte Krishna Pattabhi Jois, einer der maßgeblichen Yogalehrer der jüngeren Vergangenheit, gern und vergnügt zu sagen. Er brachte mit diesen fünf Wörtern das Wesen des Yoga auf den Punkt. Stell dich auf die Matte und übe. Der Rest ergibt sich. Er selbst brauchte dafür nicht einmal eine Matte, ein kleiner Teppich genügte ihm. Im Gegensatz dazu ist Yoga seit einiger Zeit hauptsächlich chic. So gut wie jede Woche sperrt irgendwo ein neues Yogastudio auf. Dagegen wäre auch nichts einzuwenden, im Gegenteil – wenn das, was als Yoga verkauft wird, auch Yoga wäre, und nicht nur Gymnastik mit Räucherstäbchen oder Leistungsturnen in sauteurem Gewand.

Yoga-Fan Schopenhauer

Zwischen verstaubtem Alt-Hippie-Getue und todschickem Lifestyle verliert sich der eigentliche Hintergrund dieser uralten, immer wieder modifizierten, in ihren Grundsätzen beständigen Disziplin. Und entgegen der verbreiteten Meinung, hier würden Elefantengötter oder obskure Sektenführer angebetet, hat Yoga genauso wenig mit Religion oder Esoterik zu tun wie die Denkgebäude eines, sagen wir, Arthur Schopenhauer. Yoga ist eine der sechs klassischen indischen Philosophielehren und damit eine jahrtausendealte, präzise Denkschule, an der sich schon viele große, auch westliche Geister gelabt haben. Besagter Arthur Schopenhauer, bekanntlich das Gegenteil eines Esoterikers, schrieb über die Upanishaden, die als eine der grundlegenden Schriften des Yoga gelten: „Der Upanishad ist [. . .] die Ausgeburt der höchsten menschlichen Weisheit“, und „die belohnendste und erhebendste Lektüre, die auf der Welt möglich ist: sie ist der Trost meines Lebens gewesen und wird der meines Sterbens seyn“.

Das „Turnen“, das heute nicht nur im Vordergrund steht, sondern oft fälschlicherweise als die Sache selbst erachtet wird, ist nur ein kleiner Teil dieser Philosophie. Es ist der Beginn der Selbstdisziplinierung, und gute Yogalehrende vermitteln das behutsam.

Der Sanskrit-Begriff „Yoga“ bedeutet wörtlich übersetzt „zusammenbinden“, also Geist und Körper zu einer Einheit zusammenzuschweißen, und zu diesem Zweck muss der Mensch einerseits mit seinem Leib und all dessen Innereien auf Du und Du sein, zugleich jedoch – und das ist viel anspruchsvoller und schwieriger – auch seinen Geist erziehen. Wer die Schwerkraft überwinden will, braucht beides. Ohne physische Kraft schwächelt der Geist, ohne geschulten Willen bleibt der Körper schlapp. So weit die sehr vereinfacht dargestellte Theorie.

Schulung zur Gelassenheit

Doch von Yoga als Philosophie, als Lebensschule, als raffinierte und auf allen zur Verfügung stehenden Ebenen ansetzende Schulung zur Gelassenheit und zur ständigen Selbstüberprüfung hat natürlich kaum jemand eine Ahnung, der in seine erste Yogastunde marschiert. Wie auch? Die Welle der Geschäftemacherei hat eine willige, großteils weibliche Konsumentengruppe erfasst und ist im Begriff, die eigentliche Botschaft des Yoga in einer Woge aus entbehrlichem, sündhaft teurem Schnickschnack zu ertränken. Tatsächlich braucht man aber nichts dazu – außer einen starken Willen, eine gut eingeturnte Matte und einen guten Lehrer .

Ein solcher ist der US-Amerikaner Richard Freeman. Seine Ashtanga-Yoga-Workshops sind an Klarheit und Präzision unübertroffen, jede Bewegung verknüpft er mit Philosophie, jede Pose erklärt er aus den Schriften, bleibt dabei aber humorvoll und turnt selbst eine Yogapraxis, die gerade einmal eine Handvoll Leute auf dem Globus beherrschen. Noch nie hat man den besonnenen, stets von sichtlich betagten Turnhosen umhüllten Mittsechziger in Yoga-Markenfummeln gesehen – im Gegensatz zur Mehrheit der anderen Yogagrößen, die mittlerweile wie die Litfaßsäulen der Bekleidungsindustrie daherkommen.

Das Starlet der Szene ist die sehr ansehnliche Kino MacGregor, ebenfalls Amerikanerin, ebenfalls eine Weltklasse-Ashtanga-Turnerin allererster Güte. Auch ihre Workshops sind, was die Lehre der Bewegung anlangt, großartig, doch als Merchandising Queen, die selbst aktiv Yogazeug vom Höschen bis zum Kettchen via Website vertreibt, bleibt die Superturnerin fragwürdig. Raga, die Gier, Asmita, das übergroße Ego. Das wären eigentlich zwei der fünf großen Hindernisse auf dem yogischen Weg. MacGregor zieht denn auch eine fast ausschließlich weibliche Fangemeinde an, die von beidem sichtlich noch nie im Leben gehört hat. MacGregors Workshops wirken wie Yoga-Modenschauen: ein knappes bauchfreies Oberteil schillert neben dem anderen, die Hintern alle wohlgeformt in sauteuren Yogamarken-Strumpfhosen. Vor allem aber wird mächtig angegeben. Das tut man, indem man vorgibt, sich aufzuwärmen: Beine möglichst auffällig gen Decke strecken, kleine Handstände einlegen, Gelenkigkeitsübungen vorzeigen, möglichst dann, wenn alle hinschauen. Das ist lustig, aber eben Schauturnen auf hohem Niveau, kein Yoga – und ein Yogalehrer ist letztlich immer nur so gut wie seine Schüler.

Duell mit der Schwerkraft

Wer zum ersten Mal in eine richtig gute Yogastunde kommt, nimmt ein Duell mit der Schwerkraft auf – und verliert es gewöhnlich. Vermutlich meint Richard Freeman auch das, wenn er sagt: „Yoga zersört dein Leben“. Es ruiniere nämlich den fremdbestimmten Autopiloten, mit dem man durch das Leben rast, aber, wenn es funktioniert, entstehe aus diesem Akt der Zerstörung ein Leben, das spürbar angenehmer ist. „Man ist, egal, wie viel man wiegt, sehr schwer, wenn man Yoga macht. Insbesondere wenn es sich um Ashtanga-Yoga handelt, das als die anstrengendste und akrobatischste Yogavariante gilt. Man lege sich zur Veranschaulichung flach auf den Bauch und hebe sich dann auf Händen und Füßen wie ein Krokodil vom Boden ab. Kinn vor. Schultern stabil. Ellenbögen direkt an den Rippen. Aha? Gut. Dann wissen Sie jetzt, was gemeint ist. Der Geist ist willig, das Fleisch erweist sich als schwach. Als zäh und unflexibel, als asymmetrisch und störrisch.

Das ist der Beginn einer langen, anstrengenden, aber lohnenden Reise, die man mit und in sich selbst unternimmt. Die Yogamatte wird zum eigenen Königreich, in dem man bis tief in sein Innerstes hineinkriecht, seine Faszien, Sehnen, Muskeln kennenlernt, vor allem aber auch seine Schwächen, die Faulheit, den Widerwillen, die Eitelkeit, den Hochmut anderen gegenüber – und das kann jeder. Nicht nur die körperlich Begünstigten. Ein Zitat des Ashtanga-Yoga-Gründers Krishna Pattabhi Jois bringt es auf den Punkt: „Anyone can practice. Young man can practice. Old man can practice. Very old man can practice. Man who is sick, he can practice. Man who doesn't have strength can practice. Except lazy people; lazy people can't practice Ashtanga Yoga.“ Jeder kann also den Weg einschlagen. Nur die Faulen nicht. Und die Selbstdarsteller, die sind irgendwann falsch abgebogen.

Die Autorin unterrichtet selbst seit einigen Jahren Yoga u.a. in der Yogawerkstatt in Wien 2. 

Definition

„Yoga zerstört Ihr Leben“, sagt der US-amerikanische Ashtanga-Yoga-Lehrer Richard Freeman, und er meint damit die Transformation, die jeder durchläuft, der sich über lange Zeit hinweg regelmäßig auf die Matte und damit sich selbst stellt. Wer sich in Konzentration, Kraft und Gelassenheit übt, blickt tatsächlich über die kleinen Irritationen, die früher ständig genervt haben, leichter hinweg.

Die Definition von Yoga in der Urschrift Patanjalis lautet, Yoga sei das Zur-Ruhe-Bringen der Gedanken im Geist. Yoga ruiniere den fremdbestimmten Autopiloten, mit dem man durch das Leben rast, und aus diesem Akt der Zerstörung entsteht ein Leben, das spürbar angenehmer ist und mit großer Wahrscheinlichkeit glücklicher macht.