Sergej Schmatko spricht im "Presse"-Interview über Anspruch und Selbstbild des Kreml in der Energiewirtschaft, Spekulanten auf dem Ölmarkt, und ob wir nach der Krise eine Renaissance der Atomkraft erleben werden.
Moskau. Energieminister Sergej Schmatko ist für Russlands mächtige Öl- und Gasindustrie zuständig. Er verwaltet damit den Rohstoffreichtum des Landes. Im Gespräch mit der „Presse“ erklärt Schmatko, warum es richtig war, den Energiesektor weitgehend zu verstaatlichen, welches Potenzial in der atomaren Zusammenarbeit mit Siemens steckt, und warum Russland trotz Lieferstopps ein zuverlässiger Erdgaslieferant bleibt.
Die Presse: Die Europäer haben Zweifel an der Zuverlässigkeit des Energielieferanten Russland. Haben Sie durch den Dauerkonflikt mit Ihrem wichtigsten Transitland Ukraine Ihren Ruf verspielt?
Sergej Schmatko: Nein, entschieden nein. Zweifelsohne hat der Ruf von Gazprom in den Augen der Europäer unter dem Streit ums Gas gelitten. Wir fühlen uns jedoch zu Unrecht an den Pranger gestellt. In der Ukraine wird der Gaskonflikt zum innenpolitischen Machtkampf genutzt. 40 Jahre russische Öl- und Gaslieferungen nach Europa sind ein zu bedeutendes Fundament, als dass es durch diesen Streit zerschlagen werden könnte. Eines ist jedoch klar: Die Gaskrise darf sich nicht wiederholen.
Wie wollen Sie das hinbekommen?
Schmatko: Wir arbeiten mit den Europäern viel enger als noch vor einem Jahr bei der Bewertung der Lage in der Ukraine zusammen, mit dem Ziel, einen neuerlichen Gaskonflikt zu verhindern. Aus meiner Sicht sollte es ab dem nächsten Winter weniger Schwierigkeiten geben. Denn im Unterschied zu den bisherigen Verträgen, die immer zum Jahresende ausliefen, haben wir dann einen Zehnjahresvertrag mit der Ukraine.
Aber der drohende Staatsbankrott der Ukraine kann auch für Russland zum Problem werden.
Schmatko: Das ist richtig. Aber die Ukraine wäre selbst im Falle eines Bankrotts imstande, ein zuverlässiges Funktionieren der Gasleitungen technisch zu gewährleisten – wenn nötig mit internationaler Hilfe. Und so weit ich sehe, sind sowohl Russland als auch die EU bereit zu helfen – unter anderem auch mit einem Kredit.
Haben die geplanten Pipelines North Stream und South Stream, beides Alternativrouten zur Umgehung der Transitländer, trotz geringerer Nachfrage nach Erdgas Priorität?
Schmatko: Wir haben keine Zweifel, dass sie gebaut werden, einfach weil zusätzliche Pipelines die Versorgungssicherheit bedeutend erhöhen. Das ist im Interesse der europäischen Verbraucher. Ich verstehe übrigens nicht ganz, mit welcher Begeisterung das Thema Nabucco – eine Pipeline, die von Zentralasien an Russland vorbei nach Europa führen soll – diskutiert wird. Wir sehen darin keine große Konkurrenz. Nabucco kann maximal fünf Prozent des europäischen Energiebedarfs decken. Außerdem fehlt Nabucco noch immer das Gas.
Europa fehlt das Verständnis für die Schwankungen des Ölpreises, an den ja auch der Gaspreis gebunden ist. Gibt es einen „gerechten“ Ölpreis?
Schmatko: Uns scheinen 70 bis 80 Dollar je Barrel Öl fair, dann können die Konzerne ausreichend investieren. Eines kann jedoch nicht angehen: dass der Markt für Öl massiv beeinflusst wird von Finanzinstrumenten wie Derivaten, was letztlich Zockerei ist. Daher wurde auch beim G8-Gipfel in Italien eine Veränderung des Handelssystems angeregt.
Der Kreml hat in den vergangenen Jahren die Strategie verfolgt, die Öl- und Gaswirtschaft zu verstaatlichen. War die Strategie sinnvoll?
Schmatko: Die Strategie, den Staat zum Schlüsselspieler zu machen, war richtig. Der Energiesektor hat eine große soziale Verantwortung, er sorgt für den Löwenanteil bei den Haushaltseinnahmen. Natürlich stellt sich die Frage: Was weiter? Wir werden unsere Strategie für das kommende Jahrzehnt noch definieren. Aber auch eine starke Position des Staates in der Wirtschaft kann erfolgreich sein, wie wir am Beispiel Chinas sehen.
Welche Bedeutung sollten ausländische Akteure im Energiesektor Russlands noch haben?
Schmatko:Eine große. Der Eindruck, die Russen würden ihren Energiesektor abschotten, ist falsch. Eines ist jedoch klar: Verträge, von denen einseitig ausländische Investoren profitieren, wird es nicht mehr geben. Wir kooperieren gerne. Aber, bitte schön, die Kontrolle behalten wir.
So soll es ja auch bei der Kooperation Ihrer staatlichen Atomgesellschaft Rosatom mit dem Elektrokonzern Siemens sein. Warum wurde der längst geplante Vertrag noch nicht unterzeichnet?
Schmatko: Im Februar haben wir unsere Zusammenarbeit verkündet, im Mai ein entsprechendes Memorandum unterschrieben. Nun dauert es eben noch einige Monate, bis der Vertrag unterschriftsreif ist. Es ist nun einmal ein kompliziertes Verfahren, eine der größten Gesellschaften im globalen Atomgeschäft zu formieren. Bis Jahresende aber werden wir alles unter Dach und Fach haben.
Was kann das Atomtandem Rosatom-Siemens erreichen?
Schmatko: Wir können Aufträge über Dutzende Milliarden von Euro im Laufe der kommenden ein, zwei Jahrzehnte an Land ziehen. Wir wollen unter die Top drei im globalen Atomgeschäft – und der dritte Platz wäre uns dabei zu wenig.
Russische Atomtechnologie hat spätestens seit Tschernobyl einen miesen Ruf. Brauchen Sie Siemens für ein besseres Image?
Schmatko: Viele Menschen haben mit Atomkraft generell ein Problem. Nicht nur in Russland, auch in anderen Ländern gab es Störfälle. Der Reaktortyp von Tschernobyl gehört aber der Vergangenheit an. Für unseren Reaktor, den wir im bulgarischen Belene gebaut haben, erhielten wir die europäische Lizenzierung. Es wäre also falsch zu glauben, wir wollten von Siemens nur das Gütesiegel. Siemens ist hervorragend in der Leittechnik für Reaktoren, im gesamten elektrotechnischen Bereich und zudem weltweit führend bei Stromübertragungsnetzen. So können wir unseren Kunden komplexe Lösungen anbieten, die weit über den Bau eines Atommeilers hinausgehen.
Sie waren jahrelang für den Bau des umstrittenen Atomreaktors Bushehr im Iran verantwortlich. Haben Sie den Mullahs den Weg zur Atombombe geebnet?
Schmatko: Wir haben den Reaktor von Bushehr aus voller Überzeugung gebaut, da es keinerlei Verbindung zu einem militärischen Programm im Iran gibt. Bushehr unterlag voll der internationalen Gesetzgebung und der Kontrolle durch die Internationale Atomenergieorganisation. Es ist doch besser, wenn wir mit dem Iran zusammenarbeiten, als dass sich das Land abschottet und wir keine Kontrolle mehr darüber haben, was dort vor sich geht.
Wird Russland im Iran weitere Atomkraftwerke bauen?
Schmatko: Bushehr könnte Ende des Jahres in Betrieb gehen. Aus oben genannten Gründen sehe ich grundsätzlich keine Probleme, weitere Reaktoren im Iran zu errichten. Die Politik muss aber zustimmen.
Bremst die Krise nicht auch die Renaissance der Kernkraft?
Schmatko: In der Tat. Dennoch bin ich fest davon überzeugt, dass es nach der Krise eine Renaissance der Atomenergie geben wird. Speziell bei langfristigen und aufwendigen Projekten wie dem Bau von Atomkraftwerken fehlen jedoch internationale Finanzierungsmechanismen. Würden zudem die Standards bei Atomkraftwerken weltweit vereinheitlicht, würde auch der Kraftwerksbau billiger. Das ist umso wichtiger, als viele Staaten die Kernkraft als reale Möglichkeit einer kohlendioxidfreien Energiequelle sehen.
Eine Alternative zur Kernkraft ist die Initiative „Desertec“. Kürzlich fiel in München der Startschuss für das 400-Milliarden-Euro-Vorhaben, Solarstrom aus der Wüste Afrikas nach Europa zu bringen. Was halten Sie davon?
Schmatko: Grundsätzlich mag ich ja visionär anmutende Projekte. Die Schwierigkeiten liegen jedoch in der Umsetzung. Desertec könnte, da sich die verschiedenen Technologien zur Energiegewinnung rasant weiterentwickeln, bei Fertigstellung nicht mehr auf dem neuesten Stand sein. Ein anderes Problem: Die Region ist politisch instabil.
Ist Russland noch eine Energiesupermacht?
Schmatko: Russland ist ein einflussreicher und bedeutender Spieler im globalen Energiegeschäft. Wir erheben aber nicht den Anspruch auf eine absolute Führungsrolle. Uns geht es um Dialog, nicht um Diktat.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.07.2009)