Michael Sailstorfer: Wolken, die vom Himmel fallen

(c) Shirin Ourmutchi
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Michael Sailstorfers Skulpturenbegriff umfasst auch Gerüche und Klang. In Berlin lässt er nun eine Metallwolke zu Boden donnern.

Wer ähnliche Ängste hat wie der Stammeshäuptling in dem von Asterix und Obelix bewohnten gallischen Dorf – Majestix fürchtet bekanntlich nichts mehr, als dass ihm eines Tages der Himmel auf den Kopf fallen könnte –, ist wahrscheinlich eher gut beraten, um Michael Sailstorfers neueste Arbeit einen weiten Bogen zu machen. Der aus Bayern stammende, heute in Berlin lebende Bildhauer hat nämlich in Zusammenarbeit mit der Modemarke COS eine große Silberwolke, Metall, zwei Tonnen schwer, angefertigt, die er bei einer Performance vor seinem Atelier in Berlin-Weißensee wieder und wieder in den Asphalt einschlagen lassen wird. Das Ganze soll etwa eine halbe Stunde dauern, gefilmt werden und, damit auch der Auftraggeber etwas davon hat, auf Videoscreens in den Auslagen von Berliner COS-Stores gezeigt werden.

Rückbezüglich. Eine Referenz sind Sails­torfers „Clouds“, gezeigt in Düsseldorf.
Rückbezüglich. Eine Referenz sind Sails­torfers „Clouds“, gezeigt in Düsseldorf.(c) Beigestellt

Im Gespräch über die „Silver Cloud“ legt Sailstorfer aber Wert darauf, dass es hier nicht nur um das Brachiale, Destruktive gehe – er sieht seine neueste Installation als durchaus ambivalent, ja, „eigentlich fast poetisch. Denn das Thema ist nicht die bloße Zerstörung, sondern auch der Zustand des In-der-Schwebe-Seins. Das oszilliert zwischen der Leichtigkeit der silbernen Wolke, die über dem Boden schwebt, die aber auch etwas Bedrohliches hat und in ihn einschlägt.“ Mit der Wolke greift Sailstorfer zudem eine vergangene Arbeit wieder auf. Die Form jener aus gebogenen Lkw-Schläuchen gefertigten „Clouds“ nämlich, die er 2010 bei einer Ausstellung in Düsseldorf zeigte. Damals wie heute ein wichtiger Bezugspunkt: jene „Silver Clouds“ aus mit Helium gefüllter Kunststofffolie, die Andy Warhol in den Sechzigern aufblies.

Mit Zitaten aus der rezenteren Kunstgeschichte geht
Sailstorfer ohnehin ganz selbstverständlich um. Manchmal wird das thematisiert: Die Berliner „Silver Cloud“ mit ihrem Abrissbirnencharakter zitiert ausdrücklich die Arbeit „Bern Depression“ von Michael Heizer, die 1969 Teil der legendären Gruppenschau „When Attitudes Become Form“ war. Ein anderes Mal wieder, etwa wenn ein Baum inmitten eines Feldes raketengleich in die Luft fliegt, kann man sich eines Gedankens an die Arbeiten von Roman Signer nicht erwehren. Michael Sailstorfer freilich geht unbekümmert zu Werke und spielt mit solchen Referenzen ebenso selbstverständlich wie mit
den diversesten Werkstoffen und veränderlichen Dimensionen.

Gewichtig. Zwei Tonnen wiegt die in Kooperation mit COS entstandene Skulptur.
Gewichtig. Zwei Tonnen wiegt die in Kooperation mit COS entstandene Skulptur.(c) Beigestellt

Schatzsuche. 1979 geboren, Sohn eines Bildhauers, der nach abgeschlossenem Studium den Steinmetzbetrieb seiner Familie übernahm, beschloss Michael Sailstorfer früh, selbst nicht den Betrieb seines Vaters weiterzuführen. Letzterer übrigens wandte sich daraufhin auch wieder der Kunst zu und ist heute primär im Bereich der Public Art tätig. Wie sein Sohn, der am Beginn seiner Karriere ebenfalls bevorzugt den größtmöglichen, also den öffentlichen Raum bespielte: „Als Student hat man ja noch keine geschlossenen Räume, in denen man ausstellen kann, also bietet sich die Natur an.“ Im ersten Studienjahr putzte er ein Stück Wald und schuf eine perfekte Lichtung. Später folgten Raketenbäume, in den Weltmeeren versenkte Unterwasserskulpturen oder ein Holzhaus mit Kamin, das sich selbst als sein eigenes Heizmaterial verzehrt.

Was ihn reizt, was vielen seiner Arbeiten gemein ist: Die Transformation, das Veränderliche und ein, wie er selbst sagt, „Moment der Irritation“. „Solche Irritationsmomente sind nach wie vor wichtig für mich, weil ich Zwischenräume mag. Wenn etwas außerdem nicht zwangsläufig wie ein Kunstwerk aussieht, macht sich der Betrachter mehr Gedanken.“ Im Besonderen bei Public Art entspricht es zumeist den Erwartungen der Auftraggeber, wenn es gelingt, dass die Nutzer des öffentlichen Raumes durch eine Installation aktiviert werden. Genau das bezweckte Sailstorfer mit seiner in der deutschen Stadt Puhlheim umgesetzten Arbeit aus dem Jahr 2009, „Puhlheim gräbt“. Nahezu das gesamte zur Verfügung stehende Budget investierte der Künstler damals in den Ankauf von Goldbarren, die vor dem Sommer in 24 Bohrlöchern inmitten einer zentralen Grünfläche versenkt wurden.

Erleuchtet. Für KöR Wien wird Sailstorfer den Südtiroler Platz bespielen.
Erleuchtet. Für KöR Wien wird Sailstorfer den Südtiroler Platz bespielen.(c) Beigestellt

Nachdem sich die Rasenfläche wieder geschlossen hatte, wurden die Bewohner des Ortes in Kenntnis von diesem verborgenen Schatz gesetzt. Ein veritabler Goldrausch war die Folge: Puhlheim grub, nach einer Woche schaute die kleine Grüninsel aus „wie eine Mondlandschaft“, so Sailstorfer: „Eine Frage war bei dieser Arbeit sicherlich, was alles Kunst sein kann. Es gab ein Skript von mir, aber was dann geschah und was alles Teil von ,Puhlheim gräbt‘ wurde – die Bewohner, die Pressereaktionen –, war nicht abzusehen.“ Die in Berlin anlässlich des Gallery Weekend geplante Aktion von Sailstorfer beinhaltet ebenfalls eine Schwankungsbreite des Ergebnisses.

Der Tanz der „Silver Cloud“ soll einer von ihm geplanten Choreografie folgen, wobei der Künstler während der ganzen Zeitdauer mit dem Kranführer in Verbindung bleibt. Das Ergebnis – im Wesentlichen also den zerschlagenen Asphaltboden, die wie ein Kollisionskörper daliegende Wolke, wird in den Tagen nach der Performance öffentlich zugänglich sein. Wer es nicht nach Berlin schafft, kann sich übrigens auch bald über eine Skulpturengruppe in Wiens öffentlichem Raum freuen: Im Auftrag von KöR Wien hat Sailstorfer eine Gruppe aus vier Lichtskupturen geschaffen, die ab kommendem Herbst den Südtiroler Platz beleben werden. Es ist zwar davon auszugehen, dass diese Arbeit keine Goldsuche inklusive Umgrabaktion umfassen wird – Genaueres wird man aber bei der für September geplanten Eröffnung sehen.

Der Autor reiste auf Einladung von COS nach Berlin.

Tipp

„Silver Cloud“. Von 28. 4.–1. 5. ist die Installation öffentlich zugänglich (Liebermannstraße 24 in Berlin-Weißensee), das entstandene Video wird in Berliner COS-Schaufenstern während des Gallery Weekend (29. 4.–1. 5.) gezeigt. Siehe auch www.cosstores.com/studio und www.gallery-weekend-berlin.de

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