Die ersten Tage nach der Tschernobyl-Katastrophe
Als es am 26. April 1986 in der Ukraine zum Super-Gau kommt, erfährt die Welt nur schleichend davon. Über Liquidatoren und gesperrte Spielplätze.
Am 26. April 1986 explodiert nach einem fehlgeschlagenen Experiment - simuliert wird ein vollständiger Stromausfall, der letztlich zu einem unkontrollierten Leistungsanstieg führt - der Reaktorblock 4 des AKW Tschernobyl in der Ukraine. Eine Knallgasexplosion zerreißt das Reaktorgebäude, radioaktive Stoffe werden freigesetzt.
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Informationen über die Katastrophe dringen nur schleppend an die Öffentlichkeit. Erst nachdem im 100 Kilometer entfernten schwedischen AKW Forsmark aufgrund erhöhter Radioaktivität Alarm ausgelöst wird, meldet die sowjetische Nachrichtenagentur TASS am Abend des 28. April einen "Unfall" im Kernkraftwerk. "Die Presse" berichtet erstmals am 29. April unter dem Titel "Reaktorunfall in der UdSSR -auch Skandinavien betroffen" über die Katastrophe.
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Erst 36 Stunden nach dem Reaktorunfall wird die 50.000-Einwohner-Stadt Prypjat, die 1970 für die Arbeiter des Atomkraftwerks aus der Erde gestampft wurde, evakuiert. Dadurch werden die Bewohner einer hohen Strahlendosis ausgesetzt, viele leiden bis heute an den Spätfolgen.
Der Bevölkerung, die innerhalb von zweieinhalb Stunden mit 1200 Bussen evakuiert wird, teilen die Behörden mit, dass sie sich auf eine dreitägige Abwesenheit vorbereiten soll, zurückkehren wird sie aber nie. Dank günstiger Winde findet die stärkste Kontaminierung der Stadt durch radioaktive Niederschläge erst nach der Evakuierung statt.
Nach dem Unglück werden bis Ende 1987 rund 200.000 Aufräumarbeiter, die sogenannten Liquidatoren, eingesetzt. "Tschernobyl-Fotograf" Igor Kostin, der die Arbeit der Liquidatoren dokumentierte, sagte später darüber: "Sie durften wegen der hohen Strahlung nur für 40 Sekunden aufs Dach, warfen eine Schaufel Schutt hinunter und kamen wieder zurückgerannt. Sie bekamen eine Urkunde und 100 Rubel und wurden weggeschickt." Tatsächlich dürften bis zu 800.000 Menschen als Liquidatoren, darunter viele Soldaten und Reservisten, eingesetzt worden sein.
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Akute und chronische Erkrankungen von Liquidatoren dürfen nach Regierungsanordnungen nicht in einen Zusammenhang mit der Wirkung der Strahlen gebracht werden. Einem Überlebenden der "Spezialeinheit 731" (mehr als drei Viertel sind tot), die als erste eingesetzt wird, kürzt man noch im Jahr 2011 die Rente von umgerechnet 250 auf 150 Euro, weil er seine Erinnerungen in Buchform veröffentlicht. Die WHO spricht 2006 von 50 unmittelbaren Strahlentoten und bis zu 9000 tödlichen Krebserkrankungen. Atomgegner gehen von bis zu 250.000 Todesopfern aus. Im Bild: Zelte, in denen die Liquidatoren untergebracht wurden.
In den Siedlungen werden die Dächer aller Gebäude gesäubert.
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Auf dem Reaktorgelände werden 300.000 Kubikmeter kontaminierte Erde abgetragen, in Gräben geschoben und mit Beton versiegelt.
Mit Hochdruckwasserstrahlen lassen sich die Verunreinigungen am besten vom Objekt waschen. Wasser ist ein ideales Lösungsmittel: Die sogenannten Radionuklide, also die kleinsten radioaktiven Teilchen, die auf einer Oberfläche weiter Strahlung abgeben, werden so im Wasser gebunden.
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Bis Anfang Mai wird eine 30-Kilometer-Zone rund um das AKW geräumt. Die Bevölkerung in den umliegenden Gebieten wird aber nach wie vor nicht über die Gefahren informiert. Die Behörden wollen eine Panik vermeiden. Viele Menschen befinden sich anlässlich der Feierlichkeiten zum 1. Mai im Freien. In Österreich warnt SP-Gesundheitsminister Franz Kreuzer die Bevölkerung zwar vor körperlicher Arbeit im Freien, dennoch beschließt die Wiener SPÖ, ihren Maiaufmarsch unbeirrt durchzuführen.
Indes verteilen Wolken über weite Teile Europas und schließlich über die gesamte nördliche Halbkugel radioaktiven Fallout. Wechselnde Luftströmungen treiben die Wolken zunächst nach Skandinavien, dann über Polen, Tschechien, Österreich, Süddeutschland und Norditalien. Je nach regionalen Regenfällen werden die Böden in den Ländern unterschiedlich hoch belastet. Im Bild: Eine Kinderzeichnung aus den Tagen nach der AKW-Katastrophe.
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Die Folgen der AKW-Katastrophe in Tschernobyl sind nun in ganz Europa spür- und sehbar. In Deutschland etwa werden viele Spielplätze geschlossen. Auch das österreichische Gesundheitsministerium empfiehlt, dass Kinder nicht in Sandkisten spielen sollen. Es gibt zudem Empfehlungen, Obst und Gemüse vor dem Verzehr zu schälen. Vieh soll nicht auf die Weide getrieben werden. Im Bild: Spielplatz in Berlin.
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In Kindergärten und Schulen werden die Kinder nach dem Spielen im Freien zum Händewaschen angehalten. Der zuständige Ministerialrat im Gesundheitsministerium, Peter Vychitil, warnt am 6. Mai 1986: "Bitte, bitte, Vorsicht bei Blumen am Muttertag."
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Um langfristig Schutz gegen die Strahlung zu gewähren, wurde über dem havarierten Reaktor ein "Sarkophag" aus Stahl und Beton gebaut. Der radioaktive Staub wird mit einer klebrigen Substanz auf Polymerbasis gebunden, verteilt wird diese mit Hubschraubern.
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Nachdem ferngesteuerte Fahrzeuge und Roboter auf dem Dach des Reaktors (wo die Strahlenbelastung am größten ist) zu funktionieren aufhören, wird auch hier auf die Arbeit der Liquidatoren zurückgegriffen. Mittlerweile wurde eine zusätzliche Schutzhülle errichtet, die den alten einsturzgefährdeten Sarkophag unterstützt.
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