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Der diskrete Charme des „Siegerkünstlers“

Überall Erwin Wurm – bei Pröll in St. Pölten, mit Ostermayer nach Venedig. Was Mächtige an ihm so anzieht.

Nun haben also auch die USA ihren Biennale-Venedig-Künstler 2017 bekannt gegeben, Maler Mark Bradford, schwarz, Mid-Career, tolle Galerie. Er wird Obama-Land perfekt vertreten. Wie es Erwin Wurm mit Faymann-Land tun wird bzw. hätte tun können. Hätte Kulturminister Josef Ostermayer den Mut dazu gehabt, seinen Wunsch nicht durch einen inhaltlich und taktisch völlig unnötigen Paarlauf, eine „Quotenkünstlerin“, zu verschleiern. Dass einer Künstlerin mit der Qualität von Brigitte Kowanz dieses Wort zugemutet werden muss, ist der wahre Skandal. Denn dass Wurm Ostermayers Lieblingskandidat gewesen ist, schwant der Kunstszene schon lange.

Überrascht von der gegenseitigen Sympathie ist niemand, jeder weiß um die Anziehungskraft eloquenter, repräsentativer Künstler auf Machtpolitiker von Pröll bis Ostermayer. Künstler mit Schloss könnte man diese Gattung in Österreich nennen. In Deutschland wurde für diese gern auch zynischen Trophy-Artists gerade das Wort „Siegerkünstler“ eingeführt, im gleichnamigen Essay von Kulturpublizist Wolfgang Ullrich.

Will man einen Künstler medial wirklich leiden sehen, stellt man ihn also gemeinsam mit so einem Kollegen aus, eben etwa mit Wurm, dessen verführerischen „Signature-Werken“ kein Journalist, kein Artdirector der Welt widerstehen kann (siehe Artikel oben). Es ist daher absehbar, dass Ostermayers Rechnung aufgeht – und Wurms Eyecatcher-Kunst die Berichterstattung über die Biennale 2017 dominieren wird. Und der Siegerkünstler mit Siegerkulturminister triumphal wird heimkehren können. Sei es ihnen vergönnt.

Weniger erfreulich ist die Optik der Künstlerauswahl, deren Modalitäten erstmals in Österreichs Biennale-Geschichte stillschweigend im Vorfeld geändert worden sind. Was Ostermayer bei der Präsentation sogar als Errungenschaft verkündete: Erstmals könne man Kommissäre, in diesem Fall Kommissärin Christa Steinle, gemeinsam mit den Künstlern vorstellen. Weil der Minister gleich ein Gesamtpaket ausgewählt hat. Wurde bisher immer erst der Kommissär ernannt, der dann Carte blanche bekam, konnten diesmal fertige Konzepte für die Biennale im Ministerium eingereicht werden, auf Eigeninitiative oder auf Einladung. Steinle, die steirische Wurm-Spezialistin, sei dazu vom Ministerium eingeladen worden. Die Wahl dürfte Ostermayer nicht schwergefallen sein.

Es wäre ein guter Zeitpunkt, dieses Prozedere schleunigst wieder transparenter zu machen. Wie in Frankreich, wo offiziell erst der Künstler ausgewählt wird, der selbst den Kurator wählt. Oder in den USA und England, wo Fachjurys entscheiden. Egal, wie. Nur nicht wieder so.

E-Mails an: almuth.spiegler@diepresse.com

 


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(Print-Ausgabe, 22.04.2016)